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Leben im „Islamischen Staat“ : Die Anti-IS-Religion

  • -Aktualisiert am

Der Zoroastrismus beschreibt die Welt als Kampf zwischen guten und bösen Kräften. Bild: AP

In Irakisch-Kurdistan erstarkt der Zoroastrismus, eine der ältesten Religionen der Welt. Viele sehen darin eine Reaktion auf den IS-Extremismus.

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          Womöglich liegt es am Vormarsch der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS), dass eine der ältesten Religionen der Welt in Irakisch-Kurdistan gerade ein Revival erlebt: der Zoroastrismus, benannt nach dem Religionsstifter Zarathustra, der im zweiten oder ersten Jahrhundert vor Christus in einem kurdisch geprägten Teil Irans geboren wurde. In der irakischen Provinz Suleimania feierten Bewohner einer ländlichen Region im Mai erstmals seit angeblich tausend Jahren ein uraltes Ritual, bei dem sie sich einen speziellen Gürtel umlegten, um damit zu demonstrieren, dass sie sich dem Zoroastrismus zugehörig fühlen und seine Gebote beachten wollen. Sie kündigten an, weitere solcher Zeremonien in der Region abzuhalten, und beantragten eine Genehmigung für den Bau von zwölf Tempeln. Bei den Behörden Irakisch-Kurdistans, einer autonomen Region mit eigener Verwaltung und eigenem Parlament, warben die Gläubigen dafür, den Zoroastrismus als offizielle Religion anzuerkennen. Die kleine Glaubensgemeinschaft hat nun sogar eine eigene Hymne und eine wachsende Präsenz in den sozialen Netzwerken.

          Zwar gibt es bislang keine gesicherten Informationen über die Zahl der Neu-Zoroastrier, doch ist es ihnen gelungen, einige Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu erregen, zumal mit der Aussage, ihre Religion sei „kurdischer“ als andere Religionen. In dieser Region, wo viele Menschen sich zuallererst als Kurden verstehen, ist die Idee einer authentisch kurdischen Religion durchaus attraktiv. Einer der Gläubigen namens Dara Aziz formuliert es so: „Ich hoffe sehr, dass unsere Tempel bald öffnen, so dass wir zu unserer authentischen Religion zurückkehren können.“ Und der Leiter der zoroastrischen Organisation Zand, Luqman al Hadsch Karim, sagt: „Das Revival ist Teil einer kulturellen Revolution.“ Sie werde die wahre Kultur und Religion der Kurden wiederherstellen.

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          Viele Bewohner Suleimanias halten die Wiederentdeckung dieses alten Glaubenssystems aber eher für eine Reaktion auf den IS und den Extremismus, den er verbreitet. Und für ein Symptom für die wachsenden Spannungen zwischen den religiösen Gruppen, die sein Auftauchen verschärft hat. „Die Leute in Kurdistan wissen nicht mehr, welchem Islam und welchen Geboten sie noch folgen sollen“, sagt der Sprecher des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten in der autonomen Region, Mariwan Naqshbandi.

          Gerade für nationalistische und liberale Kurden sei der Zoroastrismus attraktiv, weil er als moderater betrachtet werde als der Islam. Zumal in der Anschauung der Zoroastrier die Welt als Kampf zwischen guten und bösen Kräften, in diesem Fall den Horden des IS, beschrieben wird. Das Ministerium hat zugesagt, die neue Glaubensgemeinschaft zu unterstützen. Religionsfreiheit sei in Irakisch-Kurdistan gesetzlich verankert, sagte der Ministeriumssprecher, und so werde auch diese Religion von seiner Behörde vertreten.

          In den sozialen Netzwerken hat die neue Glaubensgemeinschaft eine lebhafte Debatte ausgelöst. Viele fragen sich, ob viele Kurden sich jetzt womöglich ganz vom Islam abwenden würden. Zand-Chef Al Karim bestreitet das: „Wir wollen kein Ersatz für irgendeine andere Religion sein.“ Diejenigen jedenfalls, die sich im Mai den zoroastrischen Gürtel umlegten, haben sich mit keinem Wort von ihrem bisherigen Glauben losgesagt. Vielleicht liegt es daran, dass bislang noch kein islamischer Geistlicher oder Politiker Kritik an der kleinen Gruppe geübt hat.

          Der Parlamentsabgeordnete Hadschi Karwan von der Islamischen Union spielt das Thema denn auch herunter. Die Zahl der Neu-Zoroastrier sei wohl eher gering, aber natürlich seien die Menschen frei, sich jeder Religion ihrer Wahl anzuschließen. „Der Islam sagt, es gibt keinen Zwang in der Religion.“ Freilich widerspricht er der Darstellung, dass der Zoroastrismus besonders „kurdisch“ sei. Religion sei der Menschheit gegeben – und keiner speziellen ethnischen Gruppe.

          Autoren

          Die Autoren unserer Serie “Leben im IS-Staat“ sind irakische Journalisten, die aus dem ganzen Land für die Website niqash.org berichten.

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