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Im Gespräch: Raschid Ghannouchi : „Jeder soll selbst entscheiden, was er trägt“

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Raschid Ghannouchi (Mitte: „Die Regierung ist nicht gewählt, nicht von Dauer” Bild: ASSOCIATED PRESS

Tunesien befindet sich in einer Übergangsphase. Im F.A.Z.-Interview spricht Raschid Ghannouchi, der Führer der islamistischen Nahda-Bewegung über die Wiederbelebung seiner Partei, radikale islamistische Gruppen und den Erfolg der Revolution in Ägypten.

          Hat Tunesien gegenwärtig eine legitime Regierung?

          Das ist nur eine Übergangsregierung, die die täglichen Geschäfte des Staates führt. Sie ist nicht gewählt, nicht von Dauer.

          Wie stehen Sie zu den Kommissionen, welche die Regierung zur Aufklärung der Korruption, der Gewalt während des Volksaufstands sowie zur Reform der Verfassung eingerichtet hat?

          Sie sind nominiert, nicht gewählt, sie repräsentieren nicht alle Parteien und auch nicht die Institutionen der Zivilgesellschaft. Auch wir sind nicht gefragt worden.

          Werden Sie die Ergebnisse ihrer Arbeit ablehnen?

          Wir erkennen sie nicht an. Das sind Autoritäten des Ben-Ali-Regimes, die noch vor seinem Sturz vorgeschlagen wurden.

          Werden Sie genug Zeit haben, um die Nahda vor den Parlamentswahlen wiederzubeleben?

          Wir haben schon beantragt, uns wieder als Partei zuzulassen. Noch kennen wir das Datum der Wahlen nicht, deshalb können wir auch noch keinen genauen Plan machen. Aber es wird wohl in sechs Monaten, maximal einem Jahr soweit sein. Wir werden Listen aufstellen. Und für die Präsidentenwahlen werden wir einen unabhängigen Kandidaten unterstützen, der nicht aus unserer Bewegung stammt.

          In Ihrem Vorstand fehlt Abdelfattah Mourou, einer der Gründer der Bewegung, der nicht ins Exil gegangen ist. Gibt es Spannungen zwischen den Nahda-Mitgliedern, die in Tunesien geblieben sind, und jenen, die aus dem Exil zurückgekehrt sind?

          Nein. Auch sind nur drei der dreizehn Mitglieder des Nahda-Vorstands wie ich aus dem Exil zurückgekehrt. Die übrigen sind hier geblieben.

          Sie hatten einst die Zeitung „Al Fajr“, die dann verboten wurde. Werden Sie sie wiederaufleben lassen?

          Ja, bald. Mit den alten Redakteuren, aber auch die Jungen sollen mitmachen können. Und vielleicht werden wird bald einen Fernseh- sowie einen Radiosender gründen.

          Es gibt in Tunesien mittlerweile islamistische Gruppen, die radikaler sind als die Nahda. Wie gehen Sie mit diesen um?

          Diese Grüppchen sind aufgekommen, als die Nahda nicht mehr in der tunesischen Politik aktiv war. Wir wurden von Ben Ali als Vorwand benutzt, um die Gesellschaft zu unterdrücken. So rechtfertigte er sich vor dem Westen, von dem er Geld erhielt, um gegen den Extremismus zu kämpfen. Er hat den Westen betrogen – und das hat 23 Jahre lang funktioniert.

          Werden sich junge Leute nun, da al Nahda zurück ist, eher Ihnen anschließen als anderen Gruppen?

          Die Rückkehr der Nahda in die Politik wird die Rückkehr der Jugend zu einer moderaten Sicht des Islams fördern.

          Welchen Raum sollte der Islam in der künftigen tunesischen Verfassung einnehmen?

          Der tunesische Staat ist ein islamischer Staat – das steht im ersten Artikel der gegenwärtigen Verfassung. Der Islam ist eine der Quellen der Verfassung und eine Anregung für den Gesetzgeber, wie auch für die Verfassungsväter. Die Rückkehr der Nahda in die Politik wird das Gewicht des Islams in der Gesellschaft weder verringern noch vergrößern. Das wichtigste ist, dass der Präsident künftig demokratisch gewählt wird, dass er das Volk repräsentiert.

          An der Gleichberechtigung der Frau wollen Sie nicht rütteln?

          Wir haben 1988 die Gleichberechtigung der Frau anerkannt, dabei bleibt es.

          Sollte das Recht auf Abtreibung in Tunesien wieder abgeschafft werden?

          Dieses Recht ist Teil des Status quo der bürgerlichen Freiheiten und entspricht dem Willen des Volkes. Wir streben nicht an, diesem unsere Sichtweise aufzuzwingen.

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