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Kampf gegen IS : Das späte Erwachen der sunnitischen Imame

  • -Aktualisiert am

Das Bild zeigt angeblich Kämpfer des IS in Raqqa. Bild: Reuters

Nach dem grausamen Mord an einem jordanischen Piloten reagiert die islamische Welt mit Abscheu auf den IS. Diese Reaktion hat aber lange auf sich warten lassen. Erst brauchte es ein radikales Umdenken.

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          Die Reaktion der ägyptischen Al Azhar auf die Ermordung des jordanischen Kampfpiloten Moaz Kasasbeh durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) fiel überdeutlich aus. Eine Kreuzigung der IS-Terroristen und das Abschlagen ihrer Glieder seien die angemessene Strafe für die Verbrennung des Jordaniers bei lebendigem Leib, sagte Scheich Ahmad al Tayyib, der Großimam der wichtigsten Instanz des sunnitischen Islams, der Al Azhar. Es klang nach fürchterlicher Rache, nicht von Mäßigung. Eine „teuflische“ Organisation wie die Terrorgruppe werde von Gott nicht anerkannt, sodass es gerechtfertigt sei, sie auf gleiche Weise zu bestrafen.

          Vom gleichen Duktus bestimmt waren auch die Freitagspredigten in den Moscheen Ägyptens. Staatschef Abd al Fattah al Sisi hat den Zugriff auf die religiösen Gelehrten und Imame seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi 2013 verschärft. Als „Geschöpfe des Satans“ und „Feinde des Islams“ bezeichneten Prediger die Kämpfer der Terrorgruppe während der Mittagsgebete. Abgrenzung, nicht Auseinandersetzung mit den gemeinsamen religiösen Grundlagen prägt den Umgang mit den sunnitischen Dschihadisten.

          Die barbarische Tötung Kasasbehs durch den IS hat die sunnitische Welt aufgerüttelt – wenn auch reichlich spät. Schon seit März 2013 wird die nordsyrische Provinzhauptstadt Raqqa von der Sunnitenmiliz kontrolliert, ohne dass das unter sunnitischen Geistlichen zu Abscheu und Entsetzen geführt hätte. Öffentliche Hinrichtungen und Körperstrafen sind dort seitdem fester Bestandteil des IS-Tugendterrors. Auch Mossul fiel im vergangenen Juni in die Hände der Terrorgruppe, die einst aus dem irakischen Ableger Al Qaidas hervorgegangen war, ohne dass führende Repräsentanten der islamischen Welt dazu deutlich Stellung genommen hätten. Nicht der drohende Genozid an den Yeziden und auch nicht die Vertreibung Tausender Christen im vergangenen August hat die sunnitischen Religionsführer aufgeschreckt, sondern erst der qualvolle Tod des jordanischen Piloten Kasasbeh – eines Muslims.

          Scheich Ahmad al Tayyib, der Großimam der wichtigsten Instanz des sunnitischen Islams, der Al Azhar mit dem französischen Präsidenten Hollande.
          Scheich Ahmad al Tayyib, der Großimam der wichtigsten Instanz des sunnitischen Islams, der Al Azhar mit dem französischen Präsidenten Hollande. : Bild: AFP

          Die jüngsten Äußerungen des Azhar-Scheichs Tayyib sind allerdings nicht nur religiös, sondern auch politisch motiviert. Seit sich Ägypten im September der von Amerika geführten Anti-IS-Allianz angeschlossen hat, hat Präsident Sisi die Azhar-Führung dazu gedrängt, den Kampf gegen die Terrorgruppe ideologisch zu untermauern. Als „brutale, feige Organisation, die gegen himmlische Lehren“ verstößt, bezeichnete er sie nach einem Telefonat mit Jordaniens König Abdallah.

          Freilich stellte Sisi nicht die Rollenverteilung infrage, nach der Ägypten den Kampf gegen den IS nur ideologisch unterstützt, während Saudi-Arabien, Bahrein und Qatar die Luftschläge gegen Stellungen der Terrormiliz auch militärisch mittragen. Sisi erfüllt damit die Aufgabe, die auch Amerika für Kairo vorgesehen hat. Als „eine der intellektuellen und kulturellen Hauptstädte der muslimischen Welt“ erwarte er von den Religionsgelehrten der Azhar in Kairo, „dass sie sich öffentlich von der Ideologie distanzieren, die der ,Islamische Staat‘ verbreitet“, hatte der amerikanische Außenminister John Kerry bei einem Treffen mit Sisi im vergangenen Herbst gesagt, als er arabische Verbündete im Kampf gegen den IS hinter Amerika scharte. Im Gegenzug sicherte Kerry zu, die Regierung in Kairo in ihrem Kampf gegen den ägyptischen IS-Ableger Ansar Beit al Maqdis zu unterstützen, der sich inzwischen in Wilaya Sina (Staat Sinai) umbenannt hat.

          Der sunnitische Islam durchläuft eine Identitätskrise

          Von einer „Revolution unserer Religion“, wie Sisi sie zum Jahreswechsel in der Azhar anmahnte, sind die jüngsten Äußerungen Tayyibs jedoch weit entfernt. Inhaltlich, wenn auch nicht im Ton zieht sich jene Lesart des islamistischen Terrors, die die Reaktionen nach der Ermordung Kasasbehs prägte, wie ein roter Faden durch die Äußerungen religiöser Repräsentanten, seit der IS im vergangenen Sommer seinen Siegeszug von Mossul aus den Tigris hinab begann: Die IS-Kämpfer seien keine Muslime, der „wahre Islam“ werde von den gemäßigten Kräften wie der Al Azhar und der breiten Mehrheit der Gläubigen repräsentiert, heißt es. Auch König Abdallah sprach am Mittwoch von einer „feigen, fehlgeleiteten Verbrecherbande, die nichts mit unserer Religion zu tun hat“.

          Jordanien : Vergeltungsaktion gegen IS-Extremisten

          Weshalb es des grausamen Foltermords an einem Muslim vor laufender Kamera bedurfte, ehe die Stellungnahmen so deutlich ausfielen wie zuletzt, erklärt sich dadurch nicht: Eine „zionistische Verschwörung“ mit dem Ziel, „die arabische Welt zu zerstören“, sei der von Abu Bakr al Bagdadi geführte IS, hatte Tayyib noch vergangenen September gesagt. Und der Großmufti Saudi-Arabiens, das das Erstarken islamistischer Milizen in Syrien lange gefördert hatte, bezeichnete die Gruppe erst Monate nach der Einnahme Mossuls als „Feind Nummer eins des Islams“ – lange nachdem Christen und Yeziden ins Visier der sunnitischen Dschihadisten geraten waren.

          Diese Selbstbezogenheit ist Ausdruck der schweren Identitätskrise, die der sunnitische Islam durchläuft. Tayyibs Verweis auf den Koran macht deutlich, wie schwer der ideologische Kampf gegen eine Gruppe ist, die sich selbst auf das heilige Buch der Muslime bezieht. „Der Koran sieht vor, dass die Täter dieses feigen Akts, der gegen Gottes Wort verstößt, getötet oder gekreuzigt gehören oder dass ihnen Beine und Arme amputiert werden“, hatte er nach Bekanntwerden der Verbrennungsszenen gesagt.

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