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Syrien : IS-Terrormiliz rückt in historische Oasenstadt Palmyra ein

  • Aktualisiert am

Vor wenigen Tagen noch voller Zivilisten: Innenstadt von Palmyra in einer Aufnahme vom Dienstag Bild: Reuters

Die Milizen des „Islamischen Staats“ haben Palmyra erobert. Damit ist eine weitere historische Kulturstätte in die Hände der Terroristen gefallen. Sie sollen inzwischen etwa die Hälfte Syriens kontrollieren.

          Die humanitäre Lage in der vom Islamischen Staat eroberten Stadt Palmyra ist außerordentlich schwierig. Das haben Mitarbeiter der syrischen
          Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet. Es gebe kein Wasser und keine medizinische Versorgung mehr, sagte Rami Abdulrahman, der Leiter der Beobachtungsstelle. Unklar ist, wie viele Einwohner sich noch in der Stadt aufhalten. Menschenrechtler vermuten, dass es noch mehrere zehntausend Menschen sein könnten. Mehr als die Hälfte von ihnen seien Flüchtlinge.

          Das Regime hatte mehrere Luftangriffe gegen IS-Stellungen geflogen. Aktivisten des Medienzentrums Palmyra berichteten, die Terrormiliz habe eine Ausgangssperre verhängt und durchkämme die Häuser auf der Suche nach Regierungsanhängern. Mehrere Kämpfer des Regimes seien schon brutal ermordet worden.

          Bislang gibt es aber keine Berichte über Zerstörungen, sagte Abdulrahman am Donnerstag weiter. Die am südwestlichen Stadtrand gelegenen Ruinen werden von der Unesco seit 2013 als bedrohte Weltkulturstätte eingestuft. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen befürchtet, dass die Islamisten wie schon in den historischen Stätten Nimrud und Ninive im Irak auch die antiken Bauwerke in Palmyra zerstören werden. Die einstige Handelsmetropole gilt als einer der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten.

          Nach Angaben der syrischen Antikenbehörde konnten vor der Einnahme der Stadt durch die IS-Kämpfer am Mittwoch zumindest aber noch hunderte Statuen fortgeschafft werden. Auch die meisten Einwohner der Stadt wurden dem staatlichen Fernsehen nach von regierungstreuen Milizen in Sicherheit gebracht.

          „Identitätsort“ für die Bevölkerung

          Falls Palmyra vom IS zerstört werden sollte, wäre dies „ein unersetzlicher Verlust für die Menschheitsgeschichte“ und auch für das syrische Volk, sagte der Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin, Markus Hilgert. Schließlich sei die Oasenstadt nicht nur „Identitätsort“ für die Bevölkerung, sondern potentiell auch ein zentrales touristisches Ziel in dem Land.

          Die UN-Kulturorganisation Unesco rief zur Rettung der einzigartigen antiken Stätten auf. „Palmyra ist eine außergewöhnliche Welterbestätte, und jegliche Zerstörung in Palmyra wäre nicht nur ein Kriegsverbrechen, sondern auch ein enormer Verlust für die Menschheit“, warnte Unesco-Generaldirektorin Irina Bukova am Donnerstag in einer Videobotschaft. Sie forderte die internationale Gemeinschaft, einschließlich des UN-Sicherheitsrates, sowie religiöse Führer auf, sich für ein Ende der Gewalt einzusetzen. Palmyra sei eine „Wiege der menschlichen Zivilisation“, hob Bukova hervor. Die Stadt gehöre der gesamten Menschheit und sei ein Sinnbild für die gegenseitige Bereicherung der Kulturen.

          Bei den Kämpfen am vergangenen Wochenende war es den syrischen Regierungseinheiten zunächst noch gelungen, die Kämpfer der Terrorgruppe aus dem Norden Tadmurs und damit aus der Nähe von Palmyra zu verdrängen. Auf beiden Seiten seien viele Kämpfer getötet worden, hieß es. Die syrische Luftwaffe hatte zudem Angriffe auf IS-Stellungen geflogen. Am Mittwochabend meldeten Beobachter dann jedoch den Rückzug der syrischen Armee.

          Die Oasenstadt Palmyra liegt etwa 200 Kilometer nördlich von Damaskus.

          Nach dem Vormarsch in Palmyra kontrolliere der IS nun rund die Hälfte der Fläche Syriens. Die Extremisten hätten zudem fast alle Ölfelder des Landes eingenommen, sagte Rami Abdulrahman der dpa. Der IS finanziert sich zu einem großen Teil aus dem Ölschmuggel.

          Auch in Nordsyrien verlor das Regime in Kämpfen gegen Islamisten an Boden. In der Provinz Idlib rückte das aufständische Bündnis Dschaisch al-Fatah nach Berichten von Oppositionsmedien auf die Stadt Aricha vor. Die radikale Al-Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzwerks Al Qaida, und ihre Verbündeten hatten am Dienstag den letzten großen Militärstützpunkt des Regimes in der Region eingenommen. Bei Luftangriffen der Regierung starben in Idlib mehr als 70 Personen, darunter 22 Zivilisten.

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