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Frauen-Partei in Israel : Fromm und feministisch

Abgetrennt von den Männern betet eine Frau an der Klagemauer in Jerusalem. Bild: dpa

Die beiden strenggläubigen Parteien in der Knesset ignorieren weibliche Interessen. Deshalb tritt in Israel nun eine Partei ultraorthodoxer Frauen an. Sie haben Hoffnung auf einen Einzug ins Parlament.

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          Nach der Debatte im Gesundheitsausschuss hatte Ruth Kolian endgültig genug. Die Knesset-Abgeordneten berieten im vergangenen November über den Kampf gegen Brustkrebs. Doch kein einziger Abgeordneter aus den beiden religiösen Parteien nahm an der Sitzung teil. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass ultraorthodoxe Frauen in Israel an dieser Krebsart erkranken, doppelt so hoch. „Das war wie ein Schlag in die Magengrube“, sagt Ruth Kolian. Unter strenggläubigen Juden gilt es als unanständig, das Wort Brust überhaupt auszusprechen. Vorsorge und rechtzeitige Behandlung werden deshalb oft vernachlässigt. „Es darf nicht sein, dass so viele Frauen an Brustkrebs sterben und ihre Kinder zu Waisen werden. Ich wollte, dass endlich auch unsere Stimme gehört wird“, sagt Ruth Kolian, die ihr eigenes Haar unter einer schulterlangen braunen Perücke verbirgt, wie es die religiösen Vorschriften von strenggläubigen Frauen verlangen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die 33 Jahre alte Mutter von vier Kindern ist ultraorthodox und zugleich eine „stolze Feministin“. Da die beiden strenggläubigen Parteien in der Knesset nicht für die Interessen der Frauen kämpfen, gründete Ruth Kolian eine eigene Partei, die am 17. März bei der Parlamentswahl antreten wird. Diese heißt „Uvizchutan“, was sich mit „Dank ihrer“ übersetzen lässt und damit selbstbewusst auf die Bedeutung der Frauen in der Gesellschaft hinweist. Dass sie sich nicht länger von ihren Männern sagen lassen wollen, wie sie zu leben haben, unterstreicht ihr Wahlslogan „Haredische Frauen treiben den Wandel voran“; Haredim nennen sich in Israel die strenggläubigen, gottesfürchtigen Juden. Sie wollten dazu beitragen, „die Mauern der Angst einzureißen“, hinter denen viele ultraorthodoxe Frauen zu Hause lebten, sagt Kolian, die gerade ihr Jurastudium abschließt.

          Sie ärgert es, dass im Parlament alle vertreten sind, „Siedler, Araber, Araberinnen, nur nicht Frauen wie wir“. Besonders wütend ist sie auf die Partei des „Vereinten Tora-Judentums“ und die Schas-Partei. Bei beiden Parteien hatte sie wegen einer Kandidatur angefragt. Aber sie weigerten sich auch dieses Mal, Frauen antreten zu lassen. Vor den Kommunalwahlen vor zwei Jahren klagte Ruth Kolian deshalb vor dem Obersten Gericht. Sie wollte erreichen, dass Parteien, die keine Frauen aufstellen, keine staatliche Unterstützung mehr erhalten, weil das diskriminierend sei.

          Sie scheiterte damals vor Gericht, wie jetzt vor der Wahlkommission: Ihre neue Partei wollte erreichen, dass zwei strenggläubige Zeitungen ihre Wahlwerbung drucken. Ultraorthodoxe Medien lehnen es aus religiösen Gründen ab, Frauen abzubilden; sie halten solche Aufnahmen für unzüchtig. Im Wahlkampf haben es die Kandidatinnen von „Uvizchutan“ nicht leicht. Sie werden immer wieder als „Schlampen“ und Abtrünnige beschimpft, die vom richtigen Weg abgekommen seien.

          Solche Vorwürfe schrecken Gila Jaschar nicht. Die 48 Jahre alte Mutter von sieben Kindern steht auf dem vierten Platz der Wahlliste der neuen Partei. Vier Jahre lang dauerte es, bis sie von ihrem Mann geschieden war. „Der Richter im Rabbinatsgericht schrie mich an, als wäre ich ein kleines Kind oder eine Kriminelle“, erinnert sich die Englischlehrerin. Sie wollte in dem Scheidungsverfahren nicht auf die Wohnung verzichten, in der sie sich um ihr schwerbehindertes Kind kümmerte.

