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Syrisches Grenzgebiet : Flucht vor den Häschern des „Islamischen Staates“

Der Wind pfeift, die Straßen sind matschig und bald soll es schneien: Ein Flüchtlingslager der Yeziden in Syrisch-Kudistan Bild: Fricke, Helmut

Mit Hilfe kurdischer Kämpfer retteten sich 150.000 Yeziden vor den Dschihadisten über den Tigris. Viele andere schafften es nicht mehr – ihre Töchter wurden versklavt.

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          Träge fließt seit ewigen Zeiten der Tigris dahin, wenn er das Taurusgebirge verlässt und sich seinen Weg in das fruchtbare Hügelland des oberen Mesopotamiens bahnt, das im November nach dem ersten Winterregen in frischem Grün leuchtet. Aber erst seit kurzem, seit dem Sommer 2012, als Syrisch-Kurdistan im Süden vom restlichen Syrien abgeschnitten wurde, gibt es dort, wo sich der Tigris beim Dreiländereck Syrien-Irak-Türkei in viele Arme teilt, in Semalka eine Grenzstation. Erst seit September ist sie auch regelmäßig geöffnet.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Ein flacher, leicht verrosteter Kahn sticht von Irakisch-Kurdistan hinüber nach Rojava, wie die Kurden ihr Siedlungsgebiet in Syrien nennen. Seit die Terrormiliz „Islamischer Staat“ etwas weiter südlich am Tigris den Grenzort Tell Kotschar besetzt hält, ist Semalka die einzige Außengrenze Cizires, des östlichen der drei Kantone Rojavas. Der historische Begriff „Cizire“ heißt Insel, und ihre Einwohner fühlen sich auch eingeschlossen – im Süden vom „Islamischen Staat“ und im Norden von der Türkei.

          Drüben in Syrisch-Kurdistan findet der Kahn nach fünfminütiger Überfahrt in den Kieselsteinen des Flussufers Halt. Die Kurden, die ihr Land verlassen, hieven ihr Hab und Gut hinein. Früher trennte der Tigris die Staaten Syrien und Irak, die sich spinnefeind waren, heute führt er Irakisch-Kurdistan und Syrisch-Kurdistan zusammen.

          Der Islamische Staat kassiert Transitgebühren

          Viele steigen aus dem Kahn aus. Sie tragen so viel Gepäck in Koffern und Stoffballen mit sich, als ob sie sich für immer von ihrem Land verabschieden wollten. Bei der Einreise nach Irakisch-Kurdistan, wie auch vorher bei der Ausreise aus Syrisch-Kurdistan, werden von den Pässen Kopien gemacht, die Namen werden in Listen eingetragen, Stempel gibt es nicht.

          Auf einer schmalen Pontonbrücke fahren Lastwagen über den Tigris. In eine Richtung bringen sie Lebensmittel nach Rojava, in die andere transportieren sie Getreide und dicke Ballen Baumwolle, vor allem aber Vieh, das eng zusammengepfercht auf Lastwagen aus ganz Syrien herangekarrt wurde. Die Lastwagen mussten auch das Territorium des „Islamischen Staats“ durchqueren und dafür an die Terroristen Transitgebühren zahlen. Später werden die Lämmer und Hammel in die reichen Golfstaaten verkauft.

          Ein Brücke, die Menschenleben rettet

          Zwei Monate ist es her, dass diese Brücke 150.000 yezidischen Flüchtlingen aus den Sindschar-Bergen im Irak das Leben gerettet hat. Als sich die Horden des „Islamischen Staats“ dem Sindschar näherten, retteten sich die Yeziden erst in die Berge. Dann schufen die „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG), die Armee der syrischen Kurden, einen Korridor, durch den die Yeziden an den Tigris flüchten konnten. Sie kamen zu Fuß und konnten nur retten, was sie tragen konnten.

          Sie fürchten sich vor den Kampf-Brigaden des IS: Tagelang sind sie mit dem was sie schleppen konnten marschiert um  im Camp in Sicherheit zu kommen. Jetzt richten sich die Familien in den provisorischen Zelten ein. Bilderstrecke

          Die meisten Flüchtlinge, es waren nach der offiziellen Statistik 129.000, fanden im Lager von Gerik eine vorläufige Bleibe. Als das syrische Regime Baschar al Assads hier noch etwas zu sagen hatte, trug die kurdische Stadt noch einen arabischen Namen, al Malikiya, und als das Baath-Regime zu zerfallen begann, als erstmals Wellen von Flüchtlingen durch Syrien zogen, war vor Gerik auf einem Acker das Flüchtlingslager Nouruz eingerichtet worden.

          Heute leben dort in 700 Zelten nur noch 7500 Yeziden, sagt der Leiter des Lagers, Abdulhakim Hadschi. Er hat jetzt wieder Muße, um in seinem Container von Zeit zu Zeit zu lesen. Auf dem schmalen Schreibtisch liegen drei Bücher des PKK-Chefs Abdullah Öcalan.

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