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Im Gespräch: Muhammad Mursi : „Wir wollen keinen Gottesstaat“

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Alle Ägypter sind vor dem Gesetz gleich, haben die gleichen Rechte und Pflichten, unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Religion. Der Begriff Minderheit lässt sich nicht anwenden auf die christlichen Bürger Ägyptens. Sie sind Bürger des Landes - wie alle anderen auch. Für uns ist die Staatsbürgerschaft entscheidend, wie sie in der neuen ägyptischen Verfassung verankert ist. Darin regelt Artikel 2 die Rolle der Scharia für die Gesetzgebung, Artikel 3 regelt die Angelegenheiten der koptischen und jüdischen Mitbürger. Zum ersten Mal dürfen sie im Personenstandsrecht nach ihren eigenen Statuten entscheiden. Es herrscht das allgemeine Bewusstsein, dass in der neuen Verfassung die Freiheiten für alle festgeschrieben sind. Aufgrund meines Glaubens bin ich angehalten, gegenüber Nichtmuslimen gerecht und unparteiisch zu sein, auch, weil mich Scharia und Verfassung dazu verpflichten.

Aber viele Christen sind dennoch in Sorge.

Am nationalen Dialog, den wir im Dezember begonnen haben, sind Muslime und Kopten beteiligt. Dessen Beschlüsse habe ich in die Tat umgesetzt. Durch meine Befugnisse habe ich zudem 90 Mitglieder des Schura-Rats ernannt. Christen stellen darin jetzt 15 Prozent der ernannten Mitglieder - so viele wie nie zuvor. Koptische, katholische und evangelische Kirchen haben acht Kandidaten vorgeschlagen und ich noch vier dazu. Mein Verhältnis zu den Kopten ist sehr gut, es gibt keine Probleme.

Es kommt immer wieder zu Übergriffen.

Ja, ab und zu gibt es Vorfälle, hier und dort, die falsch und verzerrt dargestellt werden. Diese Reibungen sind sozialer Natur, nicht konfessioneller. Es gibt Streitigkeiten zwischen Muslimen und unter Kopten. Das ist die Natur des Lebens. Die Medien bauschen das manchmal auf. Früher haben alle Ägypter unter der Diktatur gelitten. Sie haben nicht wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit gelitten.

Was tun Sie, um die Gleichberechtigung der Frauen in Ägypten zu sichern?

Männer und Frauen sind zu hundert Prozent gleich. Frauen sind Bürgerinnen - die neue Verfassung garantiert ihnen alle Rechte. Die Frau ist meine Mutter, meine Schwester, meine Tochter, meine Ehefrau, meine Kollegin, und sie nimmt am politischen Prozess teil. Eine meine Mitarbeiterinnen ist verantwortlich für den politischen Dialog, der unter meiner Aufsicht stattfindet. Wir haben keine wirklichen Probleme, sie sind künstlich erzeugt. Politisch - und zwar auf der ganzen Welt - ist die Rolle von Frauen nicht so groß, wie sie sein sollte. Ich würde mich sehr freuen, wenn es eine große Anzahl von Frauen ins neue Parlament schaffte. Die ägyptische Frau ist sehr stark. Insgesamt kommt sie voran, auch im Arbeitsleben. Es gibt Geschäftsfrauen, Ärzte, Juristinnen, sogar Taxifahrerinnen. Sie werden respektiert und haben alle Rechte von Männern - manchmal sogar mehr.

Als Sie sich im vergangenen November in einer Verfassungserklärung mit Sonderbefugnissen ausstatteten, hat man Sie als „Pharao“ bezeichnet. Was tun Sie, um dieses Image wieder loszuwerden?

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