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Ägypten : Mit dezentem Gebetsfleck auf der Stirn

Wie sekular wird die Zukunft des ägyptischen Staates? Bild: AFP

Ägyptens Machthaber lässt die Muslimbrüder verfolgen. Doch ohne religiöses Mäntelchen kann selbst er das Land nicht regieren. Ist das Land auf dem Weg in eine Moraldiktatur?

          In der Arabischen Republik Ägypten hat das Chaos viele Gesichter. Beispielsweise stellt es dort bereits eine Form von Chaos dar, wenn jemand während des Ramadans in der Öffentlichkeit isst oder trinkt. So jedenfalls sieht es das Dar al Ifta, eine Behörde, die für den Staat islamische Rechtsgutachten erstellt. Der öffentliche Konsum während des Fastenmonats sei „eine Form von Chaos“, urteilte das Fatwa-Amt kurz vor dem Beginn des zurückliegenden Ramadans im Juni.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Es handele sich nicht um eine Frage des persönlichen Lebenswandels, sondern um eine offen vorgetragene Sünde und eine Verletzung der gesellschaftlichen Integrität. Wenige Tage später führte die Polizei Razzien in mehreren – tagsüber geöffneten – Cafés in Kairo durch, angeblich weil deren Inhaber über keine Lizenz verfügten.

          Es war nicht das erste Mal in Ägypten, dass öffentliche Verstöße gegen das islamische Fastengebot geahndet wurden. Gesetzlich verboten ist die Nichtbeteiligung am Fasten jedoch nicht, und so hat der Vorgang die Befürchtungen derjenigen befördert, die das Land auf dem Weg in eine Moraldiktatur sehen.

          Ist Ägypten auf dem Weg in eine Moraldiktatur?

          Aber hatte der jetzige Präsident Abd al Fattah al Sisi nicht im Jahr 2013 den damaligen Staatschef Muhammad Mursi gestürzt, um einen islamischen Staat zu verhindern? Ist nicht Ägypten ein zwar islamisch geprägtes Land, das aber Glaubensfreiheit gewährleistet und dessen Staatsaufbau säkularen Grundsätzen folgt?

          Tatsächlich ist die Frage der Allgemeinverbindlichkeit des Ramadans nur der jüngste Ausbruch eines seit langem schwelenden Konflikts, der die Grundlagen von Staat und Gemeinwesen betrifft – und der weit über Ägypten hinausreicht. In Iran wurde die Idee einer „Islamischen Republik“ 1979 in die Tat umgesetzt.

          In Algerien hat der islamistische Terrorismus in den neunziger Jahren bis zu 150.000 Todesopfer gefordert. Und in der Türkei kam mit der AKP eine Partei, die sich auf den Islam berief, erstmals an die Macht. Aber nirgends haben sich so prototypische und für die Region folgenreiche Debatten um das Verhältnis von Islam und Staat abgespielt wie in Ägypten.

          Hier wurden die theoretischen Fundamente gelegt, auf denen Parteien wie die Muslimbrüder ihre Vorstellungen einer islamischen Demokratie gründeten. Hier entwarfen islamistische Ideologen die Konzepte, die zur Entstehung von Terrorgruppen wie Al Qaida führten. Hier wurde ein Staatschef ermordet, weil er manchen als ungläubiger „Pharao“ galt.

          Wie viel Religion braucht ein Staat?

          Hier wurde erstmals ein islamistischer Präsident frei vom Volk gewählt. Hier war aber auch der Widerstand stets am stärksten – nicht nur vom Militär, sondern auch von Seiten säkularistischer Intellektueller, die Religion und Staat getrennt sehen wollten.

          Manche dieser Denker wurden ins Exil getrieben, andere umgebracht – und spätestens seit der Restauration nach der Arabellion von 2011 haben sich die meisten Verbliebenen in die innere Emigration verabschiedet.

          Die vielleicht prägendste Frage des islamischen Nahen Ostens seit dem Anbruch der Moderne ist dadurch offengeblieben: Wie viel Religion braucht der Staat, und gibt es ein funktionierendes islamisches Staatsmodell?

          Für die Vordenker des modernen ägyptischen Staats war die Sache vergleichsweise klar: Europa galt den Reformern des 19. Jahrhunderts als Vorbild. Dass der Religion eine wichtige Rolle zukommt, stand zugleich außer Frage. Kompliziert machte die Angelegenheit der Kolonialismus, der den Nahen Osten sukzessive politisch und wirtschaftlich unterjochte und 1882 auch Ägypten erreichte, in Form einer britischen Besatzung.

