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Sturm auf Mossul : Die Uneinigen holen zum vereinten Schlag aus

Kämpfer der sunnitisch dominierten arabischen Truppen vor Mossul sitzen in Bashiqa bei einer Übung zusammen Bild: Reuters

Die irakische Armee, türkische Einheiten und mehrere Milizen bereiten sich auf eine Offensive im Nordirak vor, um Mossul von den Extremisten zu befreien. Doch außer dem Feind IS verbindet sie nichts.

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          Wir werden auch gegen Kindersoldaten kämpfen müssen“, sagt Rayyan al Kildani. Er ist Kommandeur der „Babylon-Kräfte“, einer Miliz assyrischer Christen im Nordirak. Seine Männer seien dabei, wenn bald der Sturm auf Mossul beginne, der irakischen Bastion der Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS). Und er werde bald beginnen. Die Dschihadisten kontrollieren die Millionenstadt seit mehr als zwei Jahren. „Ein elf oder zwölf Jahre altes Kind, das sie am Anfang ihrer Herrschaft rekrutierten, kann jetzt schon ein Teenager und völlig radikalisiert sein“, sagt Rayyan al Kildani. Er beteuert, seine Leute würden so menschlich wie möglich zu Werke gehen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Vorbereitungen für die Offensive auf Mossul nehmen an Fahrt auf. Im nordirakischen Arbil kursieren schon länger Gerüchte, es könne noch im Oktober losgehen. Der IS hat nach Schätzungen der amerikanischen Streitkräfte 3000 bis 4500 Kämpfer stationiert, die sich auf die Offensive vorbereiten. Sie haben nach Berichten aus der Stadt ein Tunnelsystem gegraben, heben Gräben im Osten und Westen Mossuls aus, um sie mit Öl zu füllen, das sie in Brand stecken können, wenn der Sturm beginnt.

          Die irakische Armee hat Truppen für die Offensive zusammengezogen; nach Angaben des amerikanischen Militärs sollen acht bis zwölf Brigaden an der Operation beteiligt sein. Antiterroreinheiten und Polizeikräfte sollen die Soldaten unterstützen. Verschiedene zum Teil untereinander verfeindete Milizen stehen ebenfalls bereit: etwa die Brigaden der schiitischen „Volksmobilisierung“, zu denen auch Rayyan al Kildanis Truppe zählt, kurdische Peschmerga-Kräfte, die Truppen des früheren Gouverneurs Atheel al Nudschaifi, der gerne wieder in seinen Palast zurückkehren würde, Stammesmilizen aus der Region, die das nicht so gerne sähen und türkische Armeeeinheiten.

          Die irakische Armee gewinnt jetzt die Schlachten

          Der Großangriff auf Mossul ist schon öfters folgenlos angekündigt worden. Aber die Schlinge um den Hals des IS-Regimes zieht sich immer weiter zu. Die Kriegskasse und das Terrain schrumpfen. Die Führung ist dezimiert. Die notorisch sieglose, ineffektive und demoralisierte irakische Armee gewinnt jetzt die Schlachten. Im August eroberten die Iraker die Stadt Qayyara aus der Hand des IS zurück und gewannen damit die Kontrolle über den strategisch wichtigen Militärflughafen. Dort setzten die Dschihadisten die Ölfelder in Brand – auch, um ihre Bewegungen unter den Rauchschwaden zu verbergen.

          Inzwischen sind mehr als fünftausend amerikanische Soldaten im Irak stationiert. Die Bomber und Drohnen der amerikanisch-geführten Anti-IS-Koalition setzen den Dschihadisten zu. Nach Angaben des amerikanischen Militärs wurden in den vergangenen Wochen mehr als ein Dutzend IS-Kommandeure in Mossul getötet. Unter ihnen soll auch der frühere IS-Informationsminister sein, der zum Führungsrat gehörte und ein Vertrauter des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi war.

          Doch das Misstrauen unter den verschiedenen Kräften, die sich an der Offensive beteiligen wollen, ist nach wie vor immens. Jeder will dabei sein, im Kampf um den großen Preis – als wäre Mossul das Berlin von 1945. Und selbst wenn die zerstrittenen Befreier in spe sich zu einem gemeinsamen Vorgehen durchringen sollten, drohen neue Machtkämpfe und auch neue Gewalt, wenn der gemeinsame Feind vertrieben ist und es darum geht, wer fortan das Sagen hat.

          Offiziell ist der irakische Ministerpräsident Haider al Abadi derjenige, der die Entscheidungen fällt. Doch Abadi kann nicht verhindern, dass Teile seiner Truppen Eigeninteressen verfolgen. So hat der Regierungschef offenbar einiges damit zu tun, für Geschlossenheit in den eigenen Reihen zu sorgen – oder zumindest eine Eskalation der Konflikte zu verhindern.

          Ministerpräsident Abadi muss vermitteln

          Abadi kenne die Probleme und arbeite daran, sagte der Sprecher der Anti-IS-Koalition vor einigen Tagen. Den Präsidenten von Irakisch-Kurdistan, Massud Barzani, der offensiv Separationspläne verfolgt, bewegte der Regierungschef in Bagdad vergangenen Monat zu einem Besuch in die Hauptstadt. Die Peschmerga-Kommandeure sagen, sie würden nicht zulassen, dass die unter ihnen verhassten schiitischen Milizen auf kurdisches Terrain vordringen. Der Armee misstrauen sie auch. Widerstand herrscht auch unter den Männern des früheren Gouverneurs. Die schiitischen Haschd-Milizen würden Säuberungsaktionen führen, sagt er. „Wir werden das verhindern.“

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