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Islamisten erobern Mossul : Irak ruft Amerika zur Hilfe

  • -Aktualisiert am

Irakische Truppen auf dem Weg nach Mossul Bild: AFP

Dschihadisten haben die zweitgrößte Stadt des Iraks und eine ganze Provinz unter ihre Kontrolle gebracht. Die Regierung in Bagdad schaut machtlos zu - und bittet um Militärhilfe.

          Die schwarzen Fahnen der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) wehen nun auch über den Dächern der nordirakischen Provinzhauptstadt Mossul. Am Dienstag nahmen Einheiten der Miliz, die sich vom Terrornetz Al Qaida losgesagt hat, die Millionenstadt und die umliegende Provinz Ninive ein. Damit erlangten die islamistischen Kämpfer erstmals die Kontrolle über eine gesamte irakische Provinz. Die irakische Regierung gab ihren Kontrollverlust über die zweitgrößte Stadt des Landes offen zu: Mossul sei „der Gnade der Kämpfer ausgeliefert“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums in Bagdad. Nach Falludscha ist das von Sunniten, Christen, Kurden, Turkmenen und Jesiden besiedelte Mossul bereits die zweite Großstadt, die seit Januar in die Hände der sunnitischen Dschihadisten von Isis gefallen ist.

          Die Regierung des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki verliert damit weiter an Einfluss. Obwohl die von Maliki kommandierte Armee seit Dezember einen Krieg gegen die Isis-Einheiten in der westlich von Bagdad gelegenen Provinz Anbar führt, gewinnt die von Abu Bakr al Baghdadi geführte Terrorgruppe stetig an Zulauf. Neben Anbar und Niniveh griffen Isis-Kämpfer am Pfingstwochenende in drei weiteren Provinzen Stützpunkte staatlicher Sicherheitskräfte an; mehr als hundert Menschen wurden bei Anschlägen getötet.

          Tausende Bewohner fliehen

          Zwar war es Armee und Polizei in Mossul, das nur siebzig Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt, seit der Ermordung des irakischen Al-Qaida-Chefs Abu Musab al Zarqawi 2006 nie gelungen, die Dschihadisten ganz zu besiegen. Mit der Einnahme des Gouverneurssitzes und des Flughafens ist Isis nun aber zur entscheidenden Macht in der im Norden des Landes gelegenen Provinz geworden. Tausende Bewohner seien in die kurdischen Provinzen Arbil und Dohuk geflüchtet, berichten Hilfsorganisationen. Der sunnitisch-schiitische Konflikt, der seit der amerikanischen Eroberung Bagdads 2003 die Region spaltet, hat mit dem Fall der Vielvölkerstadt einen neuen Höhepunkt erreicht.

          Die Einnahme Mossuls könnte nur der Anfang einer weiteren Destabilisierung der gesamten Region sein, denn die Isis-Kämpfer befreiten mehr als 1500 Gefangene aus den Gefängnissen der Stadt, wie Anwohner am Dienstag berichteten. Im Sommer 2013 bildete die Stürmung des Gefängnisses von Abu Ghraib westlich von Bagdad den Auftakt einer Isis-Offensive, an der sich Hunderte der vormals inhaftierten Kämpfer beteiligten und mit der die Terrorgruppe bis zum Jahresende weite Teile Anbars unter ihre Kontrolle brachte.

          Mossul liegt im Norden des Irak, unweit der Grenzen zu Syrien und der Türkei

          Der Bruder des Gouverneurs von Mossul, Parlamentspräsident Usama al Nudschaifi, bat den amerikanischen Botschafter in Bagdad am Dienstag um Unterstützung. Nur mit militärischer Hilfe sei der „ausländischen Eroberung durch Isis“ beizukommen. Auch an die kurdischen Peschmerga habe er ein Hilfegesuch gerichtet. Der Gouverneur von Mossul, Athil al Nudschaifi, war schon am Montag geflohen, nachdem Isis-Kämpfer das Regierungsviertel von Mossul mit Raketen beschossen hatten.

          Weit über das syrisch-irakische Grenzgebiet hinaus reicht nun der Einfluss der im Kampf gegen Syriens Präsident Baschar al Assad erstarkten Isis-Dschihadisten: Bis an die syrische Westgrenze zur Türkei ist die transnational agierende Gruppe präsent, die sich nach Angaben von Fachleuten in ihrem Vorgehen an der libanesischen Hizbullah orientiert. Der Schiitenmiliz war es mit ihrer Guerrilla-Taktik im Jahr 2000 gelungen, die israelische Armee aus dem Südlibanon zu vertreiben. Seit zwei Jahren kämpft sie der Seite Assads in Syrien gegen sunnitische Milizen – allen voran gegen die Isis-Terroristen, die die neue Speerspitze der sunnitischen Extremisten in der arabischen Welt bilden.

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