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Im Gespräch: Ghassan Hitto : „Die Freunde Syriens müssen sich ihrer Rolle klarwerden“

  • Aktualisiert am

Ghassan Hitto Bild: dpa

Ghassan Hitto ist seit März Übergangsministerpräsident der syrischen Nationalen Koalition. Im F.A.Z.-Gespräch spricht er über die Pläne seiner Regierung für den Wiederaufbau, die Stabilisierung Syriens und den künftigen Umgang mit Assads Regime.

          5 Min.

          Herr Hitto, nach Ihrer Wahl im März haben Sie die Bildung einer Regierung in den befreiten Gebieten Syriens angekündigt. Wann werden Sie Istanbul verlassen?

          Ich warte nur noch auf die Anerkennung meiner Regierung durch die Nationale Koalition, dann kann die Arbeit beginnen. Meine Minister habe ich ausgewählt, ein Budget ist vorbereitet, und wir sind jederzeit dazu bereit, Richtung Süden zu ziehen.

          Wo wollen Sie sich niederlassen?

          Aus Sicherheitsgründen wird die Übergangsregierung in mehreren Städten im Norden Syriens ihren Sitz haben. Das ermöglicht es unseren Mitarbeitern, näher an die Bevölkerung heranzukommen und ihre Dienste anzubieten. Wir hoffen, dass bis zum Tag der Anerkennung meiner Regierung durch die Nationale Koalition eine Flugverbotszone über den befreiten Gebieten eingerichtet sein wird.

          Wird das die Spaltung des Landes nicht weiter vertiefen?

          Warum sollte es das?

          Weil Parallelstrukturen entstehen zu denen des Regimes.

          Die Strukturen des Regimes sind nicht legitim, die einzige legitime Vertretung des syrischen Volkes ist die Koalition der revolutionären und oppositionellen Kräfte. Das sieht auch die internationale Gemeinschaft so, die die Nationale Koalition im Dezember anerkannt hat - und angekündigt hat, die von ihr ernannte Regierung zu unterstützen.

          Wie viel Geld braucht Ihre Regierung?

          Um die Grundbedürfnisse an Nahrung, Trinkwasser, Elektrizität und Wiederaufbaumaßnahmen zu decken sowie eine Verwaltung aufzubauen, etwa hundert Millionen Dollar im Monat.

          Wie viel haben Sie?

          Nichts.

          Wie wollen Sie dann arbeiten?

          Es geht als Erstes darum, den Menschen Hoffnung zu geben. Die jungen Leute müssen zurück in die Schulen, wir müssen sie wegbringen von den bewaffneten Gruppen und uns auf positive Dinge konzentrieren.

          Nur wenn wir nach vorne schauen, wird es uns gelingen, den Niedergang Syriens zu stoppen. Das begreift auch die internationale Gemeinschaft: Je stärker unsere Strukturen innerhalb des Landes sind, desto weniger Menschen werden in die Türkei, den Irak, den Libanon und nach Jordanien fliehen.

          Wird die Übergangsregierung gegen dschihadistische Gruppen wie die Al-Nusra-Front vorgehen?

          Nach allem, was ich aus Syrien höre, werden der Einfluss und die Präsenz dieser Gruppen übertrieben dargestellt. Darüber hinaus teilen sie mit uns ein Ziel: Sie wollen das Regime Baschar al Assads stürzen. Es wäre falsch, bewaffnet gegen sie vorzugehen oder in Konkurrenz zu ihnen zu treten.

          Konfrontation ist nicht der Weg, wir können unsere Regierung nur schrittweise als Alternative etablieren. Schließlich haben die Menschen sich diesen Gruppen aus purer Not angeschlossen, nicht weil sie extremistisch sind. Sie wollen ihre Religion ausüben, gleichzeitig aber in ihre Berufe zurückkehren: Das macht Syrien aus.

          Al-Qaida-Kämpfer wollen einen Gottesstaat errichten.

          Al Qaida ist etwas Neues in Syrien, am Ende aber wird die syrische Bevölkerung sie nicht im Land dulden. Ich mache mir darüber keine Sorgen, weil ich weiß, dass die Syrer ihre Ideologie ablehnen.

          Revolution und Krieg haben Syrien stark verändert, der moderate Islam verliert an Boden.

          Das sehe ich nicht so. Die große Mehrheit der Syrer teilt das Ziel eines demokratischen, pluralistischen Landes, in dem alle einen Platz haben: Alawiten und Drusen, Christen und Kurden, Sunniten und Schiiten. Und sie wollen das herrschende Regime stürzen. Der Zeitpunkt umzukehren ist längst verstrichen.

          Es gibt Fälle, in denen Aufständische Leichen von Soldaten Assads geschändet haben, Menschenrechtsorganisationen berichten von Erschießungen durch Oppositionskämpfer.

          Diese Vorfälle sind durch nichts zu entschuldigen. Wer immer Verbrechen begangen hat, wird sich dafür vor Gericht verantworten müssen - egal ob die Täter von unserer oder von der Seite des Regimes kommen.

          Wir werden niemanden decken, nur weil er sich als Teil der Revolution bezeichnet. Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, und die Verantwortlichen dafür werden zur Rechenschaft gezogen werden.

          Schon jetzt gibt es Kämpfe unter Oppositionsmilizen. Ist der Einsatz einer UN-Friedenstruppe nötig, um eines Tages einen Frieden abzusichern?

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