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Krieg in Syrien : Hilfskonvois erreichen belagerte Städte nach einem halben Jahr

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Der Hilfskonvoi am Sonntag nahe der türkischen Grenzstadt Idlib Bild: AFP

Die Menschen in Madaja, Sabdani, Fua und Kefraja waren sechs Monate von der Außenwelt abgeschnitten. Nun haben erstmals wieder Hilfskonvois die syrischen Städte erreicht. Derweil setzen sich die Schuldzuweisungen von Russen und Amerikanern fort.

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          Im syrischen Bürgerkrieg haben vier eingeschlossene Städte nach Angaben des Roten Kreuzes erstmals seit fast sechs Monaten Hilfslieferungen erhalten. Dabei handele es sich um Madaja und Sabdani in der Nähe der Hauptstadt Damaskus sowie um Fua und Kefraja in der nordwestlichen Provinz Idlib, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) am Sonntag mit. Insgesamt 70 Lastwagen hätten Hilfsgüter geliefert. Madaja mit einer Bevölkerung von rund 40.000 Menschen ist seit einem halben Jahr von Verbündeten der syrischen Armee eingekesselt. In Sabdani leben noch 1000 Menschen. Kefraja und Fua mit rund 20.000 Einwohnern werden seit April 2015 von Aufständischen belagert.

          Die Vereinten Nationen (UN) hatten am Donnerstag nach einem 48-stündigen Stopp ihre Hilfslieferungen für die Bevölkerung in Syrien wieder aufgenommen. Zuvor waren sie nach dem Angriff auf einen Hilfskonvoi des Roten Halbmondes bei der umkämpften Großstadt Aleppo am Montag ausgesetzt worden.

          Streit im UN-Sicherheitsrat

          Derweil machen sich angesichts der bislang schwersten Bombenangriffe auf Aleppo Russland und die westlichen Staaten gegenseitig für die Eskalation der Gewalt in Syrien verantwortlich. Bei einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats am Sonntag warf Frankreichs UN-Botschafter Francois Delattre der Regierung in Moskau vor, durch ihre Unterstützung für das Regime des syrischen Machthabers Baschar al Assad die Bemühungen um eine Waffenruhe zu unterlaufen. Sein russischer Kollege Witali Tschurkin wies das zurück. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sprach von „Kriegsverbrechen“, die in Aleppo verübt würden.

          „Was Russland fördert und unterstützt, ist nicht Terrorbekämpfung, es ist Barbarei“, sagte die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power. Statt nach Frieden zu streben, führten „Russland und Assad“ Krieg. „Glaubt Russland wirklich, dass es Vertrauen gewinnen kann, wenn es auf der einen Seite über Waffenruhe verhandelt und auf der anderen das Regime unterstützt, das Aleppo bombardiert?“, fragte ihr französischer Kollege Delattre.

          „Frieden nach Syrien zu bringen, ist inzwischen fast unmöglich“, entgegnete Tschurkin. Er beschuldigte Washington „nicht ausreichend Einfluss auf die mit ihnen verbündeten Gruppen auszuüben“ und damit seine Verpflichtungen für die Waffenruhe nicht zu erfüllen.

          Vorangegangen war in den vergangenen Tagen ein Bombenhagel des syrischen Regimes und seiner Alliierten auf die Rebellengebiete der belagerten Stadt - die bisher schwersten im gesamten syrischen Bürgerkrieg. In Aleppo und seinem Umland wurden mehr als 230 Zivilisten getötet.

          Nach dem Dauerfeuer der Vortage setzten die syrische und russische Luftwaffe am Sonntag ihre Angriffe für einige Stunden aus. Die Bombardements gingen nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte im Tagesverlauf aber weiter. Wieder seien mindestens 27 Menschen getötet worden, darunter auch Kinder.

          Bans Sonderbeauftragter für den Syrien-Konflikt, Staffan de Mistura, appellierte an die Vereinigten Staaten und Russland, dem gebrochenen Waffenstillstandsabkommen noch eine Chance zu geben. „Als naiver UN-Vertreter hoffe ich, daran glauben zu dürfen, dass ihre Zusagen ernst gemeint waren“, drängte er die beiden Vetomächten.

          Bereits am Samstag hatten die Außenminister unter anderem Amerikas, Deutschlands und Großbritanniens heftige Kritik an Moskau geübt. Die Geduld sei „im Hinblick auf Russlands fortgesetzte Unfähigkeit oder die fehlende Bereitschaft, seinen Verpflichtungen nachzukommen, nicht unbegrenzt“, betonten die Minister nach einem Treffen in Boston.

          Das syrische Regime hatte vor Wiederaufnahme der Luftangriffe am Donnerstag eine Bodenoffensive angekündigt, um die Stadt vollständig zurückzuerobern. Assads Truppen werden neben Russland auch vom Iran und der Schiitenmiliz Hizbullah unterstützt. Auch Milizen aus Afghanistan und dem Irak sollen unter den Unterstützern sein.

          Aleppo ist die letzte verbliebene Großstadt in Syrien, in der Rebellen noch größere Gebiete kontrollieren. Mindestens 250.000 Menschen harren im belagerten Ostteil der Stadt trotz widrigster Lebensumstände aus. In ganz Aleppo sollen zwei Millionen Menschen von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten sein.

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