https://www.faz.net/-gq5-7l20k

Irak : Zweifrontenkrieg gegen die Islamisten

Kein Friede in Sicht: Milizionäre in Falludscha Bild: AP

Während die Terroristen im Irak gegen die Armee kämpfen, werden sie in Syrien von Rebellen angegriffen – und geraten in die Defensive. Die irakischen Sicherheitskräfte erlitten derweil die schwerste Niederlage seit dem Abzug der Amerikaner.

          4 Min.

          Der Vormarsch der Krieger des „Islamischen Staats Irak und (Groß-)Syrien“ (Isis) ist vorläufig gestoppt. Binnen weniger Tage hatten die mit dem Terrornetz Al Qaida verbündeten Dschihadisten ihre Stellungen im Norden Syriens ausgebaut und waren zugleich im Nachbarland Irak in die Städte Ramadi und Falludscha vorgerückt, wo sie den irakischen Sicherheitskräften die schwerste Niederlage seit dem Abzug der amerikanischen Soldaten vor zwei Jahren zugefügt hatten. Dabei hatten sie sich der irakischen Hauptstadt Bagdad auf etwa 160 Kilometer genähert.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.
          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Viele Einwohner haben die Städte aus Furcht vor den Dschihadisten verlassen. Die Lebensmittel werden für jene knapp, die weiter in der Kampfzone ausharren. Alle öffentlichen Einrichtungen sind geschlossen. Viele sunnitische Stämme der westirakischen Provinz Anbar wollen wegen ihres tiefen Misstrauens gegen die Regierung des schiitischen Ministerpräsident Nuri al Maliki nicht gemeinsam mit der Armee gegen den „Islamischen Staat“ vorgehen. Einige Stämme haben aber selbständig den Kampf gegen die Dschihadisten aufgenommen.

          In Nordsyrien haben sich in den vergangenen Tagen islamistische Brigaden, die nicht unter dem Banner von Al Qaida kämpfen, zusammengeschlossen und dem „Islamischen Staat“ als „Armee der Mudschahedin“ und „Front der syrischen Revolutionäre“ den Krieg erklärt. Sie stellten die Dschihadisten vor die Wahl, sich entweder in die bestehenden militärischen Strukturen einzufügen oder das Land zu verlassen. In Raqqa, einer der Hochburgen des „Islamischen Staats“, stürmten rivalisierende Kämpfer das lokale Isis-Hauptquartier und befreiten 50 Personen aus dem Gefängnis. Heftige Gefechte zwischen den Dschihadisten und den Rebellen wurden auch aus der ländlichen Umgebung von Aleppo gemeldet. In einer Audiobotschaft hat der „Islamische Staat“ nun damit gedroht, seine Kämpfer von der Front gegen die Truppen des syrischen Regimes abzuziehen. Dann würde Aleppo wieder den Truppen von Machthaber Baschar al Assad in die Hände fallen. Von einem „Dolchstoß“ in den Rücken und einer Verschwörung war die Rede, weil Rebellenkommandeure den Einfluss der Dschihadisten eingrenzen wollten, bevor in Genf über eine mögliche Lösung des Syrien-Konflikts verhandelt werde. Aus den Reihen der Opposition werden die Isis-Dschihadisten schon als Agenten des Damaszener Regimes bezeichnet, die versuchten, die Revolution zu untergraben.

          Demonstration mit Koran: Bürger von Aleppo fordern ein Ende der Kämpfe zwischen „Islamischem Staat“ und Rebellen.
          Demonstration mit Koran: Bürger von Aleppo fordern ein Ende der Kämpfe zwischen „Islamischem Staat“ und Rebellen. : Bild: AFP

          Isis-Kämpfer hatten in den vergangenen Wochen entlang der Grenze zur Türkei zahlreiche Städte von den Rebellen erobert. Am 15. Dezember töteten sie den Chef des oppositionellen Militärrats der Stadt Hama. Begonnen hatte die Offensive der Rebellen gegen den „Islamischen Staat“ aber erst, nachdem die Dschihadisten den Kommandanten der Rebellenbrigade „Ahrar al Scham“, den Arzt Hussein al Sulaiman, der seit dem 7. Dezember für den strategisch wichtigen Grenzposten Bab al Hawa verantwortlich gewesen war, entführten, umbrachten und seinen Körper verstümmelten. Die „Ahrar al Scham“-Kämpfer hatten daraufhin in der Provinz die Offensive gegen die Dschihadisten angeführt.

          In der langen Liste von Vorwürfen ist auch der zu finden, dass der „Islamische Staat“, dem viele ausländische Kämpfer angehören, eigene Kleinkalifate errichtet habe, anstatt den Streit über die Gestalt des zukünftigen Syriens auf die Zeit nach dem Krieg gegen Assad zu vertagen und das eroberte Terrain der Autorität der Schariagerichte zu unterstellen, welche die anderen islamistischen Rebellengruppen gemeinsam unterhalten. Und dort, wo der „Islamische Staat“ herrscht, werden Kritiker und Andersgläubige brutal verfolgt, Gefangene in geheimen Folterkellern malträtiert.
          Doch inzwischen sind die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ erstmals in der Defensive – sowohl im Irak als auch in Syrien. In Falludscha und Ramadi geht die irakischen Streitkräfte mit Luftangriffen gegen sie vor. In Syrien macht ihnen die Offensive der Rebellen zu schaffen. Zuvor war es ihnen gelungen, ihren „Islamischen Staat“ grenzübergreifend zu konsolidieren. Das Einflussgebiet dschihadistischer Gruppen in der Region erstreckt sich von Falludscha und Ramadi im Osten über den Euphrat bis nördlich von Aleppo bis in den Libanon.

          Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien
          Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien : Bild: F.A.Z.

          Auch dort erlitten sie zuletzt einen Rückschlag: Am Wochenende starb der Dschihadistenführer Madschid al Madschid in einem libanesischen Gefängnis mutmaßlich an den Folgen von Folter. Der Chef der „Abdullah-Azzam-Brigade“ war festgenommen worden, als er zum Jahreswechsel von Syrien in den Libanon zurückgekehrt war. Er hatte nahe Damaskus eine Zusammenarbeit mit den in Syrien operierenden Dschihadisten der „Nusra Front“ vereinbart. Madschids „Abdullah-Azzam-Brigade“, die nach dem Mentor des Al-Qaida-Gründers Usama bin Ladin benannt ist, steckt hinter dem Anschlag vom 2. Januar auf Gebäude in der unmittelbaren Nachbarschaft zur Zentrale der schiitischen Hizbullah-Miliz in Beirut. Über Madschid al Madschid und seine Kämpfer hätte die „Nusra Front“ einen Ableger im Süden des Libanon gehabt.

          Der Führer des „Islamischen Staats“, Abu Bakr al Baghdadi, hat gefährliche Weggefährten. Einer von ihnen ist, der frühere Chemiewaffenfachmann der irakischen Armee. Er soll sich im Damaszener Vorort Ghouta aufhalten, wie der amerikanische Journalist Seymour Hersh unter Berufung auf amerikanische Geheimdiensterkenntnisse vom Sommer 2013 berichtete. Insbesondere private Geldgeber aus den Golfstaaten finanzieren die Dschihadisten. Die Zeitung „New York Times“ hatte im November aus Kuweit berichtet, dass dort Geld gesammelt und mittels Kurieren nach Syrien gebracht wird. Die befragten Geldgeber rechtfertigten ihr Handeln damit, dass Gruppen wie die „Nusra-Front“ die effizientesten Krieger unter Waffen hätten.

          Al Quaida im Irak : Irakisches Militär bekämpft Islamisten

          Das Verhältnis des „Islamischen Staats“ zu Al-Qaida-Führer Ayman al Zawahiri und der „Nusra-Front“ ist angespannt. Baghdadi hat Zawahiris Autorität in Frage gestellt und im vergangenen Jahr eine Fatwa (ein Rechtsgutachten) des Al-Qaida-Führers zurückgewiesen, nach der sich Baghdadi eigentlich auf den Irak konzentrieren und Syrien der Nusra-Front unter Muhammad al Dschaulani überlassen sollte. „Ich muss zwischen der Herrschaft Allahs und der Herrschaft Zawahiris entscheiden, und ich entscheide mich für die Herrschaft Allahs,“ sagte Baghdadi. Neue Kämpfer schwören ihren Eid nicht mehr auf Zawahiri, sondern auf Baghdadi und den „Islamischen Staat“. Baghdadi hatte zuvor im April 2013 die Nusra-Front zu einem Teil seiner damaligen Organisation „Islamischer Staat“ im Irak erklärt und die Vereinigung beider Gruppen zum Islamischen Staat im Irak und (Groß-)Syrien verkündet. Dschaulani hatte dem widersprochen und Zawahiri die Treue geschworen. In einem Interview, das Dschaulani Ende Dezember dem Sender Al Dschazira gab, versuchte er den Konflikt noch als Streit „unter Brüdern“ herunterzuspielen, der längst ausgeräumt sei.

          Doch die ideologischen Differenzen bleiben. So hält Al-Qaida-Führer Zawahiri die Brutalität Baghdadis für kontraproduktiv – schließlich kämpfen auch die radikalen Islamisten in Syrien um die Herzen und Köpfe der Bevölkerung, kümmern sich um Wasser- und Stromversorgung und um Lebensmittel. Baghdadi steht mit seiner aggressiven Strategie in der Tradition des 2006 getöteten wegen seiner Brutalität berüchtigten irakischen Al-Qaida-Führers Abu Musab al Zarqawi. Die Nusra-Front bewegt sich eher auf der Linie des Politikers Zawahiri. Ihr Führer Dschaulani versicherte denn auch in dem Al-Dschazira-Interview: „Dr. Ayman (Zawahiri), möge Gott ihn schützen, sagt uns immer, wir sollen uns mit den anderen Gruppen treffen. Wir fühlen uns dazu verpflichtet.“

          Topmeldungen

          Rettungskräfte in der südisraelischen Stadt Sderot versorgen eine Frau nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen am 12. Mai

          Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

          Die Heftigkeit der Angriffe der Hamas und des israelischen Militärs, aber auch der Gewalt in Israel selbst hat viele überrascht. Und alle fragen sich: Wird diese „Runde“ bald vorüber sein und wird sich etwas ändern?
          Erst akzeptiert Musk Bitcoin als Zahlungsmethode für sein Unternehmen Tesla, nun hat er Umweltbedenken.

          Kryptowährung : Bitcoin sind für Tesla zu umweltschädlich

          Der Elektroautohersteller war das prominenteste Unternehmen, welches die Digitalwährung als Zahlungsmittel akzeptierte – nun die Kehrtwende. Der Kurs bricht nach der Nachricht ein. Doch wie schmutzig sind die Kryptowährungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.