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Leben im „Islamischen Staat“ : Kinderlieder vom Dschihad

  • -Aktualisiert am

Zerstörte Stadt: Mossul im Nordirak wurde vor einem Jahr von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ überrollt. Bild: dpa

In Mossul wächst eine „Generation Kalifat“ unter islamistischer Herrschaft heran. Kinder werben Kinder an, Jugendliche werden mit Privilegien gelockt und rund um die Stadt entstehen Trainingscamps für Islamisten.

          Eines der neueren Propagandamittel des „Islamischen Staates“ (IS) ist eine mobile Kanzel, von der aus die Terroristen ihre Botschaften unter das Volk bringen. Neulich wurde die rollende Bühne in einem Vergnügungspark im irakischen Mossul vorgefahren. Denn Adressat der Veranstaltung waren explizit Kinder. Zu sehen ist das Geschehen in einem Videoclip, den die Terroristen über Twitter und Facebook verbreiteten. Schwer bewaffnete Kinder in militärischen Uniformen halten darin leidenschaftliche Plädoyers für den Dschihad.

          „Hört mir zu. Ich gebe euch einen guten Ratschlag, ihr müsst für Gott kämpfen und dem Kalifat die Treue schwören“, ruft eines der Kinder durch ein Megafon. „Die Kinder in diesem Video sind Söhne von IS-Angehörigen“, sagt Younis al Zubaidi, ein pensionierter Armeeoffizier, der Bekannte mit engen Beziehungen zum IS hat, am Telefon. „Sie wurden speziell für ihre Rolle trainiert, die anderen Jugendlichen in Mossul zu beeindrucken und sie dazu zu bewegen, sich der Gruppe anzuschließen.“

          „Generation des Kalifats“ - so bezeichnet die IS-Propaganda Kinder unter 12 Jahren. Der Begriff soll zum Ausdruck bringen, dass diese Kinder in einem „Islamischen Staat“ aufwachsen werden, dass es also der Regierung nicht gelingen werde, die vom IS kontrollierten Gebiete zurückzuerobern. Um den Kindern von früh auf islamistisches Gedankengut zu vermitteln, schickt der IS seine Leute regelmäßig in Koranschulen und auch andere Schulen. Dort erzählen sie ihnen von Ungläubigen und dem Heiligen Krieg - und bringen ihnen religiöse Lieder über den Dschihad bei. An den weiterführenden Schulen verteilen sie CDs an die Schüler, auf denen Fotos von militärischen Operationen und religiöse Lieder gespeichert sind.

          „Das ist der Grund, warum manche Eltern ihre Schüler nicht mehr in die Schule schicken“, sagt der Lehrer Mahmoud Ali aus Mossul in einem Telefoninterview. „Sie haben Angst, dass ihre Kinder mit dem IS in Kontakt kommen und durch die Predigten der Kämpfer zum Mitmachen ermuntern werden. Ich persönlich kenne viele Schüler, die die Schule verlassen haben, um für den IS zu kämpfen. Manche von ihnen wurden zu Selbstmordattentätern.“

          „Schaut mal in einem der Trainingslager nach“

          Die Angst um ihre Kinder hat die Bewohner Mossuls zu Zynikern gemacht. Inzwischen ist es fast zu einer Art „Running Gag“ geworden: Immer dann, wenn ein Kind in einer Familie gesucht wird, heißt es „Schaut mal in einem der Trainingslager nach“ - also dort, wo der IS seine Terroristen ausbildet. Denn es heißt, viele der neuen Rekruten in den Lagern außerhalb Mossuls seien Minderjährige. Auch bei den jüngsten Selbstmordattentaten bestätigte sich diese Sorge: Sie wurden häufig von sehr jungen IS-Kämpfern verübt.

          Schon bei der Eroberung Mossuls im vergangenen Jahr hatte der IS jugendliche Bewohner der Stadt, die sich als besonders enthusiastische Anhänger zeigten, ausgewählt und sie zur Waffenausbildung in ihre syrische „Hauptstadt“ Raqqa geschickt. Seither hätten sie rund um Mossul eine ganze Reihe von Trainingslagern errichtet, sagt der pensionierte Offizier Zubaidi.

          Für manche junge Rekruten mag ausschlaggebend sein, dass sie im IS Privilegien genießen. Sie dürfen öffentlich Waffen tragen, sie fahren große Autos und werden gut bezahlt. Und natürlich gibt es auch andere Gründe: Haj Ahmad, ein 16 Jahre alter Jugendlicher aus Mossul, rannte nach einem Streit mit seinem Vater von Zuhause weg. Seine Familie fand ihn schließlich in einem IS-Trainingslager am Stadtrand. Mithilfe eines Nachbarn, der dem IS angehört, gelang es der Familie, ihren Sohn wieder nach Hause zu bringen. Anschließend sagte er, das Training sei sehr hart gewesen und nicht so, wie er es sich vorgestellt habe.

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