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Irakkrieg : Mission erfüllt?

Bild: AP

Saddam wurde gestürzt, doch der Preis des Krieges gegen den Irak war hoch. Die Invasion Amerikas, deren Beginn sich an diesem Mittwoch zum zehnten Mal jährt, war in den Augen vieler ein großer strategischer Fehler.

          3 Min.

          Es war ein Krieg, den sich die Vereinigten Staaten im Grunde selbst ausgesucht hatten und den sie aufgrund ihrer militärischen Überlegenheit rasch für sich entschieden. Aber den Frieden, wenn damit mehr gemeint ist als Saddam Husseins Sturz, den gewannen sie nicht: Sie hatten keinen Plan dafür. Motive, Umstände und Ergebnis machen den Irak-Krieg, dessen Beginn sich heute zum zehnten Mal jährt, in den Augen vieler zu einem großen strategischen Fehler.

          Dieses negative Urteil wird nicht von den neuen Machthabern im Irak geteilt und auch nicht von den amerikanischen und britischen Protagonisten, es ist aber weit verbreitet. Dafür gibt es viele Gründe. So hat sich das Hauptkriegsmotiv als falsch erwiesen: Der Irak unter Saddam Hussein verfügte nicht über Massenvernichtungswaffen; eine entsprechende Gefahr ging rund zehn Jahre nach dem Golf-Krieg zur Befreiung Kuweits nicht vom Irak aus.

          Haarsträubend waren die Annahmen und Planungen für die Nachkriegszeit: Die Mahnung des damaligen Außenministers Powell, dass Amerika als Besatzungsmacht das Land fortan „besitze“, also für Wohlergehen und Stabilität verantwortlich sei, verhallte im Rausch des schnellen Sieges und im Wahn eigener Vollkommenheit. Dem militärischen Erfolg folgten schwerwiegende Fehlentscheidungen hinsichtlich der Nachkriegsordnung und eine „zivile“ Inkompetenz, wie man sie nicht für möglich gehalten hätte. Die Konsequenzen haben die Iraker zu tragen - und die Amerikaner.

          Irak ist heute dreigeteilt

          Die Regierung Bush war derart von ihrer „Mission“ überzeugt, dass sie es hinnahm, dass ihr Vorgehen zu einem großen Zerwürfnis in der westlichen Gemeinschaft, sogar zur innerwestlichen Konfrontation führte; dass die völkerrechtliche Konformität dieses Vorgehens auch von engen Verbündeten in Zweifel gezogen wurden; dass das Ansehen der Vereinigten Staaten Schaden nahm. Die Skepsis, die Präsident Obama heute gegenüber Interventionen empfindet, ist auch auf diese moralische Diskreditierung zurückzuführen sowie auf die wirtschaftliche Erschöpfung Amerikas. Dabei hat es den Irak schon weitgehend vergessen.

          Das Land ist heute dreigeteilt. Die alten sunnitischen Machthaber sind an den Rand gedrängt, es dominiert die unter Saddam marginalisierte und kujonierte schiitische Mehrheit, die Kurden im Norden haben sich in ihrem Quasi-Staat relativ kommod eingerichtet. Das Öl fließt wieder, der dschihadistische Terror ist nicht überwunden, die Korruption blüht. Es gibt eine brüchige Stabilität, und es gibt auch eine neue Normalität. Die Hoffnung auf eine funktionierende demokratische Ordnung im Irak hat sich jedoch nur zum geringeren Teil erfüllt.

          Dafür haben der amerikanisch-britische Einmarsch im Irak und der Sturz Saddam Husseins das Gleichgewicht der Kräfte am Golf nachhaltig verändert. Der geopolitische Gewinner ist Iran, dessen Handlungsspielraum schon deswegen größer geworden ist, weil die Gegenmacht weggefallen ist. Iran unterhält zu den Schiiten im Irak enge Verbindungen. Die sind zwar keine Befehlsempfänger Teherans, aber es gibt Ländergrenzen überschreitende schiitische Gemeinsamkeiten, die sich politisch niederschlagen - zum Beispiel im Syrien-Konflikt.

          Die letzten amerikanischen Soldaten verließen Ende 2011 das Land, ohne dass es befriedet gewesen wäre. Die meisten amerikanischen Soldaten werden Afghanistan Ende 2014 verlassen haben, ohne dass es die Gewissheit gäbe, dass das Erreichte Bestand hat. In jedem Fall geht eine Episode zu Ende, die an einem Spätsommertag im September 2001 begann: Ohne den „Angriff auf Amerika“ wäre die Regierung Bush nicht gegen Al Qaida und deren Taliban-Helfer in Afghanistan vorgegangen, wären die Vereinigten Staaten nicht im Irak des Saddam Hussein einmarschiert (den zu stürzen offizielles Ziel der amerikanischen Politik seit Ende der neunziger Jahre war).

          Tausende amerikanische Soldaten fielen - und mehr als hunderttausend Iraker starben. Hunderte Milliarden Dollar verschlangen beide Kriege. Weil der Ertrag im Vergleich zu den Kosten so viel geringer ausgefallen ist als erhofft und vorhergesagt, werden die Vereinigten Staaten künftig eine größere Zurückhaltung üben. Die Rolle, die sie im Libyen-Krieg spielten, und das Zögern im Syrien-Konflikt zeigen das schon. „Nur“ um der Demokratie willen wird Amerika vermutlich nicht noch einmal in einen Krieg im ohnehin aufgewühlten Arabien ziehen. Diesen Idealismus - oder neokonservativen Furor - wird es so bald nicht wieder aufbringen. Fragt sich nur, ob die Weltmacht da nicht von einem Extrem ins andere fällt.

          Immerhin: Eine „Koalition der Willigen“ - dieser Aktionstyp ist heute akzeptiert - hat den Despoten gestürzt, der den Irak Jahrzehnte im Würgegriff gehalten hatte und dessen Herrschaft Hunderttausende, ja Millionen zum Opfer gefallen sind - wie im Krieg gegen Iran, den Saddam vom Zaun gebrochen hatte. Über dessen Sturz vergossen nur die Profiteure seines Regimes kalte Tränen; den Besatzern wiederum weinten viele keine Träne nach, als die wieder abzogen. Vielleicht wären die Dinge günstiger verlaufen, hätte sich die Regierung Bush um eine breite Legitimitätsbasis bemüht. Hätte sie einen vernünftigen Plan für die Nachkriegszeit besessen, stünde der Irak mit Sicherheit besser da.

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          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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