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Christen im Orient : In großer Bedrängnis

Die orientalischen Christen wollen dem Furor der Islamisten nicht länger ausgeliefert sein. Es herrscht Endzeitstimmung.

          3 Min.

          Als Johannes Moschus im späten 6. Jahrhundert durch das Byzantinische Reich reiste, von einem Kloster zum nächsten, beschrieb der Mönch aus Damaskus einen Orient, der noch ganz christlich war. Im Bogen von Kleinasien über die Levante bis Nordafrika durchstreifte er die Hochkultur seiner Zeit. Dann erlebte er, wie im Jahr 614 sassanidische Perser Jerusalem vorübergehend eroberten; wenig später setzte der Islam zu seinem Eroberungszug an. Von da an nahm in der Region, in der das Christentum seinen Ursprung hat - mit Antiochien, wo sich die ersten christlichen Gemeinden bildeten, mit Alexandria, wo die frühchristliche Religion mit hellenistischem Denken verschmolz -, die Präsenz der Christen ab.

          Fast 1500 Jahre nach Johannes Moschus herrscht unter den letzten orientalischen Christen Endzeitstimmung. Im 20. Jahrhundert hatten moderne Ideologien den christlichen Minderheiten zugesetzt und sie verjagt: in der Türkei der türkische Nationalismus, in Ägypten der Nationalismus Nassers. Beschleunigt setzte sich der Exodus im 21. Jahrhundert fort. Heute sind die Christen Opfer islamistischer Gewalt: nach 2003 und dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung im Irak; in Syrien, wo Dschihadisten einen von Christen gesäuberten islamischen Staat errichten wollen; in Ägypten, wo die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi sich an den koptischen Christen dafür rächen, dass sie sich aus Angst vor weiterer Islamisierung auf die Seite der Generäle gestellt haben. In Pakistan gerät der islamistische Mob außer Kontrolle, den die Staatsmacht lange gefördert hatte, zuletzt mit dem Blasphemiegesetz, das zur Verfolgung der Christen geradezu einlädt. Eine Frucht dieser Saat war der Anschlag auf eine Kirche am vergangenen Sonntag in Peschawar.

          Vor einem Jahrhundert waren in den Ländern, die Johannes Moschus bereist hatte, zwanzig Prozent der Bevölkerung Christen. Geblieben ist davon - vor allem dank der Kirchen in Ägypten, Syrien und im Libanon - ein Anteil von höchstens vier Prozent, und auch die sind gefährdet. In Maalula, einer christlichen Stadt in Syrien, in der noch Aramäisch gesprochen wird, die Sprache Jesu, haben Dschihadisten mit der Zwangskonversion der Christen begonnen; auch immer mehr „gemäßigte“ Rebellen fordern einen islamischen Staat; in Städten Oberägyptens, die (noch) unter der Kontrolle von Muslimbrüdern und Salafisten sind, haben die Christen den Status von „Dhimmis“, von „Schutzbefohlenen“, den die Scharia vorschreibt. Ihr Leben ist nicht bedroht - Kirchen und Klöster brannten dennoch nieder, die Polizei schritt nicht ein.

          Sauerteig der muslimischen Mehrheitsgesellschaften

          Mehr als 14 Jahrhunderte haben die orientalischen Christen als Minderheit in einem Umfeld überlebt, das ihnen nicht immer feindlich gesinnt war, in dem sie aber stets vor Verfolgung auf der Hut sein mussten. Dabei waren sie der Sauerteig auch der muslimischen Mehrheitsgesellschaften: Sie führten in die Frühzeit des Islams das Denken und die Kultur der Antike ein; im 19. Jahrhundert erneuerten sie die arabische Sprache, modernisierten das Bildungswesen und das politische Denken. Christliche Intellektuelle machten den Orient mit dem Säkularismus vertraut, sie gründeten säkulare Parteien wie die Baath-Partei.

          Die orientalischen Christen haben schwere Zeiten durchlebt und sind vieles gewöhnt. Heute wollen sie dem islamistischen Furor nicht länger ausgeliefert sein, selbst wenn der nur von einer Minderheit der Muslime getragen wird. Ein Krieg führt zum nächsten, die Blutspur des Dschihad reicht von Afghanistan über den Irak nach Syrien. Die arabische Welt hat das Trauma, von äußeren Mächten bedroht und fremdbestimmt zu sein - von den Kreuzzügen über die Invasion der Mongolen bis hin zur Kolonialherrschaft -, nicht überwunden.

          Aus Sorge um ihre Zukunft, aus Angst um ihr Leben suchen viele Christen Zuflucht im sicheren Westen. Andere aber suchen diese Zuflucht dort im Nahen Osten, wo es für sie noch Schutzräume gibt: im Libanon, im kurdischen Nordirak, selbst in der Türkei. Irakische Christen, die nach 2003 nach Syrien in Sicherheit geflohen waren, kehren in den (Nord-)Irak zurück; syrisch-orthodoxe Christen, die in der Vergangenheit die Türkei verlassen hatten und nach Syrien gegangen waren, kehren in ihre Urheimat zurück, den Tur Abdin. Es sind freilich nicht nur Christen, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihren Heimatländern den Rücken kehren oder vor Kriegen fliehen.

          Der Westen steht in der moralischen Pflicht, jenen die Türen zu öffnen, deren Leben bedroht ist. Falsch aber wäre es, alle orientalischen Christen grundsätzlich als bedroht zu sehen und sie nach Europa und Amerika zu holen, wo sie sich rasch assimilieren würden. Verlieren würde das Christentum. Denn die große Vielfalt des Christentums macht einen Teil der Vitalität dieser Weltreligion aus. Verlieren würden auch die Länder des Nahen Ostens; ohne den Beitrag der Christen würde es Syrien und Ägypten noch viel schwerer fallen, moderne Zivilgesellschaften als Gegenentwurf zur islamischen Ordnung aufzubauen. Auf die Christen als Sauerteig können die arabischen Gesellschaften nicht verzichten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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