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Opposition in Syrien : „Die meisten Nusra-Kämpfer sind normale Syrer“

  • Aktualisiert am

Wieder Bilder der Zerstörung nach der Bombardierung des Rebellenviertels Salihin in Aleppo Bild: AFP

Die syrische Oppositionelle Bassma Kodmani rät davon ab, die Nusra-Front zu bombadieren. Um eine friedliche Lösung zu erreichen, schlägt sie einen anderen Weg vor.

          Russland und Amerika haben sich auf eine Waffenruhe und eine militärische Kooperation in Syrien verständigt. Ist das ein Hoffnungsschimmer?

          Das syrische Volk hat dringlich auf eine amerikanisch-russische Einigung gewartet, die ein Ende seines Leidens hervorbringen könnte. Die genauen Bedingungen der Vereinbarung kennen wir aber nicht. Der Teufel steckt oft im Detail. Wir hoffen auf einen uneingeschränkten Zugang humanitärer Organisationen zu allen Gebieten als ersten Schritt zur Beendigung der seit Jahren anhaltenden inhumanen Belagerungen.

          Die Vereinbarung sieht vor, dass die von Amerika unterstützten Rebellen sich von der Nusra-Front lossagen, die sich kürzlich in Jabhat Fateh al Sham umbenannt hat. Ist das in Ihren Augen sinnvoll?

          Es ist sehr schwierig, darüber zu sprechen, ohne die Details der Einigung zu kennen. Wollen wir ein Ende der Präsenz von Extremisten auf unserem Boden? Ja, weil wir die Ersten sind, die darunter leiden. Die moderaten Gruppen müssen geschützt und in eine Lösung einbezogen werden. (Machthaber Baschar al) Assad tut alles, um eine Unterscheidung zwischen Moderaten und Radikalen zu verhindern, weil die Moderaten die größte Bedrohung für seine entsetzlichen Syrien-Pläne sind. Andererseits wäre es sinnvoller, die Nusra-Front von innen heraus zu bekämpfen, statt sie zu bombardieren. Ich hoffe, das ist Teil der Vereinbarung. Denn die meisten Nusra-Kämpfer sind normale Syrer, die der Nusra-Front beigetreten sind, weil sie finanzielle Unterstützung für ihren Kampf gegen das Regime brauchen. Die ausländische Führung der Nusra ist vielmehr das Problem. Sie sind diejenigen mit Verbindungen zu Al Qaida. Die meisten Kämpfer haben mit dieser Ideologie wenig zu tun. Man muss gezielt die Führung bekämpfen. Das Problem ist auch, dass die Trennung von Jabhat Fateh al Sham und den anderen Oppositionsgruppen eine Schwächung der Opposition in ihrem Kampf gegen Assad bedeutet. Damit der Deal fair ist, sollten im Gegenzug die ausländischen schiitischen Milizen abgezogen werden.

          Sie haben als Teil des „Hohen Verhandlungskomitees“ der syrischen Opposition in der vergangenen Woche in London einen Friedensplan für Syrien vorgestellt. Darin fordern Sie einen Rücktritt Assads und eine Übergangsregierung. Wer könnte ihr angehören?

          Assad tut so, als gäbe es keine Alternative zu ihm. Aber sogar in seinem eigenen Lager gibt es Leute, die bereit sind, an einer Lösung zu arbeiten. Aber Assad erlaubt ihnen nicht, einen Schritt auf die Opposition zuzugehen. Die internationale Gemeinschaft muss daher einsehen, dass keine Lösung möglich ist, solange der Diktator an der Macht ist. Unser Plan umfasst einen Sicherheitsplan für das gesamte Land: Wir wollen, dass die oppositionelle Freie Syrische Armee mit der Syrischen Armee zusammenarbeitet.

          Die Opposition wird von Islamisten dominiert  kann man mit Demokratiefeinden demokratische Ziele erreichen?

          Die moderate Opposition, die sich in Riad zusammengeschlossen hat, ist sehr vielfältig, aber sie teilt eine gemeinsame Vision für die Zeit nach Assad: Sie will ein friedliches, vereintes Syrien, das allen Konfessionen Schutz bietet. Sobald der Frieden greifbar sein wird, werden die radikalen Teile der Opposition sofort marginalisiert werden. Assad hat natürlich kein Interesse an einer gemäßigten Opposition, weil nur die radikalen Islamisten ihn als die bessere Option erscheinen lassen.

          Bassma Kodmani, Mitglied des oppositionellen syrischen Hohen Verhandlungskomitees (HNC)

          Ist es klug mit dschihadistischen Gruppen wie Ahrar al Sham oder Jaisch al Islam zusammenzuarbeiten?

          Wir müssen diesen Gruppen ein Angebot machen: Wenn sie unseren Vorstellungen von einer demokratischen Grundordnung entsprechen, sind sie Teil der Zukunft. Wenn nicht, werden sie bekämpft. Aber wir brauchen zuerst eine Neuordnung, um überhaupt feststellen zu können, wer wo steht. Im Kriegschaos gedeihen die Radikalen natürlich. Aber im Frieden verlieren sie ihre Existenzberechtigung. Vielleicht wollen einige von ihnen auch darüber hinaus ihre islamistischen Ziele verfolgen; dann können sie eine Partei bilden und sich demokratischen Wahlen stellen. Wir werden sie dann politisch bekämpfen.

          Haben Sie nicht die Sorge, dass es die Islamisten sein werden, die ihnen in einem Syrien nach Assad die Regeln diktieren?

          Das glaube ich nicht. Sie werden es versuchen, aber sie werden keinen Erfolg haben, dafür haben wir eine zu große Vielfalt an ethnischen und religiösen Gruppen in Syrien. Wenn die Syrer in fünf Jahren Krieg eines verstanden haben, dann, dass wir entweder ein vereintes, demokratisches Syrien haben werden oder gar keines.

          Was erwarten Sie vom Westen?

          Die Vereinigten Staaten müssen angesichts der Katastrophe in Aleppo verstehen, dass man Terrorismus nicht bekämpfen kann, ohne gleichzeitig die Ursache des Konfliktes zu bekämpfen. Die Ursache ist die Diktatur. Die Regierung Obama ist daran gescheitert, die Zivilbevölkerung zu schützen. Von den Europäern erwarten wir, dass sie verstehen, dass Syrien ihr Hinterhof ist: Es ist in ihrem Interesse, mehr zu tun, als die Verbrechen bloß zu verurteilen und darauf zu warten, dass die Amerikaner die Führung übernehmen. Die Flüchtlingskrise und der zunehmende Terror treffen Europa ins Herz, deshalb haben die Europäer das Recht und auch die Verpflichtung, in Syrien mitzureden.

          Die Fragen stellte Livia Gerster.

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