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+ + + Bagdad Briefing + + + : Keine Versöhnung mit Maliki

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Gefangene Glaubensbrüder: Irakische Soldaten bewachen schiitische Demonstranten in Kerbela. Bild: AP

Selbst die Schiiten begehren gegen den antisunnitischen Kurs des irakischen Ministerpräsidenten al Maliki auf. Dessen Amnestieangebot zielt nicht auf Versöhnung, sondern soll einen Keil zwischen Dschihadisten und Sunniten treiben.

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          Der freundliche Jugendliche vor dem Zayuna-Hotel in Arbil kam erst vor zwei Tagen in der irakischen Kurdenhauptstadt an. „Bis Kirkuk war die Flucht gefährlich, danach fühlten wir uns sicher“, sagt er und lacht. Aus Takrit am Tigris war er mit seiner Familie Anfang der Woche vor der Gegenoffensive der irakischen Armee geflohen. Wann es zurückgeht, weiß er nicht: „Alles hängt davon ab, ob der Krieg bald vorbei ist oder nicht.“

          Für ein rasches Ende der Kampfhandlungen mit Einheiten des Islamischen Staats Abu Bakr al Baghdadis spricht derzeit wenig: Trotz Erfolgsbildern im irakischen Staatsfernsehen war die Schlacht um die Geburtsstadt Saddam Husseins am Donnerstagmorgen noch nicht beendet.  Auch über Baidschi fünfzig Kilometer nördlich von Takrit weht noch der Rauch der brennenden Raffinerie – obwohl irakische Armeesprecher schon vor mehr als einer Woche verkündet hatten, die Ölanlage wieder komplett unter Kontrolle zu haben.

          Rückeroberung kaum möglich

          Das ist nicht der Fall, und auch der überhastete Kauf von Kampffliegern aus Russland und Iran belegt nur die Verzweiflung der Militärführung um Ministerpräsident Nuri al Maliki. Zudem zeigen die Berichte über die steigende Zahl ziviler Opfer bei Hubschrauberangriffen, dass eine Rückeroberung der von Baghdadis Islamischen Staat besetzten Gebiete derzeit kaum möglich ist. Dazu wäre der Einsatz von Bodentruppen nötig, doch die sind rund um die Hauptstadt gebunden. „Die Sicherheitslage im Irak hängt direkt mit der politischen Situation zusammen“, schreibt die irakische Tageszeitung „Al Zaman“ und kommt zu dem Schluss, dass „die aktuellen Entwicklungen nichts anderes als das Ergebnis von Malikis falscher Politik und dem Vorgehen der irakischen Sicherheitskräfte gegenüber den Sunniten“ seien.

          Festnahme eines schiitischen Demonstranten

          Sowohl Mossul wie Takrit, die beiden Provinzhauptstädte, die der Islamische Staat bereits vor drei Wochen einnahm, sind mehrheitlich sunnitisch. Trotz aller ideologischen Differenzen zwischen den extremsten bewaffneten Auslegern des Korans und ihren Bündnispartnern aus der aufgelösten Baath-Partei und der Armee Saddam Husseins schweißt der Kampf gegen Malikis schiitisch dominierte Regierung sie weiter zusammen. Einen Keil zwischen die Dschihadisten und ihre nominell säkularen Unterstützer versuchte al Maliki mit seinem Amnestieangebot am Mittwoch zu treiben: Straffreiheit solle für alle „Stämme und Menschen gelten, die in Aktionen gegen den Staat verwickelt waren, aber jetzt zur Vernunft zurückkehren“, sagte er in seiner wöchentlichen Fernsehansprache.

          Jubel: Irakische Soldaten vor dem Wohnhaus des schiitischen Predigers al Sarkhi

          Für rege Diskussionen über den weiteren Umgang mit Baghdadis Islamischem Staat hatte zuvor dessen Ausrufung eines Kalifats auch unter sunnitischen Gruppen geführt. Selbst bekennende Ideologen des Heiligen Kriegs wie der Jordanier Abu Mohammad al Maqdessi lehnen den totalitären Herrschaftsanspruch der Gruppe ab.

          Dass die Grenzen auch im Irak am Ende nicht zwischen den Konfessionen verlaufen, sondern zwischen oben und unten, zeigt ein blutiger Vorfall aus dem schiitischen Kerbala: Aus Protest gegen die Militäroffensive der Armee in Takrit marschierten dort am Mittwoch Anhänger des Maliki-Gegners Sarkhi Hassanis auf. Sicherheitskräfte beendeten die Solidaritätsbekundung, indem sie in die Menge schossen, berichtete der qatarische Nachrichtensender Al Dschazira. Die 25 Toten zählen zu den ersten schiitischen Opfern seit Beginn von Malikis antisunnitischer Gegenoffensive. Versöhnung sieht anders aus.

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