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Islamischer Staat : Im Sog des Terrors

Eine Einstellung aus einem Propagandavideo der Terrorgruppe Islamischer Staat vom Juni Bild: AFP

Die Terrorgruppe Islamischer Staat kennt keine Grenzen - weder in ihrer Brutalität noch in ihrem Operationsgebiet. Schon jetzt prägt sie auf der ganzen Welt eine neue Generation von Dschihadisten. Auch in deutschen Städten.

          3 Min.

          Es sind unerträgliche Schreckensbilder in Action-Kino-Ästhetik: die verängstigten Männer, die um ihr Leben flehen und zu ihrer Erschießung getrieben werden, die Enthauptungen, die Blutlachen. Die Kolonnen der Pritschenwagen im Wüstenstaub, vermummte Kämpfer auf den Ladeflächen. Das alles in schnellen Schnitten, wohldosierten Zeitlupen, untermalt von elegischen Gesängen. Es ist eine Inszenierung des Terrors, die so perfide ist wie perfekt. Die Propagandaabteilung des Islamischen Staates verkauft verirrten und verführten Jugendlichen den neuen, coolen Dschihad. Und allen anderen den blanken Horror, die stete Bedrohung. Man erschauert und möchte den Blick abwenden. Aber das geht nicht.

          Der Vormarsch der Dschihadisten hat auch Barack Obama die Augen geöffnet. Er hat sich dazu durchgerungen einzugreifen. Er hat begrenzte Luftangriffe angeordnet, um eine Terrorgruppe zu stoppen, die keine Grenzen kennt – weder in ihrer Brutalität noch in ihrem Operationsgebiet. Es war höchste Zeit.

          Der Islamische Staat kontrolliert das Gebiet im Nordosten Syriens und entlang des Euphrat bis in den Irak. Er hat die zweitgrößte irakische Stadt Mossul eingenommen und zu seiner Hauptstadt erklärt. Die Dschihadisten bedrohen Arbil, die Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan, ebenso wie die irakische Hauptstadt Bagdad. Sie sind gut bewaffnet, weil sie auf ihren Feldzügen reiche Beute gemacht haben. Aber sie sind nicht unbesiegbar, wie es ihre Propagandastrategen der Welt weismachen wollen.

          Der selbsternannte Kalif des „Islamischen Staates“: Abu Bakr al-Baghdadi
          Der selbsternannte Kalif des „Islamischen Staates“: Abu Bakr al-Baghdadi : Bild: AP

          Abu Bakr al Bagdadi hat sich selbst zum Kalifen ernannt. Doch in Wahrheit ist er der geistige Anführer eines Terrorismus, der mit barbarischer Gewalt vorgeht. So entsteht kein dauerhaftes Staatswesen, so entstehen Angst und Schrecken. Bagdadi erklärt allen, die ihm nicht folgen wollen, sofort den Krieg. Aber kann sein Plan aufgehen? Al-Qaida-Führer Ayman al Zawahiri, der Politiker und Arzt, wollte mit Zweckbündnissen und einer Herzen-und-Köpfe-Strategie in Syrien erst den Kampf gegen das Assad-Regime gewinnen, bevor sich seine Truppen in der Levante höheren Zielen zuwenden. Bagdadi setzte sich darüber hinweg. Jetzt hebt er Grenzen auf, die von den alten Kolonialmächten gezogen worden waren.

          Für seine jungen Kämpfer mag das unendlich attraktiv sein. Sie ziehen nicht mehr in den Krieg, um den „syrischen Brüdern“ in ihrem entbehrungsreichen Kampf gegen die Diktatur beizustehen. Sie können jetzt selbst herrschen. Bagdadis Leute treiben Steuern ein, installieren Schariagerichte und Zensurbehörden. Um die Herzen und Köpfe der Iraker scheren sie sich nicht. Wer widerspricht, verliert seinen Kopf.

          Das neue Kalifat in der Levante muss kein Staat für die Ewigkeit sein. Seiner Ausbreitung nach Norden und Süden können Amerikaner, Kurden und auch die hochnervösen Iraner Grenzen setzen. Es bliebe dann nur der Korridor im Westen. Das erbeutete Geld, der Schwarzhandel mit Öl und Treibstoff dürften nicht für immer reichen, um Bagdadis Herrschaft zu finanzieren. Die Jagd auf den Kalifen von Mossul ist längst eröffnet.

          Auch der faustische Pakt, den die von der Bagdader Zentralregierung an den Rand gedrängten sunnitischen Stämme und die Gewährsleute des gehenkten Gewaltherrschers Saddam Hussein mit den Islamisten geschlossen haben, ist ein Bündnis auf Zeit. Schon jetzt regt sich Unmut, formiert sich Widerstand. Sobald die Sunniten in Bagdad politisch eingebunden werden, wird sich ihr Blick auf die barbarischen Ausländer ändern. Gut möglich, dass der alte Al-Qaida-Führer Zawahiri am Ende die längere Lebenserwartung hat.

          Doch solange das zerstörerische Chaos in Syrien und im Irak andauert – und das können noch Jahre sein –, so lange stehen die Überlebenschancen des Islamischen Staates gut. Jeder Monat, jedes Jahr, in dem Bagdadi ein Quell der Angst oder unheiliger Inspiration ist, festigt sein Vermächtnis, verstärkt seine Anziehungskraft, schafft neuen Nährboden für Extremismus – und damit ein Problem auch für uns.

          Denn der Islamische Staat prägt auf der ganzen Welt eine neue Generation von Dschihadisten. Es gibt deutsche Selbstmordattentäter, deutsch-französische Dschihad-Freundschaften, Dschihad-Ehen. Im Internet ist eine Parallelwelt entstanden, in der Jugendliche die Schreckensbilder aus dem Kriegsgebiet mit einer beiläufigen Abgeklärtheit kommentieren, als handle es sich um eine Kneipenkeilerei. In deutschen Provinzstädten bilden sich Dschihadistenzellen. Anhänger Bagdadis und Angehörige der Minderheiten, die seine Kämpfer im Irak massakrieren, gehen sogar auf offener Straße mit Stöcken und Steinen aufeinander los.

          Die Propaganda des Islamischen Staats injiziert ihr Gift auch in unsere Gesellschaft. Es mag gute Gründe zur Zurückhaltung gegeben haben, um nicht alles noch schlimmer zu machen. Um sich nicht in den Krieg in der Levante hineinziehen zu lassen. Doch wir dürfen nicht verkennen, dass es nicht viel schlimmer werden kann. Und dass wir längst in seinen Sog geraten sind.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

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