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Irak : Massenflucht vor Terror des Islamischen Staats

Auch in Arbil in Kurdistan fühlen sich viele Flüchtlinge nicht mehr sicher Bild: picture alliance / AA

Mehr als 200.000 Christen fliehen im Irak vor der Terrorgruppe Islamischer Staat. Augenzeugen berichten von Vergewaltigungen und Massakern. Zehntausende  sollen auf einem Berg eingekesselt vor der Wahl stehen: zum Islam konvertieren oder verdursten.

          Der Vormarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat hat im Nordirak eine Massenflucht von Christen und Yeziden ausgelöst. Der Islamische Staat hat alle Christen aus der Ebene von Mossul, die im Norden und Osten der zweitgrößten Stadt des Iraks liegt, vertrieben. Nach Angaben des World Council of Aramaens, des in Schweden ansässigen Dachverbands der aramäischen Christen, sind mehr als 200.000 Christen auf der Flucht. Überwiegend wollen sie zu Fuß im Osten die sichere Region Irakisch-Kurdistan erreichen. Zudem belagern Kämpfer des Islamischen Staats den höchsten Berg des Sindschar-Gebirges, auf dem Zehntausende Yeziden aus den umliegenden Dörfern vor den Dschihadisten geflohen sind. Die Christen und Yeziden sind mit nichts als ihren Kleidern auf dem Leib auf der Flucht.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der Vorsitzende der irakischen Bischofskonferenz, der chaldäische Patriarch Louis Raphael Sako, appellierte in Bagdad an die Vereinten Nationen und an die Europäische Union, die Verfolgten vor dem Tod zu retten. Die Kirchen würden zerstört und entweiht, 1500 Jahre alte Manuskripte würden verbrannt, teilte Patriarch Louis mit. Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer seien nicht in der Lage, das Vordringen des Islamischen Staats zu stoppen, sagte er. Der Präsident von Irakisch-Kurdistan, Massud Barzani, kündigte an, dass gegen die Kommandeure der Peschmerga-Einheiten, die vor dem Islamischen Staat geflüchtet seien, Ermittlungen eingeleitet würden.

          Der Islamische Staat hatte am Mittwoch begonnen, die ausschließlich von Christen bewohnte Stadt Karakosch, die zwischen Mossul und Arbil, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan, liegt, zu beschießen. Schon im Juni waren die sechzigtausend Einwohner vor dem Islamischen Staat geflohen; die meisten von ihnen waren aber in den vergangenen Wochen zurückgekehrt. In der Nacht zum Donnerstag hatten die Extremisten die Kontrolle über die Stadt übernommen, nachdem sich auch die Einheiten der kurdischen Peschmerga zurückgezogen hatten. Die Dschihadisten nahmen mehrere Dörfern in der Region ein und auch Klöster wie Baashiqa, die sie entweihten. Angehörige anderer Minderheiten wie der Schabak, die in diesen Städten wohnten, wurden ebenfalls vertrieben oder getötet. In diesen Orten gebe es keine Christen mehr, sagte der chaldäische Erzbischof von Kirkuk, Joseph Thomas. Muslime hingegen seien verschont worden, teilte der World Council of Aramaens mit.

          Hunderttausende sollen im Norden des Iraks auf der Flucht sein

          Zugleich verstärkte der Islamische Staat seine Angriffe gegen das Siedlungsgebiet der Yeziden um das Sindschar-Gebirge und in deren Dörfern von Sindschar. Mehrere Städte sind unter der Kontrolle der Dschihadisten. Augenzeugen, die sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, berichteten, dass Einwohner, die nicht rechtzeitig flüchten konnten, in ihren Häusern abgeschlachtet würden. In den Tagen zuvor hatten die Dschihadisten die Yeziden aus den Städten Zummar, Tell Afar und Sindschar vertrieben. Zehntausende Flüchtlinge sind auf dem Berg von Sindschar von Dschihadisten eingekreist; sie sind vor die Wahl gestellt worden, entweder zum Islam überzutreten oder zu verdursten und zu verhungern. Das UN-Hilfswerk Unicef schätzt, dass allein fünfundzwanzigtausend yezidische Kinder, die dringend Hilfe benötigten, auf dem Berg befinden. Yezidische Internetseiten berichten, dass vor allem Kinder und ältere Menschen in der glühenden Sommerhitze schon verdurstet sind.

          Die Dschihadisten haben nach Augenzeugenberichten die Männer der Yeziden oder anderer Minderheiten ermordet, die nicht fliehen konnten und sich weigerten, zum Islam überzutreten. Die assyrische Kirche in Bagdad berichtet unter Berufung auf Augenzeugen, dass Mädchen und Frauen vergewaltigt und als Sexsklavinnen entführt werden; ferner hängten die Dschihadisten über die Kreuze auf den Kirchen ihr schwarzes Banner. Die assyrische Kirche in Bagdad berichtet ferner, dass insbesondere yezidische Familien als Schutzschilde gegen Angriffe der irakischen Luftwaffe benutzt würden und dass mehrere Hundert von ihnen nach Syrien verschleppt würden.

          In der gebirgigen Region Sindschar finden heftige Kämpfe statt. Über mehrere Tage hatte eine Miliz der Yeziden das Vordringen des Islamischen Staats zumindest verlangsamen können. Die irakische Armee rüstet seine Einheit nach Angaben aus der yezidischen Gemeinschaft derzeit auf. Irakische Kampfhubschrauber unterstützen die Yeziden aus der Luft, und irakische Kampfflugzeuge beschießen demnach Stellungen des Islamischen Staats. So wurde ein Korridor geöffnet, um die Menschen mit Wasser und Nahrungsmitteln zu versorgen. Hubschrauber der irakischen Armee haben zudem eine Luftbrücke eingerichtet, um die Flüchtlinge zu versorgen. Die kurdische Menschenrechtskommission beteiligt sich an dieser Luftbrücke.

          Die Großoffensive war möglich geworden, nachdem der Islamische Staat in Mosul, das er seit dem 9. Juni zu seiner Hauptstadt erklärt hat, neue Kämpfer rekrutieren konnte. Mitte Juni war die Zahl der Kämpfer des Islamischen Staats noch auf 4000 geschätzt worden. Die kurdischen Peschmerga waren angesichts der Offensive der Extremisten, die am vergangenen Wochenende begonnen hatte, überfordert. Der islamische Staat hatte mehrere Fronten zur gleichen Zeit eröffnet, außerdem sind die Peschmerga außerhalb des Gebiets der Kurdischen Regionalregierung weniger gut ausgerüstet sind, da für dieses Gebiet eigentlich die irakische Zentralregierung in Bagdad zuständig ist. Am Donnerstag war es auch den kurdischen Selbstverteidigungskräften, die aus Nordsyrien angerückt sind, nicht gelungen, den Islamischen Statt zu stoppen. Offenbar fühlen sich Flüchtlinge, die die autonome Region Irakisch-Kurdistan erreichen, auch dort nicht länger sicher. Denn der Islamische Staat stößt von Mossul kommend in Richtung von dessen Grenze vor, so dass Flüchtlinge nicht in Arbil Halt machen, sondern weiter nach Osten ziehen.

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