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Humanitärer Einsatz in Syrien : Im rechtsfreien Raum

Warten auf Hilfe: Syrische Jugendliche in einem Flüchtlingslager nahe der türkischen Grenze Bild: AFP

Im Nordwesten Syriens hat eine humanitäre Intervention begonnen: mit Lastwagen, Nahrungsmittelpaketen und Nothelfern. Es gibt dafür kein UN-Mandat, aber Rückendeckung aus Berlin.

          6 Min.

          Mitte April veröffentlichten die Chefs der wichtigsten UN-Hilfswerke einen dramatischen Appell an die Staatengemeinschaft. Es ging um die sich zuspitzende humanitäre Krise in Syrien. Ihre Organisationen hätten alles Menschenmögliche unternommen, um Millionen Flüchtlingen zu helfen, schrieben die UN-Leute in der „New York Times“.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Aber es sei „nicht annähernd genug gewesen. Die Hilfsbedürftigkeit steigt, während unsere Fähigkeit, mehr zu tun, sinkt - aus Sicherheitsgründen, wegen Finanzengpässen und wegen praktischer Beschränkungen in Syrien. Wir stehen kurz davor, die humanitäre Unterstützung einzustellen, vielleicht binnen Wochen.“ Die Unterzeichner sind Profis im Verfassen von Hilferufen, doch dieser sprengte den üblichen Rahmen. Er kam einer Kapitulationsankündigung gleich.

          Es herrscht totale Blockade

          Was die UN-Funktionäre so erregte, trichterte die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos ein paar Tage später dem UN-Sicherheitsrat ein: Die Hilfswerke würden vom Regime Assad massiv in ihrer Arbeit behindert. Für einen einzelnen Hilfskonvoi von Damaskus aus seien zehn Anträge erforderlich, neuerdings müsse jeder einzelne Lastwagen eine Genehmigung mit sich führen, die von zwei syrischen Ministern unterschrieben sei. Ein UN-Transport mit Nahrungsmitteln habe auf dem Weg nach Aleppo, einer Strecke von 300 Kilometern, fünfzig Checkpoints passieren müssen - eine quälend langsame Reise.

          Ein anderer Konvoi mit Medikamenten sei von einer bewaffneten Gruppe überfallen und ausgeraubt worden. Frau Amos forderte die Sicherheitsratsmitglieder eindringlich auf, direkte Hilfslieferungen aus den Nachbarländern Syriens zu genehmigen. Vom türkischen Grenzort Kilis seien es nur 56 Kilometer nach Aleppo. Wieder schloss sie mit dramatischen Worten: Die Syrer fragten, warum die Welt sie verlassen habe - und sie könne darauf nichts antworten.

          Der Sicherheitsrat nahm es routiniert zur Kenntnis. Das war alles. Die 15 Mitglieder können sich im Moment nicht einmal auf Kleinigkeiten verständigen. In Sachen Syrien herrscht totale Blockade - Russland und China gegen den Rest der Welt. Das gilt auch für eine Resolution, die Hilfstransporte über die Grenzen der Nachbarländer nach Syrien erlauben würde.

          Kein Interesse an Abschottung

          Doch es gibt noch eine andere Wirklichkeit. Sie zeigt sich im türkisch-syrischen Grenzgebiet. An den Übergängen herrscht seit Wochen Hochbetrieb - und das in beide Richtungen. Aus Syrien strömen jeden Tag Hunderte Flüchtlinge in die vom UN-Flüchtlingshilfswerk betriebenen Lager, aus der Türkei rollen Lkws mit Broten, Diesel und Wasserpumpen in die andere Richtung. Bisher musste alles an der Grenze umgeladen werden, neuerdings dürfen Autos auch durchfahren.

          Alle Übergänge sind fest in der Hand der Aufständischen, und die haben kein Interesse an Abschottung. „Es gibt einen schwunghaften Handel, und es wird geschmuggelt, was das Zeug hält“, sagt Rupert Neudeck. Neudeck ist mit seiner Hilfsorganisation, den „Grünhelmen“, schon seit Monaten in den sogenannten befreiten Gebieten im Einsatz. Der erfahrene Hilfsaktivist hält die Entwicklung für positiv: „Es sind Lebenszeichen, der Wirtschaftskreislauf kommt wieder in Schwung.“

          Neudeck war im Herbst vergangenen Jahres einer der ersten Helfer. Inzwischen haben sich rund 15 internationale Hilfsorganisationen in Grenznähe eingenistet. Darunter die großen Akteure der NGO-Szene, viele aus Amerika: Save the Children, World Vision, Merlin, Care, das Internationale Rote Kreuz. Auch deutsche Organisationen sind seit einigen Wochen vertreten, darunter die Welthungerhilfe und Arche Nova. Sie alle leisten Nothilfe in Syrien, zwischen Ras Al Ain im Nordosten, Aleppo und Idlib im Nordwesten.

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