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IS-Großangriff im Nordirak : Dramatische Hilferufe der Yeziden

Auf dem Vormarsch: Kämpfer des Islamischen Staats, aufgenommen Anfang Juni im Nordirak Bild: AFP

Der „Islamische Staat“ greift mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen die eingeschlossenen Yeziden im Sindschar-Gebirge an. Umzingelte verabschieden sich per SMS von ihren Angehörigen. Amerikanische Luftangriffe gegen die Islamisten bleiben bislang aus.

          Seit den frühen Morgenstunden sind im Nordirak wieder mehr als zehntausend Yeziden auf der Flucht. Dabei ist die Lage für die Yeziden um die Sindschar-Berge dramatischer als im August. Seither haben die Krieger des „Islamischen Staats“ (IS) den gesamten Gebirgszug umstellt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Um drei Uhr nachts begann der Großangriff des IS, unterstützt von Panzern und gepanzerten Humvees. Sie haben im Laufe des Vormittags alle Dörfer am Fuß des Massivs, wie Duhola und Borik, eingenommen und die Einwohner vertrieben. Über zehntausend verzweifelte Zivilisten haben sich in das rettende Bergmassiv abgesetzt, das aber vom „Islamischen Staat“ umzingelt ist. Im Laufe des Nachmittags brachten die Terroristen auch den Schrein von Scherfedin, das zweitwichtigste Heiligtum der Yeziden, unter ihre Kontrolle und begannen damit, es zu entweihen. In der Vergangenheit hatten IS-Kämpfer aus anderern Heiligtümern von Muslimen, die nicht ihrer Auslegung des Islam folgen, Gegenstände gestohlen, die Heiligtümer verschandelt oder zestört. Die Umzingelten setzen dramatische Hilferufe ab. Um die Mittagszeit sendete ein Angehöriger einer Miliz aus einer umzingelten Ortschaft ein vielleicht letztes Lebenszeichen an seinen in Deutschland lebenden Bruder: „Lebe wohl, und sorge für meine Kinder“, schrieb er in der Kurznachricht.

          Sie könnten Entlastung bringen: Amerikanische Kampfflugzeuge wie diese F-18 auf dem Deck des Flugzeugträgers USS Carl Vinson

          Seit drei Tagen regnet es in der Region, was die Flucht der Menschen erschwert. Nebel verhindert, dass Hubschrauber mit Nahrungsmitteln landen können. Anders als im August sind die Menschen ohne viel Proviant geflüchtet. Einige Tausend leicht bewaffnete Milizionäre der Yeziden halten gegen die Übermacht des IS aus. Die kurdischen Peschmerga hatten ihnen vor allem Kalaschnikows gegeben.

          Möglicherweise wegen der schlechten Sicht haben bisher keine Luftangriffe der Anti-IS-Koalition versucht, die vorrückenden IS-Krieger zu stoppen. Die Yeziden beklagen, dass ihnen die kurdischen Peschmerga nicht zu Hilfe eilten. Sie fürchten, dass die Terroristen abermals Frauen und Kinder verschleppen, um sie als Sklaven zu verkaufen, und dass sie die Männer hinrichten. Die Furcht ist deshalb groß, weil der IS das ganze Gebirgsmassiv umzingelt hat. Möglicherweise will der IS auch die deutschen Staatsbürger unter den Yeziden ergreifen, um an ihnen ein Exempel zu statuieren oder Lösegeldforderungen zu stellen.

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