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Dschihadisten auf dem Vormarsch : Bin Ladins Traum ist wahr geworden

  • -Aktualisiert am

Die neuen Herren von Mossul: Isis-Kämpfer patrouillieren an einem Kontrollpunkt in der zweitgrößten Stadt des Iraks Bild: REUTERS

Abu Bakr al Baghdadi ist es gelungen, in Syrien und im Irak ein riesiges islamistisches Kalifat unter seiner Kontrolle zu errichten. Der Isis-Führer ist skrupellos - und steht jetzt mächtiger da, als es Al-Qaida-Chef Usama Bin Ladin je war.

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          Der Hilferuf kam von oberster Stelle. Verzweifelt bat der Hohe Militärrat der Freien Syrischen Armee (FSA) in der Nacht auf Donnerstag um Unterstützung aller „freundlichen und brüderlichen arabischen Nationen“. Nur mit vereinten Kräften ließe sich der Fall Deir al Zours im Osten Syriens verhindern, argumentierten die syrischen Aufständischen. Insbesondere Saudi-Arabien, Qatar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien und die Türkei seien aufgefordert, der belagerten Bevölkerung der Stadt am Euphrat beizuspringen. Ansonsten wäre Deir al Zour, das nur 150 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt liegt, die dritte Provinzhauptstadt in drei Tagen, die der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) in die Hände fiele – und das in zwei Ländern.

          Seit der Eroberung der zweitgrößten Stadt des Irak, Mossul, durch die Dschihadisten am Dienstag und der Einnahme der Geburtsstadt Saddam Husseins, Takrit, am Mittwoch, sorgt die 2012 gegründete Terrorgruppe international für blankes Entsetzen. Hunderttausende sind auf der Flucht vor den Extremisten, die mit ihrer Hit-and-Run-Taktik die Armee des irakischen schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki mit einer Leichtigkeit überrannt haben, die selbst Militärfachleute überrascht. Anders als andere aus den Golf-Staaten unterstützte islamistische Milizen im Syrien-Krieg sei die von Abu Bakr al Baghdadi geführte Gruppe straff organisiert. Zudem zehre sie von der Erfahrung Hunderter ausländischer Kämpfer.

          Mächtiger als Bin Ladin es je war

          Im Irak sind nicht mehr als 8000 Mann dem Befehl Baghdadis unterstellt. Trotzdem gelang es ihnen, die Millionenstadt Mossul einzunehmen, in der Tausende Polizisten und Soldaten am Dienstag panisch ihre Uniformen wegwarfen und kampflos die Flucht ergriffen. Auch in der Provinz Anbar ist Malikis Heer mit seinen 1,5 Millionen Mann machtlos gegen die auf ihren wendigen Pritschenwagen schnell von Ziel zu Ziel eilenden Gotteskrieger. Hunderte Soldaten sind in der Grenzprovinz zu Syrien seit Jahresbeginn desertiert, viele haben sich dem 1971 in der Provinz Dyala geborenen Bagdhadi angeschlossen.

          Drei Jahre nach der Tötung Usama Bin Ladins steht der Isis-Führer mächtiger da, als es der Al-Qaida-Chef je war. Seit Januar stehen seine Kämpfer vor den Toren Bagdads, der internationale Flughafen der irakischen Hauptstadt liegt in ihrer direkten Reichweite. Das berüchtigte Gefängnis von Abu Ghraib musste Malikis Regierung im April räumen lassen, weil es mitten im Kampfgebiet steht. Weder Falludscha noch die Provinzhauptstadt Ramadi sind noch in der Hand der staatlichen Einheiten. Und die Erfolge der vergangenen Tage stärken Baghdadi weiter: In Mossul plünderten seine Männer das Hauptquartier des dritten Armeeregiments, von den erbeuteten Waffen kann die Truppe noch lange zehren.

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          Aus aller Welt haben sich sunnitische Extremisten dem mächtigen Milizenführer angeschlossen – sie bringen Jahre an Kampferfahrung mit, aus Afghanistan, Bosnien, Libyen und Syrien. Der neuen mächtigen Internationale des Dschihadismus ist es gelungen, wovon Bin Ladin in seinen Verstecken im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet nur träumen konnte: ein alle Grenzen sprengendes Kalifat zu errichten. „Die Dutzende Al-Qaida-Filialen weltweit haben heute nur noch die schwarze Fahne gemein“, sagt ein amerikanischer Offizier dieser Zeitung. „Isis hingegen folgt einem Kommando.“ Und ein klares ideologisches Ziel verfolgt die Terrorgruppe auch: Nicht nur mit Anschlägen, sondern mit gezielten Operationen, die die Möglichkeit zum taktischen Rückzug lassen, strebt die Isis-Führung die Herrschaft über die historische Levante an, das Gebiet, das von Palästina über Libanon bis Syrien reichte, und in den Irak hinein. Ganz bewusst weckt Al Baghdadi mit seinem Kampfnamen Erinnerungen an die Blütezeit des Islam: Abu Bakr war ein Kampfgefährte des Propheten Mohammed und nach dessen Tod der erste Kalif. Ihm eifert er nach.

