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Isis-Offensive im Irak : Kurdischer Puffer oder islamistischer Terrorstaat

Auf dem Vormarsch: Kämpfer der Isis-Miliz am Mittwoch in Tikrit Bild: AP

Die türkische Regierung steht nach den Erfolgen von Isis vor einer grundlegenden Neuausrichtung ihrer Politik gegenüber den Kurden: Sie wird ihnen entgegenkommen müssen. Noch scheint ihr dieser Preis zu hoch.

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          Vor der Präsidentenwahl im August hatte sich der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan Stabilität gewünscht. Zwar setzt er im Inland auf eine kompromisslose Polarisierung, aber stets nur so weit, wie er selbst dabei den Grad der Eskalation bestimmen kann. An der südlichen Grenze der Türkei, im Norden des Iraks und Syriens, vollzieht sich jedoch eine kriegerische Zuspitzung, die sich seiner Kontrolle entzieht und die auch in die Türkei herüberschwappen könnte.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Türkei hatte in ihrem Bestreben, den syrischen Diktator Assad um jeden Preis zu beseitigen, anfangs zweifelhafte islamistische Gruppen in Syrien unterstützt. Sie hat diese Gruppen zumindest indirekt auch gefördert, um das Entstehen eines stabilen zweiten kurdischen Teilstaates im Norden Syriens zu verhindern. Vertreter der Kurden im Norden Syriens beschweren sich schon lange darüber, dass von ihnen bekämpfte islamistische Gruppen unter anderem logistische und medizinische Hilfe in der Türkei erhielten.

          Die Gefahr einer Sogwirkung, die zwei kurdische Teilstaaten – im Irak und in Syrien – auf die Kurden in der Türkei haben könnten, wurden in Ankara lange Zeit als größer gewertet als die Drohungen, die von militanten Islamisten ausgingen. Nun wird die Türkei jedoch mit der Frage konfrontiert, was das geringere Übel ist: Ein starker kurdischer Puffer an ihrer Südgrenze oder die Herrschaft islamistischer Terroristen?

          Telefonverbindung unterbrochen

          Die Hilflosigkeit der türkischen Regierung zeigte sich am Mittwoch auch darin, dass man in Ankara nicht genau wusste, wie sich die Lage in Mossul entwickelte. Die Mitteilungen offizieller Stellen blieben vage und waren, wo sie ansatzweise genauer wurden, oft widersprüchlich. Noch am Dienstag hatte es geheißen, das Personal des türkischen Konsulats in Mossul bereite einen Ausbruch aus der umkämpften Stadt vor. Am Mittwoch stellte sich dann heraus, dass es dazu nicht mehr kam: Der türkische Konsul und mehrere Mitarbeiter des Konsulats – laut einem Bericht des türkischen Fernsehsenders „CNN Türk“ auch Soldaten türkischer Sondereinheiten sowie die Kinder von Mitarbeitern – wurden von der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) entführt.

          Die reguläre Telefonverbindung mit dem Konsulat in Mossul war offenbar schon am Dienstag unterbrochen worden, nur über sein Mobiltelefon war der türkische Konsul noch zu erreichen. Die Kämpfer von Isis brachten außerdem 32 türkische Lastwagenfahrer einer Kolonne in ihre Gewalt, die Diesel transportiert hatte. Erdogan, sein Stellvertreter Besir Atalay und der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan trafen am Mittwoch zu einer Notsitzung zusammen, um über die Lage zu beraten.

          Neue Haltung zu Kurden?

          Die Fragen, über die sie debattiert haben dürften, wurden am Mittwoch auch öffentlich gestellt. Fällt nun auch Aleppo im Norden Syriens? Droht nach einer syrischen auch eine irakische Flüchtlingswelle? Welchen Preis, welche politischen Folgen wird es haben, wenn die Türkei nun auf militärische Unterstützung der Kurden im Irak und in Syrien setzt? Vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen mit den pragmatischen und gemäßigten Kurden im Nordirak haben sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt.

          Vor den Kämpfen geflohen: Einwohner Mossuls in einem Flüchtlingslager in Erbil
          Vor den Kämpfen geflohen: Einwohner Mossuls in einem Flüchtlingslager in Erbil : Bild: AP

          Ankara kam mit den Kurden im Nordirak besser aus als mit den eigenen Kurden in Südostanatolien, wo sich die Auseinandersetzungen in den vergangenen Wochen nach einer längeren Phase der Ruhe wieder gewaltsam zugespitzt haben. Gegen einen sunnitisch-arabischen „Islamischen Staat“ böte sich die massive Unterstützung einer kurdischen Pufferzone an, die dann jedoch die Unterstützung einer staatsähnlichen kurdischen Autonomie im Nordirak einschließen müsste. Das wird Begehrlichkeiten der Kurden in der Türkei wecken.

          Erdogan kann sie befriedigen, indem er die Rechte der Kurden in seinem Land aufwertet, Dezentralisierung und Regionalisierung des Landes inbegriffen. Das wäre ein hoher Preis – aber ein staatsähnliches islamistisches Terrorregime wäre ein bedeutend höherer.

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