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Hinrichtungen in Saudi-Arabien : Die Schwerter des Islams

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Blutspuren: Der Safa-Platz im Zentrum der Altstadt von Riad wird nach der öffentlichen Enthauptung zweier Mörder gereinigt. Bild: Katharina Eglau

In Saudi-Arabien haben die Enthauptungen drastisch zugenommen. Auch wenn das Königreich die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ bekämpft, sind die Gemeinsamkeiten in religiösen Fragen nicht so einfach beiseite zu wischen. Das wird besonders deutlich bei einer öffentlichen Hinrichtung.

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          Gespenstische Stille liegt über dem Platz, als die beiden Henker zur Tat schreiten. Silbern blitzen die hüfthohen Krummsäbel in ihren Händen, ihre Augen sind hinter schwarzen Sonnenbrillen verborgen. Ein heißer Windstoß treibt Plastiktüten und einen Pappkarton über das Areal, Scharfschützen stehen auf den Dächern. Strammen Schrittes marschieren die großen Männer in ihren hellen Gewändern zur Mitte des Platzes, Mund und Nase sind mit Tüchern bedeckt. Vornübergebeugt auf zwei dünnen Stapeln Decken knien die beiden zum Tode Verurteilten Männer. Ihre Augen sind verbunden, Hals und Schultern freigelegt.

          Kurz nach vier ist es an diesem September-Nachmittag in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Gerade eben hat der Großmufti des Königsreichs, Abd al Aziz Al Sheikh, das Freitagsgebet in der Turki-bin-Abdullah-bin-Mohammed-Moschee beendet. In einem verdunkelten Geländewagen war der blinde Prediger vorgefahren und auf Krücken gestützt die Treppe zu einem Seiteneingang hinaufgestiegen. Jetzt strömen Hunderte Männer und ein paar Frauen mit Kinderwagen aus der Moschee und sammeln sich hinter den Absperrgittern, die Militärpolizisten und Sondereinheiten des Innenministeriums rund um den Platz in der Altstadt Riads aufgestellt haben. Unter den Arkaden ist bald kein Platz mehr frei. Dazwischen warten Justizbeamte, Sanitäter, Ärzte und Angehörige der beiden wegen Mordes angeklagten Männer. Als wollten sie den Blick freimachen, fahren die Polizeiwagen zur Seite.

          Eine rote Blutfontäne schießt nach oben

          Der Oberkörper des Scharfrichters spannt sich wie der eines Tennisspielers beim Aufschlag. Sein Säbel saust nieder. Eine rote Blutfontäne schießt nach oben, der Kopf des Opfers fällt auf das Deckenlager. Dort bleibt er neben dem reglosen Körper liegen. Bevor der zweite Henker zuschlägt, korrigiert er noch kurz die Haltung des zweiten Mannes. Nach dem Schlag klappt der Rumpf nach hinten.

          Erst jetzt verkündet ein Mann in blauem Anzug das Urteil, blechern schallt die Begründung aus Lautsprechern über den Platz. Sanitäter wickeln die beiden Leichen in die blutgetränkten Tücher ein, hieven sie auf zwei Bahren und schieben diese in den Krankenwagen, der rückwärts an die Deckenstapel in der Mitte des Platzes herangefahren ist.

          Sanft im Wind weht über dem Safa-Platz die grüne Flagge des wahhabitischen Königreichs mit dem weißen Schwert, verziert mit dem Glaubensbekenntnis des Islams, der Schahada, mit der auch der Großmufti eine Stunde zuvor das Gebet eingeleitet hatte: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet.“

          „Muslime sind ihre ersten Opfer“

          Es waren schwarze Fahnen, die in jenen über das Internet verbreiteten Filmen zu sehen waren, die zuletzt die Welt entsetzten. Die Szenen waren ähnlich. Als die islamistische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ die Schreckensbilder von der Enthauptung des Journalisten James Foley verbreitete, entschied Präsident Barack Obama, Stellungen der Terroristen zu bombardieren. Die Führung in Riad hat sich der neuen Allianz gegen die Einheiten des selbsternannten Kalifen und Terroristenführers Abu Bakr al Bagdadi angeschlossen. Ende August hatte der Großmufti Bagdadis Organisation zum „Feind Nummer eins des Islams“ erklärt und gesagt: „Muslime sind ihre ersten Opfer.“ Da hatten andere religiöse Führer in der Region den Völkermord an den Yeziden und die Vertreibung der Christen aus dem Nordirak schon lange als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt. Am Montag verkündet die saudische staatliche Nachrichtenagentur vier Todesurteile gegen Mitglieder einer der „blutigsten Terrorzellen“ des Königreichs. Das Denken der Dschihadisten stehe im Gegensatz zum Koran.