          Dass der Milizenführer nun mächtiger dasteht als einst Bin Ladin, hat er seinem skrupellosen Vorgehen im Syrien-Krieg zu verdanken. Dort gelang es der derzeit schlagkräftigsten islamistischen Miliz der Welt schon vor einem Jahr, ganze Territorien zu beherrschen. Nicht Falludscha und Ramadi in der irakischen Provinz al Anbar waren die ersten Großstädte unter Kontrolle von Isis, sondern Raqqa. Dass Assad seine Truppen aus jenen Gegenden nahe der irakischen Grenze abzog, in denen Isis nun stark ist, ist kein Zufall: Der Feind meines Feindes ist mein Freund, lautet die Devise des Diktators in Damaskus. Seine bewaffneten Gegner reiben sich unterdessen in Kleinkriegen auf: extremistische Islamisten gegen gemäßigte FSA-Regimente, Kurden gegen Araber, Isis-Einheiten gegen die Nusra-Front, den syrischen Ableger Al Qaidas.

          Noch im ersten Kriegsjahr kämpften Isis und die von Abu Muhammad al Dschulani geführten Nusra-Kämpfer in Syrien Seite an Seite. Doch weil al Baghdadi sich 2013 weigerte, dem Befehl des Al-Qaida-Chefs Ayman al Zawahiri zum Rückzug seiner Einheiten aus Syrien Folge zu leisten, kam es zum Bruch. Aus dem Bruderkrieg ist Isis in Syrien inzwischen als stärkste Kraft hervorgegangen – nicht nur in Raqqa. Seit der Einnahme der Stadt im März 2013 führt der dortige Isis-Emir ein blutiges Terrorregime. Das von ihm kontrollierte Gebiet erstreckt sich über 300 Kilometer den Euphrat entlang Richtung irakischer Grenze. Oppositionelle, Journalisten, Rechtsanwälte und Ärzte sind in Raqqa im vergangenen Jahr hingerichtet worden. Dutzende Geiseln in den Gefängnissen der Terrorgruppe inhaftiert. Selbst der Emir der Nusra-Front in Raqqa fiel den selbst ernannten Gotteskriegern des Islamischen Staats zum Opfer: „Der Staat hat die Herrschaft Gottes auf den Emir angewandt“, teilte Isis im Januar in einer Twitter-Botschaft nach dessen Hinrichtung mit.

          Die Grenzen der Kolonialzeit gesprengt

          Was die Bewohner Raqqas seit mehr als einem Jahr durchmachen, könnte auch den Einwohnern Takrits und Mossuls bald blühen: die rücksichtslose Herrschaft islamischer Gerichte und die unbarmherzige Verfolgung allen Dissenses. Denn an Ressourcen, ihren Machtbereich auszudehnen, mangelt es al Baghdadi und den ihm unterstellten Kämpfern nicht: In der ölreichen syrischen Provinz Deir al Zour nahmen sie im vergangenen Jahr Raffinerien in ihren Besitz; im irakischen Ninive haben sie es durch Schutzgelderpressungen geschafft, ihre Kriegskassen für lange Zeit aufzufüllen.

          Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der die Dschihadisten am Donnerstag weiter Richtung Bagdad vorstießen, schickt Schockwellen durch eine Region, die noch immer unter den Folgen des Aufstandsjahres 2011 ächzt. Territorialordnungen kippen, die seit hundert Jahren in Stein gemeißelt schienen: „Die Sykes-Pycot-Grenze zerschlagen!“, schrieben Isis-Kämpfer am Dienstag auf ein Schild nahe des syrisch-irakischen Grenzübergangs Abu Kamal und rodeten mit Bulldozern eine Böschung entlang der Straße Richtung Deir al Zour. Deutlicher lässt sich nicht ausdrücken, dass für sie die Kolonialära, in der die damaligen Großmächte Großbritannien und Frankreich Irak und Syrien unter sich aufteilten, erst jetzt zu Ende geht. Und dass sie sich selbst für die neuen Herren halten – über alle Grenzen hinweg. Mehr als 600 Menschen sind bei Kämpfen rund um Deir al Zour in den vergangenen vier Wochen ums Leben gekommen. Nicht nur der Machtanspruch, auch der Terror von Isis kennt keine Grenzen. Mehr als zehn Prozent des irakischen Territoriums kontrolliert die Terrorgruppe nun. Sollte Deir al Zour in den nächsten Tagen fallen, könnte das der Auftakt für eine neue Offensive gegen die islamistischen Rivalen auch in Syrien sein.

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