          Als sie zu einem Gerichtstermin nicht erschien, weil sie krank war, schickte der Richter die Polizei, um sie in Gewahrsam nehmen zu lassen. Auf dem Weg ins Gefängnis brach Gila Jaschar zusammen. Daraufhin wurde sie im Krankenhaus tagelang an ihr Bett gefesselt. Dort besuchte sie Ruth Kolian zum ersten Mal, die sie später nicht lange überreden musste, für die neue Partei anzutreten. „Wir müssen den Frauen helfen, die in ihren Ehen angekettet sind. Bei Scheidungen heißt es unter Ultraorthodoxen immer, die Frauen seien schuld. Aber Frauen sind keine Sklavinnen. Das geht ganz klar aus der Tora hervor“, sagt Gila Jaschar.

          Nicht nur die Stimme der Ultraorthodoxen

          Seit der Gründung der neuen Parteien wenden sich immer mehr Frauen an die Kandidatinnen. Sie berichten von gewalttätigen Männern und dass sie um ihrer Kinder willen einer Konfrontation aus dem Weg gingen. „Wir hören von vielen solcher Fälle“, sagt Gila Jaschar. Oft wissen Frauen aus solchen strenggläubigen Familien nicht, wohin sie flüchten sollen, wenn sie es zu Hause nicht länger aushalten. In Israel gibt es mehr als ein Dutzend Frauenhäuser, aber nur eines, das auf die besonderen Bedürfnisse strenggläubiger Frauen Rücksicht nimmt.

          Die neue Partei will aber nicht nur zur Stimme der Ultraorthodoxen werden, sondern sich zum Beispiel auch für alleinerziehende Mütter einsetzen, wie sie Gila Jaschar nach ihrer Scheidung ist und Ruth Kolian als junge Frau einmal war. Die Parteigründerin wurde mit 17 Jahren schwanger und landete in einem Heim. Später erkrankte ihr Sohn an Krebs. Er starb, weil die Krankheit nicht rechtzeitig entdeckt wurde. Ruth Kolian verklagte die Ärzte und finanzierte mit der Entschädigung ihr Jurastudium.

          Sie schlägt damit den Weg ein, den eine andere strenggläubige Pionierin geebnet hatte. Lange war in Israel darüber spekuliert worden, ob Adina Bar-Schalom bei der Parlamentswahl antreten würde. Die älteste Tochter des vor zwei Jahren gestorbenen Schas-Gründers Rabbi Ovadia Josef leitet das erste College für strenggläubige Frauen in Israel und hatte sich dafür ausgesprochen, dass diese Frauen auch in der Politik eine Rolle spielen sollten. Viele erwarteten, dass Adina Bar-Schalom jetzt selbst diesen Schritt wagen würde. Angeblich lag ihr ein Angebot der neuen Partei des früheren Sozialministers Mosche Kahlon vor, das sie aber nicht annahm.

          Ruth Colian will ins Parlament.
          Ruth Colian will ins Parlament. : Bild: Reuters

          Am Ende war auch auf der Liste der Schas-Partei kein Platz für sie. Die mit dem staatlichen „Israel-Preis“ ausgezeichnete Reformerin begnügte sich mit dem Vorsitz des beratenden Ausschusses für Frauenangelegenheiten, den sie mit der Ehefrau des Schas-Vorsitzenden teilt. Für die Partei, deren Abgeordnete sich als „Boten des Rabbiners“ verstehen, war selbst die Tochter ihres Gründers als Kandidatin zu revolutionär.

          Seit der Gründung Israels vor 67 Jahren gehörte der Knesset nur eine ultraorthodoxe Abgeordnete an: Racheli Ibenboim kam über die Liste der säkularen, linken Meretz-Partei im Jahr 2008 ins Parlament. In Jerusalem zog sie im Oktober 2013 bei den Stadtratswahlen ihre Kandidatur zurück. Sie und ihre Familie seien bedroht worden, sagte die Mutter, die sich als „ultraorthodoxe Frauenaktivistin“ versteht. In der Siedlung Elad scheiterte damals bei den Kommunalwahlen eine Gruppe ultraorthodoxer Frauen, weil sie nicht genug Stimmen erhielten.

          Ruth Kolian und Gila Jaschar sind trotzdem zuversichtlich, dass es ihre neue Partei in die Knesset schafft. Obwohl „Uvizchutan“ bisher in keiner Umfrage die Mindesthürde übersprang, hält sie fünf bis sechs Sitze in der neuen Knesset für möglich. Ein ähnlicher Überraschungssieg sei in Israel schon einmal der Rentnerpartei gelungen. Und sollte es am 17. März nicht klappen, will sie sich nicht entmutigen lassen. „Wir sind religiöse Frauen, und unser Glaube macht uns ausdauernd“, sagt Ruth Kolian.

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