          Aber einfach beiseitewischen lassen sich die gemeinsamen ideologischen Grundlagen der sunnitischen Extremisten und des wahhabitischen saudischen Staatsislams nicht. Der Vormarsch des „Islamischen Staats“ mag eine direkte Bedrohung für die Legitimation des saudischen Königshauses darstellen, das Dschihadistengruppen im Kampf gegen den syrischen Diktator Baschar al Assad lange unterstützte. Doch die buchstabengläubige und puritanische Auslegung der religiösen Quellen des Islams predigen sowohl die Religionsgelehrten im Königreich als auch die Hassprediger der Dschihadisten. Frauen werden grundlegende Freiheitsrechte versagt, Andersgläubige verfolgt, schwere Körperstrafen und öffentliche Hinrichtungen in Mossul und Raqqa ebenso praktiziert wie in Dschidda und Riad. Theologische Abgrenzungen bleiben deshalb unscharf; sie sind politisch getrieben von der besorgten Prinzenkaste, die sich um den 90 Jahre alten König schart, der nach einer Dekade der Ruhe abermals Anschläge befürchtet, wie sie in den Jahren 2003 und 2004 sein Reich erschütterten.

          „Was wir machen, ist rechtens nach den Gesetzen des Islams“, sagt ein Zuschauer bei der Hinrichtung auf dem Safa-Platz. Er nennt sich Aziz und gibt sich als Generalmajor aus. 66 Jahre alt sei er, 42 Jahre habe er als Offizier in Diensten der staatlichen Sicherheitsbehörden gestanden, die letzten beiden als Berater und Dozent. Eigentlich habe er heute frei, fügt er hinzu, und wollte sich nur ein bisschen die Beine vertreten. Doch dann sei er geblieben, seine Wohnung liege nicht weit vom Safa-Platz entfernt.

          Islamistischer Terrorismus bedroht auch das saudische Königreich

          Aziz ist ein hagerer Mann in blauem Trainingsanzug und ausgelatschten Turnschuhen, sein Haar ist schütter, er trägt eine dunkle Sonnenbrille mit Goldrahmen. Er verwickelt einen der Polizisten auf dem Platz in ein Gespräch. Als der Polizist ihn nach seiner Identität fragt, zückt er einen Geheimdienstausweis. „Ich bewege mich immer nur getarnt“, sagt Aziz.

          Zu Beginn seiner Geheimdienstkarriere, behauptet er, habe er als Leutnant Anfang der achtziger Jahre Usama Bin Ladin und dessen saudischen Gefolgsleuten Millionen von Dollar für den Dschihad in Afghanistan überreicht. Eine ganze Generation von Dschihadisten wurde so herangezüchtet.

          Jetzt, drei Jahrzehnte nach dem Weggang Bin Ladins aus Saudi-Arabien, bedroht der islamistische Terrorismus das saudische Königreich. Hunderte Saudis haben sich in die Kriege in Syrien und im Irak, aber auch im Jemen und in Libyen gestürzt, um Gottesreiche nach dem Vorbild des Propheten Mohammed zu schaffen. Die größte Anziehungskraft übt dabei der „Islamische Staat“ aus. Bagdadi, der „Kalif von Mossul“, hat mit seiner Selbsternennung auch den saudischen König, den Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina, herausgefordert. Die Greueltaten der Dschihadisten, die irakische Polizisten und Soldaten sowie syrische Stammesangehörige, die sich ihrer Herrschaft nicht unterwerfen wollten, erschossen, ehe sie auch westliche Journalisten und Entwicklungshelfer ins Visier nahmen, hält viele junge Saudis nicht davon ab, ihre Sympathien für Bagdadis „Kalifat“ zu bekunden.

          „Ich kenne die Terroristen“

          König Abdullah ahnt, dass das Land noch stärker in den Sog des Chaos geraten könnte, das jenseits seiner Grenzen tobt. Nachdem die arabischen Aufstände ohne größeres Aufbegehren im eigenen Land geblieben sind, könnte ihm eine neue Terrorwelle von Gotteskriegern die letzten Tage auf dem Thron vergällen. Dem religiösen Establishment sind selbst die zögerlichen Reformen, die der König eingeleitet hat, ein Dorn im Auge.

