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Anti-IS-Koalition : Wenn nur die Front gegen den Terror steht

  • -Aktualisiert am

Brüder im Kampfe: Der amerikanische Außenminister Kerry mit Ägyptens Präsident Sisi Bild: dpa

Vor der internationalen Konferenz in Paris zum IS-Terror in Paris versucht Amerika, die arabischen Alliierten des von Präsident Obama ausgerufenen Bündnisses hinter sich zu scharen. Dafür braucht Washington Ägyptens Hilfe und sieht über vieles hinweg.

          Bevor er von der Pressekonferenz weiter zum Flughafen eilte, um rechtzeitig zur Antiterrorkonferenz nach Paris zu kommen, hatte der amerikanische Außenminister noch eine knappe Antwort für den kritischen Fragesteller in Kairo parat. „Die Vereinigten Staaten opfern ihre Besorgnis um Menschenrechte niemals anderen Zielen“, erwiderte John Kerry, als er nach seiner Haltung zum harschen Umgang des ägyptischen Regimes mit Demokratieaktivisten und Journalisten befragt wurde. Er habe diese Sorgen, etwa über das repressive Demonstrationsrecht, in seinem Gespräch mit Präsident Abd al Fattah al Sisi offen angesprochen und sei überzeugt davon, dass daran gearbeitet werde – in den „nächsten Wochen, Monaten, Tagen“.

          So lange warten aber kann Kerry nicht mehr, um die arabischen Alliierten des von Präsident Barack Obama ausgerufenen Antiterrorbündnisses hinter sich zu scharen. Auch die westlichen Verbündeten Amerikas erwarten rasche Antworten, wenn Kerry an diesem Montag in Paris auf der Konferenz für Frieden und Sicherheit im Irak eine Bilanz seiner Nahost-Reise zieht, die ihn vergangene Woche nach Bagdad und Dschidda, Ankara und Kairo führte.

          „An vorderster Front extremistischer Bedrohung“

          Fast ein Drittel des irakischen Territoriums hat die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ seit Juni besetzt, auch in Syrien stehen Tausende Quadratkilometer unter Kontrolle der Kämpfer Abu Bakr al Bagdadis. Mit Luftschlägen allein wird die Bedrohung nicht aus der Welt zu schaffen sein.

          Um die Macht der sunnitischen Extremisten zu brechen, sammelt Amerika deshalb alle Verbündeten um sich – allen voran Riad und Kairo. „Ägypten steht an vorderster Front extremistischer Bedrohung“, sagte Kerry vor dem Weiterflug nach Paris. Es sei „nur eine Frage der Zeit, bis die Bedrohung des Terrorismus irgendwo zu einer Bedrohung überall“ werde.

          Deshalb habe „unser gemeinsamer Kampf gegen Terrorismus und Extremismus“ die freundschaftlichen Beratungen bestimmt. Nicht zuletzt, um Gruppen auf der Sinai-Halbinsel, die die Ideologie des „Islamischen Staats“ teilten, zu bekämpfen, habe seine Regierung deshalb der Entsendung von zehn Apache-Kampfhubschraubern an die ägyptischen Streitkräfte zugestimmt.

          Mit dem Beschluss endet die Aussetzung großer Teile der amerikanischen Militärhilfe an Ägypten. Nach dem Massaker an Hunderten Teilnehmern eines Protestcamps der Muslimbruderschaft im August 2013 hatte das Weiße Haus die Suspendierung durchgesetzt. Im Gegenzug für die Wiederaufnahme der Hilfen wünscht sich Washington nun die Ächtung des „Islamischen Staats“ durch die wichtigste religiöse Instanz der sunnitischen Welt, Al Azhar. Da Kairo „eine der intellektuellen und kulturellen Hauptstädte der muslimischen Welt“ sei, erwarte er von den Religionsgelehrten, „dass sie sich öffentlich von der Ideologie distanzieren, die der ‚Islamische Staat‘ verbreitet“, sagte Kerry.

          Amerika braucht Ägypten als Partner

          Doch der Einfluss der Al-Azhar-Prediger ist begrenzt – und ihre moralische Autorität beschädigt. Als der heutige Präsident Sisi vor einem Jahr eine gesellschaftliche Basis für seinen Putsch gegen Präsident Muhammad Mursi suchte, hatte der Azhar-Großimam Ahmad al Tayyib sich willig zur Verfügung gestellt, neben dem damaligen Armeechef vor die Kameras zu treten, während Sisi den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten begründete.

          Tausende Islamisten sind seitdem in die Gefängnisse gewandert, Dutzende liberale Inhaftierte seit Wochen im Hungerstreik. Am vergangenen Montag bezeichnete Tayyib den „Islamischen Staat“ als „zionistische Verschwörung“, die das Ziel verfolge, „die arabische Welt zu zerstören“.

          Mäßigenden Einfluss auf gewaltbereite Männer in Ägypten und anderen Rekrutierungsgebieten der Terrorgruppe Bagdadis haben solche Äußerungen sicherlich nicht. Doch mangels anderer angeblich moderater Partner im Kampf gegen die Dschihadisten verschließt die amerikanische Regierung offenbar wieder die Augen vor dem, was hinter den Kulissen am Nil abläuft. Wie im Bündnis mit dem Autokraten Husni Mubarak zählt, dass der Verbündete im Antiterrorkampf nicht wankt. Dafür ist Mubaraks einstiger Militärgeheimdienstchef Sisi der Garant. „Warten wir ab, wie sich die Dinge in den nächsten Monaten und Tagen entwickeln“, sagte Kerry zum Abschluss seiner Pressekonferenz in Kairo.

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