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Identität des CIA-Stationschefs : Washington verärgert über Pakistan

  • -Aktualisiert am

Von den Witwen werden Einblicke in den Alltag in Bin Ladins Versteck erwartet Bild: dapd

Von einem pakistanischen Fernsehsender sowie von der Zeitung „The Nation“ wurde der Name des CIA-Stationschefs an der amerikanischen Botschaft in Islamabad faktisch preisgegeben. Dies wird als Vergeltung betrachtet.

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          Die Enthüllung der Identität des CIA-Stationschefs an der amerikanischen Botschaft in Islamabad hat die ohnedies gespannten Beziehungen zwischen Washington und Islamabad weiter belastet. Der Name des führenden Mitarbeiters des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes in Pakistan war am Montag von einem pakistanischen Fernsehsender sowie von der Zeitung „The Nation“ faktisch preisgegeben worden. Schon im Dezember hatten pakistanische Regierungsmitarbeiter die Identität des damaligen CIA-Stationschefs enthüllt, als sie den offenbar absichtlich falsch geschriebenen Name des Mannes an die Medien weitergaben. Seinerzeit wurde der CIA-Mitarbeiter, dessen Entsendung nach Pakistan ohnedies bald enden sollte, umgehend aus Islamabad abgezogen. Auch jetzt wurde der Name des erst seit etwa fünf Monaten in Pakistan tätigen neuen CIA-Vertreters wieder in leicht verfälschter Schreibung bekannt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In beiden Fällen waren die „Fehler“ in der Namensschreibung so unwesentlich, dass die Identität des Mannes faktisch enthüllt wurde. Wie es in Washington hieß, soll der neue CIA-Stationschef – ein Mitarbeiter des Dienstes mit vielen Jahren Erfahrung im Ausland – nicht aus Islamabad abgezogen werden, sondern seine Tätigkeit auf dem Gelände der Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt fortsetzen. In Washington herrscht die Überzeugung, dass die Namen der CIA-Vertreter in Islamabad nur vom pakistanischen Geheimdienst ISI preisgegeben werden konnten. Die Enthüllung des Namens des neuen CIA-Stationschefs wird als Vergeltung für den Zugriff einer Kommandoeinheit der amerikanischen Kriegsmarine auf das Versteck Usama Bin Ladins in Abbottabad betrachtet.

          Einblicke in den Alltag in Bin Ladins

          Trotz des Kleinkriegs des pakistanischen Dienstes gegen den nominell verbündeten amerikanischen Dienst hofft die CIA auf baldigen Zugang zu den drei Witwen des am 1. Mai getöteten Al-Qaida-Führers. Die drei Frauen – zwei von ihnen stammen aus Saudi-Arabien, eine aus dem Jemen – werden derzeit noch vom ISI verhört und sollen bald aus pakistanischem Gewahrsam in ihre Heimatländer entlassen werden. Die CIA erhofft sich zudem Einblick in sämtliches Material, das von dem amerikanischen Kommando bei dem Einsatz in Abbottabad vor gut einer Woche im Versteck Bin Ladins zurückgelassen worden war. In Islamabad hieß es am Dienstag, ein förmliches Ersuchen Washingtons um Zugang zu den Witwen und Kindern Bin Ladins liege noch nicht vor. Von den Witwen erhoffen sich die amerikanischen Ermittler Informationen darüber, ob Bin Ladin in seinem Versteck nahe einer Militärakademie in Abbottabad faktisch unter dem Schutz von Mitarbeitern des ISI oder anderer pakistanischer Regierungsstellen stand. Außerdem könnten die Frauen Einblicke in den Alltag in Bin Ladins Versteck und Hinweise auf seine Tätigkeit nach der amerikanisch geführten Invasion in Afghanistan vom Oktober 2001 sowie in die inneren Strukturen von Al Qaida geben.

