https://www.faz.net/-gq5-75u8y

Im Gespräch: Muhammad Mursi : „Wir wollen keinen Gottesstaat“

  • Aktualisiert am

Eine Annäherung Ägyptens an Iran wird in Europa und den Vereinigten Staaten kritisch gesehen.

Wir streben ausgeglichene Beziehungen zu allen Staaten der Welt an - unabhängig, souverän und zur Wahrung der gemeinsamen Interessen. Wenn ich von ausgeglichenen Beziehungen spreche, heißt das, dass wir uns nicht in die Angelegenheiten anderer Staaten einmischen. Die Einteilung der Welt in Lager ist eher kontraproduktiv. Nur weil ich starke Verbindungen zu Deutschland unterhalte, heißt das nicht, dass sie zu anderen Staaten schwächer werden oder gar negativ. Die ägyptische Revolution wurde für Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit geführt. Die Ägypter wollen wirtschaftlichen Aufschwung und soziale Gerechtigkeit. Darauf aufbauend haben wir unser außenpolitisches Handeln entworfen.

Warum ist Ägypten in Syrien nicht so aktiv wie Qatar und die Türkei?

Syrien erlebt ein Drama. Wir versuchen, zunächst das Blutvergießen zu beenden. Dann können die Syrer ihr Haus selbst aufräumen. Das jetzige Regime hat keinen Platz mehr in einem neuen Syrien, nachdem mehr als 60.000 Menschen getötet wurden und viele mehr verwundet. Das werden die Syrer nicht vergessen können. Durch ihre Vertretung, die Nationale Koalition, haben die Assad-Gegner ihre Angelegenheiten bereits selbst in die Hand genommen. Wir versuchen sie darin zu unterstützen.

Wäre nicht stärkere Unterstützung von außen nötig?

Ägypten versucht zu helfen, die Veränderung kann aber nur durch die Syrer selbst vollzogen werden. Wir sind gegen eine Teilung des Landes, das wäre eine bedrohliche Gefahr für die ganze Region. Durch das Quartett, das Ägypten mit der Türkei, Saudi-Arabien und Iran ins Leben gerufen hat, versuchen wir, eine Lösung zu finden. Dabei arbeiten wir eng mit den anderen arabischen Ländern, mit der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, Russland, China und den Vereinten Nationen zusammen. Die Lage verschlimmert sich Tag für Tag, mehr als vierzig Prozent der Infrastruktur sind schon zerstört. Ägypten verfolgt keine Partikularinteressen in Syrien, sondern will nur Sicherheit und Stabilität. Dafür braucht es viel Zeit.

Die Region bleibt auch zwei Jahre nach revolutionären Umbrüchen in Aufruhr: In Syrien herrscht Bürgerkrieg, der Waffengang zwischen Israel und der Hamas in Gaza liegt erst zwei Monate zurück. Arbeiten Sie daran, die ägyptische Truppenpräsenz an der Grenze zum Gazastreifen und zu Israel zu erhöhen?

Die Wahrung des Friedens im Nahen Osten setzt die Zusammenarbeit aller voraus. Das neue Ägypten und sein Staatspräsident sind dem Frieden und der Stabilität im Nahen Osten verpflichtet. Um unsere Sicherheit zu wahren, werden wir unsere Grenzen mit allen Nachbarn schützen. Dafür arbeiten wir hart, und wir haben dabei große Fortschritte erzielt. Wir haben keine Probleme an den Grenzen, wir sind aber wachsam gegen jede Art von Aggression über die Grenzen hinweg. Wir respektieren, was wir unterschrieben haben, und wir respektieren das Recht der Menschen, in Frieden und Sicherheit zu leben. Wir wollen einen Nahen Osten, wie er im Friedensvertrag vereinbart ist, mit einem gerechten und umfassenden Frieden.

Mit dem ägyptischen Präsidenten Muhammad Mursi sprachen Markus Bickel und  Rainer Hermann.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.