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Ägypten : Mit dezentem Gebetsfleck auf der Stirn

Und zweitens, welcher Weg aus der Misere führen könne: die Rückbesinnung auf einen von allen „Verfälschungen“ gereinigten (und zugleich mit modernen Erkenntnissen kompatiblen) Islam, wie ihn die sogenannte Salafiya-Bewegung propagierte, oder die Etablierung eines säkularen (wenngleich von der islamischen Zivilisation geprägten) arabischen Nationalismus, wie ihn vor allem christliche Araber aus der Levante vertraten.

Diese beiden Archetypen eines arabischen Selbst- und Staatsverständnisses bildeten die Grundlage aller wichtigen Ideologien des 20. Jahrhunderts, sie brachten die „Freien Offiziere“ um Gamal Abd al Nasser hervor und die Muslimbrüder.

Letztere waren 1928 in der Kleinstadt Ismailiya am Suez-Kanal entstanden. Ihr Gründer, der Volksschullehrer Hassan al Banna, hatte Anfang der zwanziger Jahre in Kairo begonnen, gegen die Verwestlichung zu predigen; auch in der Muslimbruderschaft vereinte er konservative religiöse Visionen mit modernen Methoden der Missionsarbeit.

Abspaltung militantisch-politischer Gruppen

Ging es den „Ikhwan“ (Brüdern) in sozialer Hinsicht um die Verbreitung des „wahren Islams“ als moralischer Basis einer erneuerten Gesellschaft, so forderten sie politisch die „Einheit“: der Ägypter, der Muslime, letztlich der gesamten Menschheit – natürlich unter islamischen Vorzeichen.

Sich darauf einzulassen, waren die herrschenden Eliten nicht gewillt. Hassan al Banna, der innerhalb der Muslimbruderschaft bewaffnete Einheiten aufgestellt hatte, wurde 1949 wohl im Auftrag der Regierung des Königs ermordet. Aber auch die ab 1952 regierenden Freien Offiziere gingen bald harsch gegen die Islamisten vor.

Kein „ungläubiger Pharao“: Ägyptens Prisädent Abd al Fattah al Sisi Ende 2014 beim Gebet zum Opferfest

Jahrzehnte der Unterdrückung veranlassten die Hauptströmung der Muslimbrüder dazu, sich öffentlich für einen gewaltlosen „Marsch durch die Institutionen“ auszusprechen, führten zugleich aber zu Abspaltungen militanter Gruppen – und zu folgenreichen theoretischen Erörterungen über das Verhältnis von Islam und Herrschaft.

In der Vergangenheit gab es kein tragfähiges Konzept

Die folgenreichste stellte Sayyid Qutb an: Ein Herrscher, der nicht nach islamischen Grundsätzen regiere, behauptete der 1966 hingerichtete islamistische Theoretiker, führe das Volk de facto in die Zeit vor der Entstehung des Islams zurück – in die „Epoche der Unwissenheit“ (Dschahiliya). Damit schließe er sich selbst aus der Gemeinschaft der Muslime aus und müsse bekämpft werden wie im Dschihad.

Qutb lieferte den theoretischen Unterbau für den Dschihadismus und dessen Kampf gegen arabische Regime; zahlreiche Radikale wurden von ihm inspiriert, unter ihnen der heutige Anführer von Al Qaida, Ayman al Zawahiri, und der „blinde Scheich“ Omar Abdul Rahman, der im Zusammenhang mit dem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 eine lebenslange Haftstrafe in den Vereinigten Staaten verbüßt.

Phasenweise gab es bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen dem ägyptischen Staat und militanten Islamisten. Deren spektakulärste Tat war die Ermordung von Präsident Anwar al Sadat 1981, viele weitere Attentate auf Politiker, Intellektuelle und Touristen folgten. Spätestens beim Anschlag von Luxor 1997 mit 62 Toten zeigte sich, dass die Fanatiker nicht die Unterstützung der Bevölkerung hatten. Ein tragfähiges Konzept für einen islamischen Staat besaßen sie sowieso nicht.

Integristen: „Religion ist für alles eine Leitlinie“

Die Gewaltwelle der neunziger Jahre war auch ein Ergebnis des Umstands, dass die Suche nach einem Ausgleich zwischen den beiden Modellen Ende der achtziger Jahre in eine Sackgasse geraten war. „Die sogenannten Integristen waren der Ansicht, dass die Religion für alles die Leitlinie stellen muss“, sagt der Bremer Islamwissenschaftler Alexander Flores, der sich ausführlich mit diesen Debatten beschäftigt hat. „Dagegen waren die Säkularisten der Meinung, das politische und gesellschaftliche Leben müsse von direkter religiöser Einflussnahme freigehalten werden.“

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