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Irak : Milizen plündern Tikrit nach Sieg gegen IS

  • Aktualisiert am

Ein brennendes Geschäft in Tikrit Bild: Reuters

Schiitische Milizen plündern in Tikrit, nachdem sie mit irakischen Truppen und Luftunterstützung Amerikas den IS vertrieben haben. Die Lage sei außer Kontrolle, sagt der Chef der Provinzverwaltung. Amnesty International prüft Menschenrechtsverletzungen.

          Nach der Rückeroberung der irakischen Stadt Tikrit aus der Gewalt der Extremistenmiliz „Islamischer Staat“ ist es den Behörden zufolge zu schweren Plünderungen und Brandstiftungen gekommen. Schiitische Milizen hätten in den vergangenen beiden Tagen Hunderte Wohnhäuser und Läden angesteckt, nachdem sie diese ausgeraubt hätten, sagte der Chef der Stadt- und Provinzverwaltung, Ahmed Al Kraim.

          Die Lage sei außer Kontrolle geraten und chaotisch. Er sei deswegen in die Hauptstadt Bagdad geflohen. Ein Parlamentsabgeordneter sprach von 400 Häusern und 500 Geschäften, die in Flammen aufgegangen oder geplündert worden seien. Ministerpräsident Haidar al Abadi ordnete die Festnahme von Plünderern an.

          Heimatstadt Saddam Husseins

          Tikrit ist die Heimatstadt des früheren Machthabers Saddam Hussein. Der Sunnit hatte mit Gleichgesinnten seiner Baath-Partei die Schiiten unterdrückt. IS-Kämpfer hatten das rund 160 Kilometer nördlich von Bagdad gelegene Tikrit gleich zu Beginn ihres rasanten Vormarsches im Juni vergangenen Jahres erobert.

          Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International prüft außerdem Vorwürfe von gewaltsamen Racheakten der irakischen Armee und ihren Verbündeten bei der Rückeroberung der Stadt Tikrit. „Die Berichte von vielfachen Menschenrechtsverletzungen machen uns sehr besorgt“, sagte Amnesty-Sprecherin Donatella Rovera.

          „Wir prüfen Berichte, nach denen zahlreiche Einwohner nach ihrer Festnahme Anfang vergangenen Monats nicht wieder aufgetaucht sind“, sagte Rovera. Ebenso sei es möglicherweise zu standrechtlichen Hinrichtungen von Männern gekommen, ohne dass deren vorherige Beteiligung an den Kämpfen gesichert gewesen sei.

          Die Rückeroberung der Großstadt vom IS galt als Test dafür, ob die schiitisch dominierten Regierungstruppen bei der Einnahme sunnitisch geprägter Gebiete von Vergeltungsmaßnahmen Abstand nehmen würden. Die Regierung in Bagdad und ihre Verbündeten, die Vereinten Nationen sowie verschiedene Menschenrechtsorganisationen hatten immer wieder gewarnt, dass jeder von Rache begleitete Kampferfolg gegen den IS nur die Saat für neue Gewalt streuen werde.

          Regierungstruppen weisen Vorwürfe zurück

          Die Kommandeure der regierungstreuen Truppen an der Front weisen Berichte, nach denen ihre Kämpfer Häuser geplündert und zerstört haben sollen, regelmäßig zurück. Nach ihrer Darstellung sind es die IS-Dschihadisten, die ihrer Flucht Feuer legen und Sprengfallen in den zurückeroberten Orten hinterlassen.

          Die irakische Armee hatte Anfang März ihre bislang größte Offensive gegen den IS begonnen, um die Stadt nach neun Monaten zurückzuerobern. Die Tikrit-Offensive gegen den IS gilt als wichtige Etappe auf dem Weg zur Rückeroberung der weiter nördlich gelegenen Metropole Mossul.

          Die IS-Miliz hatte im vergangenen Sommer weite Gebiete im Irak und im benachbarten Syrien unter ihre Kontrolle gebracht und ein radikalislamisches „Kalifat“ ausgerufen.

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