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„Islamischer Staat" in Syrien : „Ziel des IS ist ein Genozid an den Kurden“

  • Aktualisiert am

Zehntausende kurdische Syrer fliehen über die Grenze in die Türkei. Bild: AFP

Zehntausende kurdische Syrer sind vor den IS-Dschihadisten in die Türkei geflohen. Doch noch immer sind in der umkämpften Stadt Ain al Arabs viele Menschen eingeschlossen. Salih Muslim, Vorsitzender der wichtigsten syrisch-kurdischen Partei, warnt vor einem Völkermord.

          Herr Muslim, die Türkei hat am Wochenende fast 70.000 Flüchtlingen aus der Stadt Ain al Arabs, zu kurdisch Kobane, die Einreise erlaubt. Hat das die Situation in den vom „Islamischen Staat“ eingeschlossenen Gebieten entspannt?

          Ja, aber die Lage vor Ort bleibt kritisch und gefährlich. Außerdem wollen wir nicht, dass unsere Angehörigen zur Flucht in die Türkei gezwungen werden. Es gibt einen Plan, sie umzusiedeln, und gegen den wehren wir uns. Die Angriffe des „Islamischen Staats“ sind heftig und brutal. Ihre Kämpfer sind nur noch zwölf Kilometer entfernt, und die ethnischen Säuberungen gehen weiter.

          Wie viele Menschen sind vom „Islamischen Staat“ eingeschlossen?

          Eine halbe Million. In den vergangenen Tagen mussten Dutzende Dörfer evakuiert werden, um die Menschen vor dem Anrücken der Terrorgruppe zu schützen. Die meisten sind nun im Zentrum der Stadt untergebracht.

          Von wie vielen Seiten wird Kobane angegriffen?

          Von drei. Der „Islamische Staat“ kontrolliert bereits die Grenzstädte Jarabulus und Tall Abayad, westlich und östlich von Kobane. Dort sind die Basen, von denen die Angriffe gestartet werden. Außerdem erfolgt der Vormarsch aus Sirin südlich von Kobane.

          Kobane

          Wer verteidigt die Stadt?

          Jeder, der eine Waffe tragen kann. Anfangs waren es nur unsere Volksverteidigungseinheiten YPG, aber seit der Eskalation vergangene Woche machen alle mit. Auch gibt es Berichte darüber, dass die Volksverteidigungseinheiten HPG der Arbeiterpartei Kurdistans PKK sich mit Hunderten Mann unserem Kampf angeschlossen haben.

          Reicht das aus, um den Ansturm des „Islamischen Staats“ auf Dauer zu stoppen?

          In der jetzigen Situation können wir jede Hilfe gebrauchen - lieber heute als morgen. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht bald aufwacht, werden wir eine Wiederholung des Massakers erleben, wie es an den Yeziden in Sindschar im August verübt wurde. Ziel des „Islamischen Staats“ ist ein Genozid an den Kurden.

          Die Vereinigten Staaten und Frankreich bombardieren bislang lediglich IS-Stellungen im Irak. Wünschen Sie sich Luftangriffe auch in Syrien?

          Wir wären gerne Teil der Koalition gegen den „Islamischen Staat“. Und wir haben viel Erfahrung mitzubringen: Seit anderthalb Jahren verteidigen YPG-Einheiten kurdische Gebiete gegen die Dschihadisten. Wir sind in Syrien die einzig aktive Kraft gegen den „Islamischen Staat“.

          Was fordern Sie?

          Wir brauchen alles. Aber was wir erstes benötigen, sind schwere Waffen, um die amerikanischen Panzer des „Islamischen Staats“ zu stoppen. Sie verfügen über mindestens fünfzig. Mit unserem traditionellen Gerät kommen wir dagegen nicht an. Und darüber hinaus brauchen wir natürlich auch humanitäre Hilfe.

          Haben Sie Kontakt zu amerikanischen oder französischen Offiziellen in dieser Frage?

          Nein, auch wenn wir an vielen Türen anklopfen. Aber sie wollen noch nicht auf uns hören.