          „Ich kenne die Terroristen“, prahlt Aziz und bittet um Erlaubnis, sich noch eine Zigarette anzünden zu dürfen. Er wirkt aufgedreht, erzählt eine Geschichte nach der anderen. Der Gouverneur von Riad sei sein Cousin, dessen Vorgänger sei ein Schulkamerad gewesen. Nicht nur in Afghanistan, auch in Pakistan habe er sich zwischen den Mudschahedin und ihren saudischen Verbündeten bewegt wie ein Fisch im Wasser. Seine Arbeit am Hindukusch habe erst geendet, als bei einem Auftrag in Teheran der iranische Geheimdienst auf ihn aufmerksam wurde und ihn des Landes verwies. Die saudischen Sicherheitsbehörden seien schlagkräftig genug, um zu verhindern, dass die Kämpfer des „Islamischen Staates“ in Saudi-Arabien Fuß fassen. Obwohl das Königreich mit dem Irak Hunderte Kilometer Grenze teilt, sei es schließlich noch zu keinem Anschlag in Riad oder Dschidda gekommen. Alle passten sehr gut auf.

          Auf dem Safa-Platz achten die Polizisten an diesem Nachmittag auch darauf, dass keine Bilder mit den Mobiltelefonen gemacht werden. Es sollen keine Bilder verbreitet werden, die dem Ansehen des Landes schaden könnten. Die Vorbereitungen für die öffentliche Hinrichtung gleichen einer militärischen Operation. Schon Stunden vorher rollen die ersten Polizeiautos heran, Besucher der Imbissstuben werden gebeten, das Gelände zu verlassen. Auch die tobenden Kinder unter den Wasserfontänen am anderen Ende des Platzes müssen ihr Spiel beenden, auf dem Gebäude der Religionspolizei geht ein Scharfschütze in Stellung. Mit Blaulicht und Sirenen fahren dann die beiden Krankenwagen auf den Platz, in denen die zum Tode Verurteilten ihre letzten Minuten verbringen.

          Ein gängiges Prozedere

          Über Monate hatten sich die Verhandlungen zwischen den Familien der zum Tode Verurteilten und der von ihnen Ermordeten hingezogen. Ein Mordopfer wurde erdrosselt, das andere mit Säure überschüttet. Das auf der hanbalitischen, der striktesten der vier sunnitischen Rechtsschulen basierende Rechtssystem Saudi-Arabiens sieht bei Mord die Tötung der Täter vor; es sei denn, die Angehörigen akzeptieren eine Entschädigung. Das aber lehnten diese ab. Bis zur letzten Minute hätte der Staatsanwalt am Rande des Platzes die Enthauptung ansonsten noch stoppen können.

          Das habe er schon öfter erlebt, sagt ein Schaulustiger, der sich neugierig zu dem kleinen Kreis um Aziz gesellt hat, während die meisten Zuschauer ihre Plätze hinter den Absperrungen bereits verlassen haben. Es ist ein gängiges Prozedere in der Rechtsprechung des Königsreichs, das auf der Scharia fußt. Es sieht Peitschenhiebe unter anderem für Diebstahl und Ehebruch vor und den Tod für Mord, Rauschgifthandel, Hochverrat und Terrorismus. Mindestens vierzig Menschen wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International seit Anfang August enthauptet. Es ist ein krasser Anstieg selbst für saudische Verhältnisse: 17 waren es in der ersten Jahreshälfte; im Jahr 2013 waren es insgesamt 79.


          Inzwischen ist ein Tanklastwagen vorgefahren. Er bringt das Wasser, mit dem die Spuren der Hinrichtungen beseitigt werden. Eine Handvoll Männer in weißen Gewändern hat sich um die pakistanischen Gastarbeiter geschart, die das Blut mit Schläuchen in den Kanal in der Platzmitte spülen. Um die große Pfütze dreht ein Junge auf einem Fahrrad seine Runden. Am Rande des Platzes hört Aziz nicht auf zu reden, will wissen, ob es dem ausländischen Gast gefallen habe, ob er wiederkommen werde.

          Enthauptungen seien humaner und weniger qualvoll als die Giftspritze oder der elektrische Stuhl, sagt er. Mit dem Vorgehen des „Islamischen Staats“ in Mossul und Raqqa habe die Enthauptung nichts zu tun, im Gegenteil, sie diene der Abschreckung. „Wenn wir von Anfang an so gegen die Terroristen vorgegangen wären wie gegen die beiden Mörder, hätten wir heute das Problem nicht“, sagt er. Nach den Vorschriften des Islams bestattet würden sie dennoch. „Denn Muslime bleiben sie natürlich auch nach ihrem Tod.“

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