https://www.faz.net/-gq5-8c960

Im Kessel von Madaya : Erste Hilfsgüter für hungernde Syrer

Hilfe naht: Bewohner von Madaya warteten am Montag auf einen Konvoi der Vereinten Nationen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten – der kurz darauf eintraf. Bild: AFP

Das Assad-Regime setzt im syrischen Bürgerkrieg Hunger als Waffe ein. Nach internationalen Appellen lockert es nun den Würgegriff um die Stadt Madaya. Zumindest ein wenig.

          Nach Tagen verzweifelten Wartens sind am Montagabend die ersten Lastwagen eines Konvois mit Hilfsgütern in dem vom syrischen Regime und Milizionären der Hizbullah belagerten Madaya eingetroffen. Seit Juli ist der Ort eingekesselt, Gewaltherrscher Baschar al Assad und seine Verbündeten setzen Hunger als Waffe gegen die Bevölkerung ein, die zu den Rebellen hält. Sie haben die Umgebung vermint, Scharfschützen feuern auf jeden der versucht, aus dem Kessel zu fliehen – auch auf Frauen und Kinder.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Schreckensbilder von ausgemergelten Kindern hatten die Öffentlichkeit im Ausland aufgeschreckt. Berichte von Einwohnern, die demnach in der Not Insekten, Katzen, Gras, Laub oder Erde essen. Aktivisten berichten von verzweifelten Menschen, die wie Geister auf der Suche nach Essbarem durch die Straßen streifen, von absurden Preisen für Lebensmittel: ein Kilo Reis für 250 Dollar, ein Kilogramm Mehl für 120, ein Liter Milch für 300. Seuchen haben sich ausgebreitet, weil auch dramatischer Mangel an Medikamenten herrscht. Dutzende, unter ihnen Kinder und Babys, sind nach Angaben von örtlichen Aktivisten und Hilfsorganisationen in den kalten Wintermonaten verhungert.

          Während die internationale Diplomatie um einen Ausweg aus dem Bürgerkrieg ringt, leidet die syrische Bevölkerung unvermindert weiter. Denn die Konfliktparteien versuchen ihre Positionen auf dem Schlachtfeld zu verbessern. Auf Zivilisten wird dabei kaum Rücksicht genommen, sie werden immer wieder als Druckmittel und Verhandlungsmasse missbraucht.

          Auch die bewaffnete Opposition hat inzwischen Orte eingekesselt, in denen Anhänger des Regimes leben. Doch vor allem das Regime setzt in diesem Krieg schon länger das Aushungern der Bevölkerung als Waffe ein. Ähnliches wie die Menschen in Madaya haben Zivilisten in vielen anderen Orten zu erleiden oder erleiden müssen – in den Teilen Aleppos oder Vorstädten von Damaskus, die von Rebellen gehalten werden. Der Schmuggel ist zu einem einträglichen Geschäft für Akteure auf beiden Seiten geworden. Assad scheint entschlossen zu sein, die Taktik weiterzuverfolgen, nach der in den Rebellengebieten ein geregeltes Leben mit Belagerung und Bomben verhindert wird. Während seine Truppen den Würgegriff um Madaya nun ein klein wenig lockerten, zog das Regime die Schlinge anderswo zu: in Muadhamiya, einer Vorstadt südwestlich von Damaskus, wo schon vor mehr als zwei Jahren die Parole „unterwerfen oder aushungern“ ausgegeben worden war. Dort berichteten Einwohner von neuen Drohungen der Führung.

          Diese ist nach Angaben von Beobachtern in Damaskus selbstbewusst wie lange nicht mehr. Dank der russischen Waffenhilfe ist die Bedrohung durch die Rebellen nicht mehr existentiell, und auch der iranischen Dominanz konnte sich Damaskus dank Moskaus Militäreinsatz etwas entziehen. Auch wenn die zerstrittene Opposition nach Angaben von Diplomaten in den vergangenen Monaten produktiv gearbeitet hat, dürfte es noch dauern, bis eine Einigung in greifbare Nähe rückt. Zeit, in der Assads Truppen ungehindert neue Fakten schaffen können.

          Der Kessel von Madaya hängt mit einem erbitterten Zermürbungskrieg um die Nachbarstadt Zabadani zusammen, die nur ein paar Dutzend Kilometer nordwestlich der syrischen Hauptstadt liegt. Mitte August war Madaya von den Belagerungskräften beschossen worden. Und einiges deutet darauf hin, dass die Angehörigen der Rebellen, die dort lebten, unter Zwang in den Ort gebracht worden waren.

          Das Regime will die Hauptstadt und die umliegende Region wie eine Trutzburg sichern. Die Hizbullah will die Rebellen um jeden Preis aus Zabadani vertreiben, weil der Ort ein wichtiges Drehkreuz auf jener Route war, auf der Iran die Schiitenorganisation mit Waffen versorgte. Ferner will die Hizbullah ihre sunnitischen Gegner auch auf syrischer Seite aus dem Grenzland vertrieben wissen. Die Opposition in Zabandani hatte sich lange – auch noch unter dem Beschuss des Regimes für Toleranz eingesetzt und auch dem sektiererischen Hass entgegengestellt.

          Die bewaffneten Assad-Gegner von Zabadani hatten sich im Verlauf des Krieges mehrheitlich der von der Türkei und Qatar unterstützten sunnitischen Islamistenmiliz „Ahrar al Scham“ angeschlossen. Deren Kämpfer wiederum sind maßgeblich an der Belagerung der schiitischen Dörfer Foua und Kefraya im Norden beteiligt, wo am Montag ebenfalls Hilfsgüter eintrafen. Schon im Herbst hatten Emissäre der Islamisten und Irans über einen Waffenstillstand und Bevölkerungsaustausch verhandelt. Zehntausende Schiiten sollten sich demnach aus Foua und Kefraya in die vom Regime kontrollierten Teile des Landes zurückziehen dürfen – die Rebellen sollten im Gegenzug freies Geleit aus Zabadani erhalten. Doch die Gespräche scheiterten, und damals vermuteten Diplomaten, das Assad-Regime habe sich übergangen gefühlt und die Gespräche torpediert.

          Die neue Lieferung nach Madaya dürfte den Menschen nur eine Atempause verschaffen. Wie ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten dieser Zeitung sagte, dürften die gelieferten Medikamente und Material für Operationen etwa drei Monate reichen. Die Lebensmittel, die das Welternährungsprogramm der UN in die Stadt bringt, reichen nach UN-Angaben für etwa einen Monat.

          Die Belagerer versuchten die Hilfslieferung für ihre Propaganda auszuschlachten. Der Hizbullah-Sender Al Manar zeigte Einwohner welche die Ahrar-al-Scham-Kämpfer beschuldigten, Hilfsgüter zu stehlen und teuer zu verkaufen. Assad-Gegner teilten im Internet mit, die Interviews seien unter Zwang geführt worden.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.