          Sie haben gerade eine Vereinbarung mit der Freien Syrischen Armee (FSA) getroffen, künftig gemeinsam zu kämpfen. Stützt das Ihre Position gegen den „Islamischen Staat“?

          Leider nur begrenzt. Einige FSA-Brigaden, die ihren Sitz außerhalb Kobanes haben, arbeiten seit neuestem mit uns zusammen. Sie verteidigen aber vor allem ihre eigenen Stellungen südlich der Stadt. Außerdem sind wir Mitglied der „Euphrat-Vulkan“ genannten Koalition, in der arabische gemeinsam mit YPG-Brigaden kämpfen.

          Ihr Verhältnis zum irakisch-kurdischen Präsidenten Massud Barzani hat sich seit dem Angriff auf die Yeziden im syrisch-irakischen Grenzgebiet verbessert.

          Ja, das stimmt. Aber trotzdem brauchen wir die Unterstützung von allen Seiten. Kobane ist einer Belagerung ausgesetzt, und der einzige Weg, Hilfe hineinzubekommen, ist über die Türkei. Die aber lässt das nicht zu.

          Sollte der Westen mehr Druck auf Ankara ausüben?

          Wenn die Türkei es nur ermöglichen würde, humanitäre Transporte durchzulassen, wäre uns schon sehr geholfen. Aber so bleiben wir von vier Seiten eingeschlossen.

          Welche Rolle spielt die Regierung in Ankara in dem Konflikt?

          Auch wenn wir die Berichte von Augenzeugen vor Ort nicht verifizieren können, sind die Hinweise auf Munitionslieferungen aus der Türkei sehr glaubwürdig. In Raqqa und Mossul hat der „Islamische Staat“ zwar Panzer und Artilleriegeschütze erobern können, seinen Kämpfern aber fehlt die Munition. Und die kommen nun offenbar über Jarabulus und Tall Abyad nach Syrien.

          Die beiden Grenzstädte werden bereits vom „Islamischen Staat“ kontrolliert, auch Qamishli im Dreiländereck mit der Türkei und dem Irak wurde in den vergangenen Tagen angegriffen. Ist es das Ziel der Dschihadisten, die gesamte türkisch-syrische Grenze in ihre Hände zu bringen?

          Das ist unmöglich. Da sich außerdem keine Einheiten des Regimes Baschar al Assads in der Gegend befinden, kann auch der Kampf gegen Regierungseinheiten nicht ihr Ziel sein. Hier wohnen Zehntausende Sunniten, gegen die sie ihrer Ideologie nach eigentlich ebenfalls nicht kämpfen dürften. Was meines Erachtens deshalb übrig bleibt als Erklärung, ist, dass ihnen das Gesellschaftskonzept, welches die PYD vertritt, ein Dorn im Auge ist: Wir verfolgen ein modernes, demokratisches Modell, in dem Kurden und Araber zusammen leben können. Die Hintermänner des „Islamischen Staats“, die die Gruppe nur als Werkzeug nutzen, wollen letztlich eine solche Gesellschaftsordnung verhindern. Wir hingegen glauben, dass es ein Modell für den ganzen Nahen Osten wäre.

          Salih Muslim

          Der 1951 in der Nähe Ain al Arabs (kurdisch: Kobane) geborene Salih Muslim ist seit 2010 Vorsitzender der stärksten syrisch-kurdischen Organisation, der Partei der Demokratischen Union (PYD). Nach seinem Studium der Chemietechnik in Istanbul arbeitete er in Saudi-Arabien und kehrte in den neunziger Jahren nach Syrien zurück. 2003 trat der der PYD bei, dem syrischen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft wird. Von den Sicherheitskräften Machthaber Baschar al Assads wurde er mehrfach inhaftiert. 2010 floh er vor weiterer politischer Verfolgung in den Irak, ehe er zu Beginn der Revolution 2011 nach Syrien zurückkehrte. Sein Sohn wurde im Oktober 2013 bei Kämpfen des bewaffneten Arms der PYD, den Volksverteidigungseinheiten (YPG), gegen den „Islamischen Staat“ nahe Kobane getötet.

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