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Frauen-Partei in Israel : Fromm und feministisch

Als sie zu einem Gerichtstermin nicht erschien, weil sie krank war, schickte der Richter die Polizei, um sie in Gewahrsam nehmen zu lassen. Auf dem Weg ins Gefängnis brach Gila Jaschar zusammen. Daraufhin wurde sie im Krankenhaus tagelang an ihr Bett gefesselt. Dort besuchte sie Ruth Kolian zum ersten Mal, die sie später nicht lange überreden musste, für die neue Partei anzutreten. „Wir müssen den Frauen helfen, die in ihren Ehen angekettet sind. Bei Scheidungen heißt es unter Ultraorthodoxen immer, die Frauen seien schuld. Aber Frauen sind keine Sklavinnen. Das geht ganz klar aus der Tora hervor“, sagt Gila Jaschar.

Nicht nur die Stimme der Ultraorthodoxen

Seit der Gründung der neuen Parteien wenden sich immer mehr Frauen an die Kandidatinnen. Sie berichten von gewalttätigen Männern und dass sie um ihrer Kinder willen einer Konfrontation aus dem Weg gingen. „Wir hören von vielen solcher Fälle“, sagt Gila Jaschar. Oft wissen Frauen aus solchen strenggläubigen Familien nicht, wohin sie flüchten sollen, wenn sie es zu Hause nicht länger aushalten. In Israel gibt es mehr als ein Dutzend Frauenhäuser, aber nur eines, das auf die besonderen Bedürfnisse strenggläubiger Frauen Rücksicht nimmt.

Die neue Partei will aber nicht nur zur Stimme der Ultraorthodoxen werden, sondern sich zum Beispiel auch für alleinerziehende Mütter einsetzen, wie sie Gila Jaschar nach ihrer Scheidung ist und Ruth Kolian als junge Frau einmal war. Die Parteigründerin wurde mit 17 Jahren schwanger und landete in einem Heim. Später erkrankte ihr Sohn an Krebs. Er starb, weil die Krankheit nicht rechtzeitig entdeckt wurde. Ruth Kolian verklagte die Ärzte und finanzierte mit der Entschädigung ihr Jurastudium.

Sie schlägt damit den Weg ein, den eine andere strenggläubige Pionierin geebnet hatte. Lange war in Israel darüber spekuliert worden, ob Adina Bar-Schalom bei der Parlamentswahl antreten würde. Die älteste Tochter des vor zwei Jahren gestorbenen Schas-Gründers Rabbi Ovadia Josef leitet das erste College für strenggläubige Frauen in Israel und hatte sich dafür ausgesprochen, dass diese Frauen auch in der Politik eine Rolle spielen sollten. Viele erwarteten, dass Adina Bar-Schalom jetzt selbst diesen Schritt wagen würde. Angeblich lag ihr ein Angebot der neuen Partei des früheren Sozialministers Mosche Kahlon vor, das sie aber nicht annahm.

Ruth Colian will ins Parlament.
Ruth Colian will ins Parlament. : Bild: Reuters

Am Ende war auch auf der Liste der Schas-Partei kein Platz für sie. Die mit dem staatlichen „Israel-Preis“ ausgezeichnete Reformerin begnügte sich mit dem Vorsitz des beratenden Ausschusses für Frauenangelegenheiten, den sie mit der Ehefrau des Schas-Vorsitzenden teilt. Für die Partei, deren Abgeordnete sich als „Boten des Rabbiners“ verstehen, war selbst die Tochter ihres Gründers als Kandidatin zu revolutionär.

Seit der Gründung Israels vor 67 Jahren gehörte der Knesset nur eine ultraorthodoxe Abgeordnete an: Racheli Ibenboim kam über die Liste der säkularen, linken Meretz-Partei im Jahr 2008 ins Parlament. In Jerusalem zog sie im Oktober 2013 bei den Stadtratswahlen ihre Kandidatur zurück. Sie und ihre Familie seien bedroht worden, sagte die Mutter, die sich als „ultraorthodoxe Frauenaktivistin“ versteht. In der Siedlung Elad scheiterte damals bei den Kommunalwahlen eine Gruppe ultraorthodoxer Frauen, weil sie nicht genug Stimmen erhielten.

Ruth Kolian und Gila Jaschar sind trotzdem zuversichtlich, dass es ihre neue Partei in die Knesset schafft. Obwohl „Uvizchutan“ bisher in keiner Umfrage die Mindesthürde übersprang, hält sie fünf bis sechs Sitze in der neuen Knesset für möglich. Ein ähnlicher Überraschungssieg sei in Israel schon einmal der Rentnerpartei gelungen. Und sollte es am 17. März nicht klappen, will sie sich nicht entmutigen lassen. „Wir sind religiöse Frauen, und unser Glaube macht uns ausdauernd“, sagt Ruth Kolian.

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