          Arabischer Nationalismus im modernen Islam

          Die folgenden Jahrzehnte waren von erhitzten Debatten im aufblühenden Pressewesen geprägt. Diskutiert wurde dabei vor allem, erstens, ob die offenkundig hinter Europa zurückgefallene islamische Welt sich zu sehr von ihrem Erbe entfernt habe oder zu wenig.

          Und zweitens, welcher Weg aus der Misere führen könne: die Rückbesinnung auf einen von allen „Verfälschungen“ gereinigten (und zugleich mit modernen Erkenntnissen kompatiblen) Islam, wie ihn die sogenannte Salafiya-Bewegung propagierte, oder die Etablierung eines säkularen (wenngleich von der islamischen Zivilisation geprägten) arabischen Nationalismus, wie ihn vor allem christliche Araber aus der Levante vertraten.

          Diese beiden Archetypen eines arabischen Selbst- und Staatsverständnisses bildeten die Grundlage aller wichtigen Ideologien des 20. Jahrhunderts, sie brachten die „Freien Offiziere“ um Gamal Abd al Nasser hervor und die Muslimbrüder.

          Letztere waren 1928 in der Kleinstadt Ismailiya am Suez-Kanal entstanden. Ihr Gründer, der Volksschullehrer Hassan al Banna, hatte Anfang der zwanziger Jahre in Kairo begonnen, gegen die Verwestlichung zu predigen; auch in der Muslimbruderschaft vereinte er konservative religiöse Visionen mit modernen Methoden der Missionsarbeit.

          Abspaltung militantisch-politischer Gruppen

          Ging es den „Ikhwan“ (Brüdern) in sozialer Hinsicht um die Verbreitung des „wahren Islams“ als moralischer Basis einer erneuerten Gesellschaft, so forderten sie politisch die „Einheit“: der Ägypter, der Muslime, letztlich der gesamten Menschheit – natürlich unter islamischen Vorzeichen.

          Sich darauf einzulassen, waren die herrschenden Eliten nicht gewillt. Hassan al Banna, der innerhalb der Muslimbruderschaft bewaffnete Einheiten aufgestellt hatte, wurde 1949 wohl im Auftrag der Regierung des Königs ermordet. Aber auch die ab 1952 regierenden Freien Offiziere gingen bald harsch gegen die Islamisten vor.

          Kein „ungläubiger Pharao“: Ägyptens Prisädent Abd al Fattah al Sisi Ende 2014 beim Gebet zum Opferfest

          Jahrzehnte der Unterdrückung veranlassten die Hauptströmung der Muslimbrüder dazu, sich öffentlich für einen gewaltlosen „Marsch durch die Institutionen“ auszusprechen, führten zugleich aber zu Abspaltungen militanter Gruppen – und zu folgenreichen theoretischen Erörterungen über das Verhältnis von Islam und Herrschaft.

          In der Vergangenheit gab es kein tragfähiges Konzept

          Die folgenreichste stellte Sayyid Qutb an: Ein Herrscher, der nicht nach islamischen Grundsätzen regiere, behauptete der 1966 hingerichtete islamistische Theoretiker, führe das Volk de facto in die Zeit vor der Entstehung des Islams zurück – in die „Epoche der Unwissenheit“ (Dschahiliya). Damit schließe er sich selbst aus der Gemeinschaft der Muslime aus und müsse bekämpft werden wie im Dschihad.

          Qutb lieferte den theoretischen Unterbau für den Dschihadismus und dessen Kampf gegen arabische Regime; zahlreiche Radikale wurden von ihm inspiriert, unter ihnen der heutige Anführer von Al Qaida, Ayman al Zawahiri, und der „blinde Scheich“ Omar Abdul Rahman, der im Zusammenhang mit dem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 eine lebenslange Haftstrafe in den Vereinigten Staaten verbüßt.

          Phasenweise gab es bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen dem ägyptischen Staat und militanten Islamisten. Deren spektakulärste Tat war die Ermordung von Präsident Anwar al Sadat 1981, viele weitere Attentate auf Politiker, Intellektuelle und Touristen folgten. Spätestens beim Anschlag von Luxor 1997 mit 62 Toten zeigte sich, dass die Fanatiker nicht die Unterstützung der Bevölkerung hatten. Ein tragfähiges Konzept für einen islamischen Staat besaßen sie sowieso nicht.

