https://www.faz.net/-gq5-y31c

Im Gespräch: Hussein Mahmoud : „Eine zivile Regierung so bald wie möglich“

  • Aktualisiert am

Es soll regieren, wen „die Mehrheit auf den ägyptischen Straßen vertritt”, fordert Hussein Mahmoud Bild: dpa

Hussein Mahmoud, Generalsekretär der ägyptischen Muslimbrüder, im Interview über das ägyptische Volk, die Armee und die Scharia. „Wir haben nicht das Ziel, die nächste Regierung zu bilden“, sagte er der F.A.S.

          Hussein Mahmoud ist seit gut einem Jahr Generalsekretär der ägyptischen Muslimbrüder, der derzeit stärksten organisierten politischen Kraft des Landes. Der 63 Jahre alte Professor für Ingenieurwesen an der Universität von Assiut saß unter Mubarak dreimal im Gefängnis.

          Mehr als 80 Jahre waren die Muslimbrüder in der Opposition. Werden Sie jetzt Teil der Regierung?

          Wir haben nicht das Ziel, die nächste Regierung zu bilden, weil wir nicht selbst die Mehrheit auf den ägyptischen Straßen vertreten. Die Regierung soll von jenen politischen Strömungen übernommen werden, welche die Mehrheit auf den ägyptischen Straßen vertritt. Wir werden auch nicht bei den kommenden Präsidentschaftswahlen antreten.

          Werden Sie sich an der Übergangsregierung beteiligen?

          In dieser für Ägypten und die Demokratie kritischen Übergangsphase ist das eine Pflicht. Über die Art der Beteiligung, ob wir Kandidaten für Ministerposten in der Übergangsregierung haben werden oder unsere Rolle von außerhalb der Regierung spielen werden, ist noch nicht entschieden.

          Welche Rolle wollen die Muslimbrüder in der Übergangszeit spielen?

          Es ist vielleicht noch zu früh, diese Frage genau zu beantworten, weil die Situation im Moment nicht klar ist. Die Muslimbruderschaft wird sich ganz in den Dienst der nationalen Agenda stellen und der Gesellschaft dienen als Partner aller politischen Parteien und gesellschaftlichen Institutionen, aller ägyptischen Christen und Muslime. Wir sind sehr optimistisch, die Situation wird viel besser sein als in den vergangenen Jahrzehnten, in denen wir Unterdrückung und Verfolgung erlitten haben.

          Wie sehen Sie das Militär, als Partner für Stabilität oder als Repräsentanten des alten Regimes?

          Das Militär genießt großen Respekt bei den Ägyptern und auch bei den Muslimbrüdern aufgrund seiner sehr besonderen und hervorragenden Rolle während der jüngsten Ereignisse. Auch weil es die einzige Institution ist, die in der Krise stabil blieb. Wir erwarten, dass das Militär seine nationale Rolle in der jetzigen kritischen Phase als positiver Partner für Sicherheit und Stabilität des Landes erfüllt – zusammen mit einer zivilen, demokratischen Übergangsregierung, die die Hauptrolle spielt. Wir als Muslimbrüder sehen das Militär nicht als Teil des alten Regimes mit all seinen Fehlern. Wir hoffen, dass die Armee die Macht so bald wie möglich an eine zivile Regierung übergibt.

          Was sind Ihre nächsten Forderungen?

          Es sind jene Forderungen, die alle Kräfte der Revolution und der Opposition stellen, und zwar: ein neues politisches System, die Abschaffung des Notstandsgesetzes, die Auflösung der Volksversammlung und des Konsultativrates, die durch massenhafte Fälschung von Wahlzetteln zusammengesetzt wurden, sowie die gerichtliche Verfolgung all jener, die Ägypten zu einem korrupten Staat gemacht haben und die Freiheit der Bürger mutwillig beschränkten, sowie die bedingungslose Freilassung von politischen Gefangenen. Durch freie Wahlen soll ein neues, faires und demokratisches System entstehen.

          Wann ist der richtige Zeitpunkt für Wahlen?

          Wir erwarten, dass der Übergang zu einer zivilen Regierung durch demokratische Wahlen innerhalb von sechs Monaten vollzogen wird.

          Sehen Sie Omar Suleiman weiterhin als Verhandlungspartner?

          Wir glauben, dass die Herrschaft von Mubaraks Leuten der Vergangenheit angehört. Omar Suleiman ist einer von ihnen. Und das Volk hat entschieden, dass die Rolle dieser Leute beendet ist. Wir erwarten, dass er wie Mubarak zurücktritt.

          Der Westen befürchtet, dass die Muslimbruderschaft einen islamischen Staat in Ägypten etablieren will. Sind diese Ängste begründet?

          Diese Befürchtungen wurden durch das Regime propagiert, um im Westen Angst vor der Muslimbruderschaft zu wecken. Die Muslimbruderschaft hat angekündigt, immer den Willen des Volkes zu respektieren und seine Entscheidungen zu akzeptieren. Die Muslimbruderschaft fordert eine zivile Regierung, die zwar von den Werten des Islam getragen ist, jedoch nicht von der Geistlichkeit im Rahmen eines Gottesstaates geführt wird, die die Bevölkerung durch Urteile im Namen Gottes einschüchtern.

          Die Islamische Republik Iran ist also kein Vorbild für Ägypten?

          Nein. Iran ist ein theokratischer Staat, der von der Geistlichkeit beherrscht wird. Wir glauben, dass das Volk die Quelle der Macht ist. Es wählt seinen Präsidenten selbst. Es hat das Recht, ihn zur Rechenschaft zu ziehen und ihn abzusetzen.

          Manche sagen, dass Sie aus taktischen Gründen derzeit gemäßigt auftreten. Stimmt das?

          Das stimmt nicht. Wir bringen unsere Meinung immer in aller Klarheit und Offenheit zum Ausdruck. Wir haben unsere Meinung oft und wiederholt zum Ausdruck gebracht, lediglich das Regime war stets bemüht, uns anders darzustellen.

          Befürworten Sie die Einführung der Scharia in Ägypten?

          Ja. Das islamische Gesetz garantiert die Rechte und Freiheiten des Einzelnen und die Ausübung der Religion auch, wenn die Menschen verschiedene Religionen haben. Die Scharia bewahrt ihre Sicherheit und erreicht Gleichheit durch ausgewogene Rechte und Pflichten. Sie gibt dem Staat den allgemeinen Rahmen, der den Aufstieg zu einer zivilisierten und glücklichen Gesellschaft gewährleistet.

          Welche Rolle sollte der Islam in der ägyptischen Politik spielen?

          Ägypten ist ein muslimischer Staat, weil die Mehrheit der Menschen dem Islam angehört. Damit ist der Islam eine wesentliche Komponente in den Werten, der Kultur und der Herangehensweise an das Leben und betrifft Muslime und Christen gleichermaßen. Keinesfalls darf Ägypten ein säkularer Staat werden, denn dann entfernt es sich von seiner Geschichte und seiner Zivilisation.

          Sollte das neue Ägypten das Friedensabkommen mit Israel weiter respektieren?

          Wir verpflichten uns und rufen die Regierenden dazu auf, internationale Vereinbarungen und geschlossene Verträge zu respektieren, auch wenn diese von der vorigen ägyptischen Regierung abgeschlossen worden sind. Die Formulierung dieser Verträge muss geprüft werden, und das ägyptische Volk muss darüber entscheiden.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.