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IS-Terror im Irak : Mit einem Schlag Geschichte

Verwüstet: Dieses Archivfoto entstand in der irakischen Stadt Mossul nach Kämpfen zwischen dem IS und Regierungstruppen Bild: Reuters

Was immer der „Islamische Staat“ erobert: Er vernichtet, was sich ihm in den Weg stellt. Er tötet alle, die sich ihm nicht unterwerfen. Das Schicksal der irakischen Minderheit Schabak steht für diese grausamen Auslöschungen.

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          Sobald der „Islamische Staat“ ein Gebiet eingenommen hat, löscht er aus, was sich ihm in den Weg stellt, tötet, wer sich ihm nicht unterwirft. In Syrien hat der „Islamische Staat“ erst begonnen, die große Vielfalt an Ethnien und Religionen zu tilgen, im Nordirak hat er das bereits weitgehend erledigt. Am Montag setzten seine Krieger abermals zu einer Großoffensive gegen Scherfedin an, ein Heiligtum der Yeziden am Fuße des Sindschar-Gebirges, ohne dass ihnen Hubschrauber der irakischen Armee oder der Koalition gegen den „Islamischen Staat“ zu Hilfe gekommen wären. Die Krieger des „Islamischen Staats“ nahmen, unterstützt von 40 Panzern, das Heiligtum Scherfedin ein und haben begonnen, es zu entweihen. Etwa zehntausend Yeziden haben sich wieder in die schützenden Berge zurückgezogen.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Ausgelöscht wird in wenigen Monaten, was über viele Jahrhunderte gewachsen war. Wenige andere Länder hatten je eine solche ethnische und religiöse Vielfalt wie der Irak. Sie lebten vor allem im Norden des Zweistromlands – auch in Zeiten islamischer Reiche – meist friedlich zusammen: Christen und Yeziden, Schabak und Kakai, selbst Araber, Kurden und Turkmenen. Die christlichen Kirchen blühten, ob es Chaldäer oder Assyrer waren, syrisch-orthodoxe Christen oder Armenier. Diese Vielfalt wurde in diesem Jahr mit einem Schlag Geschichte. Denn der „Islamische Staat“ ist grausamer, als es im 13. und 14. Jahrhundert die Mongolen bei ihren Einfällen waren.

          Zunächst wie gelähmt, hat die Welt in diesem Jahr erst die Vertreibung der Christen aus ihren Orten verfolgt, wo sich ihre Vorfahren zur Zeit des frühen Christentums niedergelassen hatten, dann den versuchten Genozid an den Yeziden. Noch heftiger traf es die Minderheit der überwiegend schiitischen Schabak. Sie haben nirgends Fürsprecher, und so stehen sie vor der Auflösung ihrer Identität. Zu Beginn des Jahrtausends hatten die Schabak etwa 250000 Mitglieder. Sie lebten ausschließlich im Irak, in und um Mossul östlich des Euphrat. In zwei Angriffswellen sind sie in diesem Sommer, bis auf einige tausend Sunniten unter ihnen, aus ihrer Heimat vertrieben worden.

          So eroberte der „Islamische Staat“ am 11. Juni erst den Ostteil Mossuls und vertrieb alle, die keine Sunniten waren, Richtung Osten. Als in der Nacht vom 6. August auf den 7. August die Krieger des „Islamischen Staats“ in die Dörfer in der Ebene östlich von Mossul einfielen, mussten mehr als 200000 Schabak ihr Hab und Gut zurücklassen. Gefährdet ist, wer sich versteckt. Noch immer richtet der „Islamische Staat“ in Mossul schiitische Schabak zur Abschreckung auf öffentlichen Plätzen hin.

          Viele haben ihre Häuser überstürzt verlassen

          Für viele kam die Flucht so überraschend, dass sie ihre Häuser überstürzt verlassen haben. Viele konnten keine Ausweise mitnehmen, Familien wurden auseinandergerissen. Ziele der Fliehenden waren der Grenzfluss Großer Zab und der Grenzort Khabat. Sie hofften, den Fluss überqueren und sich in der autonomen Region Irakisch-Kurdistan in Sicherheit bringen zu können. Dort aber hätten sie drei Tage und Nächte ausharren müssen, bevor etwa 40000 Schabak, die Bürgen in der Kurdenregion benennen konnten, Einlass gewährt worden sei, sagt Yousif Muharram, der Vertreter der Schabak in Deutschland und ganz Europa. In den Lagern dort seien sie Druck ausgesetzt, sich als Kurden auszugeben, sagt Muharram.

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