          Integristen: „Religion ist für alles eine Leitlinie“

          Die Gewaltwelle der neunziger Jahre war auch ein Ergebnis des Umstands, dass die Suche nach einem Ausgleich zwischen den beiden Modellen Ende der achtziger Jahre in eine Sackgasse geraten war. „Die sogenannten Integristen waren der Ansicht, dass die Religion für alles die Leitlinie stellen muss“, sagt der Bremer Islamwissenschaftler Alexander Flores, der sich ausführlich mit diesen Debatten beschäftigt hat. „Dagegen waren die Säkularisten der Meinung, das politische und gesellschaftliche Leben müsse von direkter religiöser Einflussnahme freigehalten werden.“

          Als deutlich wurde, dass die Positionen unvereinbar blieben, „sank die Diskussion von einer theoretischen auf eine praktische Ebene“. Die Ermordung des scharfzüngigen, islamismuskritischen Publizisten Farag Foda auf offener Straße 1992 war das Fanal dafür.

          Die Bluttat, der eine Verketzerung Fodas durch drei Dutzend Islamgelehrte der staatsnahen Azhar-Universität vorausgegangen war, zeigte auch die bedenkliche Rolle des Staates in dieser Tragödie auf. Der unterdrückte die Islamisten einerseits, machte ihnen andererseits aber immer wieder Zugeständnisse, etwa im Familienrecht oder im kulturellen Bereich, wo regelmäßig Bücher und Filme zensiert wurden.

          Mursi verhinderte schon früh eine islamische Demokratie

          Eine gesellschaftliche Islamisierung, um dem politischen Islamismus den Wind aus den Segeln zu nehmen – diese Strategie erwies sich als Bumerang: Sie vermehrte die Zahl der Kopftücher auf Kairos Straßen, ohne die Popularität der Muslimbrüder spürbar zu schmälern.

          Mursis Präsidentschaft wurde nach nur einem Jahr durch das Militär beendet.

          Nach dem erzwungenen Rücktritt Präsident Husni Mubaraks 2011 ergab sich für die Ikhwan unerwartet eine Machtoption. Dass der knappe Sieg ihres Kandidaten Muhammad Mursi bei der Präsidentenwahl im Juni 2012 nur ein Jahr später in der Machtübernahme durch das Militär endete, hatte seine Gründe zum einen in den unübersehbaren Schwächen des „zivilen Staates mit islamischem Referenzrahmen“, wie das politische Konzept der Muslimbrüder seit 2005 betitelt war. Zwar bekannten sich die Islamisten zu Wahlen und einem Mehrparteiensystem; einige der vorgesehenen Bestimmungen zu Frauen und Nichtmuslimen aber waren mit einer liberalen Demokratie nicht vereinbar.

          Vor allem aber waren es der Widerstand der Vertreter des alten Regimes sowie Mursis mangelndes Vermögen, andere Strömungen einzubinden, die das Projekt einer islamischen Demokratie im Land nachhaltig diskreditierten. Die Muslimbrüder stehen seither abermals am Scheideweg: Teile der verfolgten Bewegung rufen angesichts der harschen Repression zum gewaltsamen Widerstand auf, während die alte Garde dies ablehnt.

          Die versteckte Macht des Militärs

          Die Frage, welche Rolle die Religion im Staat spielen soll, ist unterdessen alles andere als geklärt. Seit Monaten streiten Politiker darüber, ob auf offiziellen Dokumenten die Religionszugehörigkeit genannt werden soll und ob ein Artikel, der die Verächtlichmachung der abrahamitischen Religionen sowie die Propagierung von Atheismus unter Strafe stellt, nicht der ebenfalls verankerten Meinungsfreiheit widerspricht.

          Mehrere Ägypter waren in jüngerer Zeit wegen Blasphemie verurteilt worden. Dabei spielt der Islam in der ägyptischen Verfassung, die Sisi nach der Machtübernahme erarbeiten ließ und die seit 2014 gilt, eine geringere Rolle als zuvor; auch wenn die „Prinzipien der Scharia“ nach Artikel 2 noch immer „die Hauptquelle der Gesetzgebung“ bilden.

          In Ramadan-Razzien und Blasphemie-Urteilen sieht der Islamwissenschaftler Flores vor allem den Versuch des Regimes, sich in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten „ein islamisches Mäntelchen umzuhängen“. Als Instrument dazu dient die einflussreiche Azhar-Universität, die von der Regierung kontrolliert wird.

          Auch Staatschef Sisi sei durchaus bestrebt, „sich als guter Muslim zu inszenieren“, so Flores. Tatsächlich war der Islamistenfeind und frühere Militär in der Zeit seiner Präsidentschaftskandidatur auf Plakaten mit einem dezenten Gebetsfleck auf der Stirn abgebildet, dem Zeichen eines frommen Muslims.

          Die Militäruniform hingegen tauschte er für das neue Amt gegen einen Anzug ein. Eine passende Verkleidung: Denn während Ägypten nur gerade so islamisch zu sein hat, wie es dem Regime genehm ist, hat das Militär hinter den Kulissen mehr Macht denn je.

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