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Ägypten : Mit dezentem Gebetsfleck auf der Stirn

Als deutlich wurde, dass die Positionen unvereinbar blieben, „sank die Diskussion von einer theoretischen auf eine praktische Ebene“. Die Ermordung des scharfzüngigen, islamismuskritischen Publizisten Farag Foda auf offener Straße 1992 war das Fanal dafür.

Die Bluttat, der eine Verketzerung Fodas durch drei Dutzend Islamgelehrte der staatsnahen Azhar-Universität vorausgegangen war, zeigte auch die bedenkliche Rolle des Staates in dieser Tragödie auf. Der unterdrückte die Islamisten einerseits, machte ihnen andererseits aber immer wieder Zugeständnisse, etwa im Familienrecht oder im kulturellen Bereich, wo regelmäßig Bücher und Filme zensiert wurden.

Mursi verhinderte schon früh eine islamische Demokratie

Eine gesellschaftliche Islamisierung, um dem politischen Islamismus den Wind aus den Segeln zu nehmen – diese Strategie erwies sich als Bumerang: Sie vermehrte die Zahl der Kopftücher auf Kairos Straßen, ohne die Popularität der Muslimbrüder spürbar zu schmälern.

Mursis Präsidentschaft wurde nach nur einem Jahr durch das Militär beendet.

Nach dem erzwungenen Rücktritt Präsident Husni Mubaraks 2011 ergab sich für die Ikhwan unerwartet eine Machtoption. Dass der knappe Sieg ihres Kandidaten Muhammad Mursi bei der Präsidentenwahl im Juni 2012 nur ein Jahr später in der Machtübernahme durch das Militär endete, hatte seine Gründe zum einen in den unübersehbaren Schwächen des „zivilen Staates mit islamischem Referenzrahmen“, wie das politische Konzept der Muslimbrüder seit 2005 betitelt war. Zwar bekannten sich die Islamisten zu Wahlen und einem Mehrparteiensystem; einige der vorgesehenen Bestimmungen zu Frauen und Nichtmuslimen aber waren mit einer liberalen Demokratie nicht vereinbar.

Vor allem aber waren es der Widerstand der Vertreter des alten Regimes sowie Mursis mangelndes Vermögen, andere Strömungen einzubinden, die das Projekt einer islamischen Demokratie im Land nachhaltig diskreditierten. Die Muslimbrüder stehen seither abermals am Scheideweg: Teile der verfolgten Bewegung rufen angesichts der harschen Repression zum gewaltsamen Widerstand auf, während die alte Garde dies ablehnt.

Die versteckte Macht des Militärs

Die Frage, welche Rolle die Religion im Staat spielen soll, ist unterdessen alles andere als geklärt. Seit Monaten streiten Politiker darüber, ob auf offiziellen Dokumenten die Religionszugehörigkeit genannt werden soll und ob ein Artikel, der die Verächtlichmachung der abrahamitischen Religionen sowie die Propagierung von Atheismus unter Strafe stellt, nicht der ebenfalls verankerten Meinungsfreiheit widerspricht.

Mehrere Ägypter waren in jüngerer Zeit wegen Blasphemie verurteilt worden. Dabei spielt der Islam in der ägyptischen Verfassung, die Sisi nach der Machtübernahme erarbeiten ließ und die seit 2014 gilt, eine geringere Rolle als zuvor; auch wenn die „Prinzipien der Scharia“ nach Artikel 2 noch immer „die Hauptquelle der Gesetzgebung“ bilden.

In Ramadan-Razzien und Blasphemie-Urteilen sieht der Islamwissenschaftler Flores vor allem den Versuch des Regimes, sich in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten „ein islamisches Mäntelchen umzuhängen“. Als Instrument dazu dient die einflussreiche Azhar-Universität, die von der Regierung kontrolliert wird.

Auch Staatschef Sisi sei durchaus bestrebt, „sich als guter Muslim zu inszenieren“, so Flores. Tatsächlich war der Islamistenfeind und frühere Militär in der Zeit seiner Präsidentschaftskandidatur auf Plakaten mit einem dezenten Gebetsfleck auf der Stirn abgebildet, dem Zeichen eines frommen Muslims.

Die Militäruniform hingegen tauschte er für das neue Amt gegen einen Anzug ein. Eine passende Verkleidung: Denn während Ägypten nur gerade so islamisch zu sein hat, wie es dem Regime genehm ist, hat das Militär hinter den Kulissen mehr Macht denn je.

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