          Ungeachtet des Streits zwischen CIA und ISI bezeichnete der Sprecher des State Departments die Zusammenarbeit zwischen Washington und Islamabad bei der Terrorismusbekämpfung als zentral für das nationale Interesse der Vereinigten Staaten. „Diese Zusammenarbeit hat im vergangenen Jahrzehnt greifbare Ergebnisse gebracht“, sagte Außenamtssprecher Mark Toner in Washington. Es sei deshalb im Interesse beider Staaten, diese Zusammenarbeit fortzusetzen und zu vertiefen, sagte Toner.

          Amerikanische Medien berichteten am Dienstag, Präsident Barack Obama habe darauf bestanden, dass das Kommando der Spezialeinheiten so groß sein müsse, dass es sich im Notfall den Weg aus Pakistan hätte freikämpfen können. Zwar sollte jede Konfrontation mit den pakistanischen Sicherheitskräften vermieden werden, die insgesamt 79 Soldaten der Navy Seals in insgesamt vier Hubschraubern hätten aber im Falle eines Angriffs von pakistanischer Seite zurückschießen dürfen, um von Pakistan wieder nach Afghanistan zu gelangen. Der frühere pakistanische Militärmachthaber und Präsident Pervez Musharraf wies britische Presseberichte zurück, nach denen er und der damalige amerikanische Präsident George W. Bush Ende 2001 eine Geheimvereinbarung getroffen hätten, wonach amerikanische Streitkräfte das Recht zugestanden wurde, Bin Ladin sowie dessen Stellvertreter nach deren Flucht aus Afghanistan nach Pakistan eigenmächtig zu verfolgen. Nach Angaben des „Guardian“ gehörte zu der Absprache, dass die pakistanischen Streitkräfte die Amerikaner gewähren lassen, während die Regierung in Islamabad vehement gegen deren Operationen protestieren würde.

          Bei einer Explosion vor einem Bezirksgericht im Nordwesten Pakistans kamen am Dienstag eine Polizistin und mindestens eine Zivilperson ums Leben. Bei der Detonation am Morgen im Südosten der Stadt Peshawar seien zudem mehrere Menschen verletzt worden, sagte der Polizeichef der Region, Liaqat Ali Khan. Erste Ermittlungsergebnisse deuteten darauf hin, dass ein selbstgebauter Sprengsatz an einem Kontrollposten für Frauen am Eingang des Gerichts gezündet worden sei. Er gehe davon aus, dass Terroristen den Anschlag verübt hätten, sagte Khan. „Es war definitiv ein terroristischer Anschlag. Sie haben das Gericht gewählt, weil viele ihrer Komplizen hierhergebracht und verurteilt wurden“, sagte Khan.

          U wie Usama

          Die schrecklichen Ereignisse von New York und Washington haben auch eine Frage in den Vordergrund gerückt, die sonst nur Spezialisten beschäftigen mag. Wie heißt denn der jetzt von den Amerikanern am meisten gesuchte mutmaßliche Terrorist, Usama Bin Ladin oder Osama? Bin Laden oder Ben Ladin? In den Zeitungen der Welt findet man die unterschiedlichsten Fassungen dieses arabischen Namens. Sie alle sind nicht falsch. Die Schwierigkeit besteht darin, daß das Arabische die kurzen Vokale nicht schreibt; wie auch im Hebräischen werden in der arabischen Schrift nur das Konsonantengerüst der Wörter und die langen Vokale wiedergegeben, in unserem Fall also: Bn Ladn. Nur in Texten, bei denen es auf die genaue Lesung ankommt, setzt der Araber drei Hilfszeichen für die kurzen Vokale. Diese werden unterschiedlich gefärbt ausgesprochen. Transkribiert man die Namen in ihrer hocharabischen Fassung, werden die Vokal-Hilfszeichen jedoch in europäischen Grammatiken mit a, i und u wiedergegeben. Diese Zeitung hat sich vor vielen Jahren dafür entschieden, arabische Namen und Begriffe im allgemeinen in der hocharabischen Fassung zu transkribieren, wie das auch die Wissenschaft tut. Also Usama Bin Ladin. (wgl.)

          Wiederabdruck aus der F.A.Z. vom 1. Oktober 2001, F.A.Z., Zeitgeschehen (Politik), Seite 14, Seite 14)

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