https://www.faz.net/-gq5-731zx

Hassan Nasrallah : Der Verteidiger aller Muslime

  • -Aktualisiert am

Scheich Hassan Nasrallah Bild: David E. Smith

Hizbullah-Führer Nasrallah kämpft um seinen Ruf. Der Schmähfilm kommt ihm da gerade recht. Doch statt mit Krieg zu drohen, fordert er Gesetze, Resolutionen und Sondergipfel.

          4 Min.

          Ein neues Gesetz solle der amerikanische Kongress verabschieden, das Europäische Parlament die Beleidigung „heiliger Religionen“ unter Strafe stellen. Das forderte Hassan Nasrallah am vergangenen Sonntag. Aber damit nicht genug: Unverzüglich zu einem Sondergipfel müsse die Organisation für Islamische Zusammenarbeit zusammenkommen, die Arabische Liga Druck auf die Vereinten Nationen ausüben, um Filmen wie „Unschuld der Muslime“ rechtlich für immer einen Riegel vorzuschieben.

          Papst Benedikt XVI. befand sich noch auf dem Rückflug von Beirut nach Rom, als der Generalsekretär der libanesischen Hizbullah eine neue hehre Botschaft aus der libanesischen Hauptstadt verkündete: Zur „Verteidigung des Propheten“ müssten sich die Muslime der Welt zu einer „Bewegung“ vereinen.

          Gesetze, Resolutionen und Sondergipfel waren bislang nicht die Mittel, mit denen sich der vor zwanzig Jahren an die Spitze der schiitischen „Partei Gottes“ gelangte Nasrallah einen Namen gemacht hat. Israel droht er regelmäßig mit Krieg; bis heute zählt zu den Zielen seiner Parteimiliz, den Mord am einstigen Militärchef der Hizbullah, Imad Mugnijeh, im Februar 2008 in Damaskus zu vergelten.

          Der Mythos der Waffenruhe

          „Die Hand, die sich nach unseren Waffen ausstreckt, werden wir abhacken“, sagte Nasrallah im Mai 2008. Stunden später rückten Hizbullah-Kämpfer in sunnitische Stadtviertel Beiruts ein, um den Versuch der Regierung, das illegal betriebene Telefonnetzwerk der Organisation zu kappen, zunichtezumachen. Die Gefechte weiteten sich auf andere Gegenden des Landes aus, Dutzende Menschen wurden getötet.

          Dass der 1960 in Beirut geborene Sohn eines aus dem südlibanesischen Bazurijhe stammenden Gemüsehändlers vier Jahre später auf ganz andere Mittel zu setzen scheint, hat auch mit den Vorgängen jenes Frühjahres 2008 zu tun. Damals - bei den bewaffneten Auseinandersetzungen gegen Anhänger des späteren Ministerpräsidenten Saad Hariri - starb der Mythos, dass die Hizbullah ihre Waffen niemals gegen Libanesen erheben werde, sondern nur gegen Israel.

          Als „nationaler Widerstand“ gegen die israelische Besatzung hatte sich die Hizbullah in den Jahren zuvor den Respekt von Libanons Christen, Sunniten und Drusen gleichermaßen gesichert - nicht zuletzt, weil sie mit ihrem Guerrillakrieg die 1978 einmarschierten israelischen Truppen 2000 zum Rückzug aus dem Südlibanon zwang.

          Wie ein Verzweiflungsschrei

          Doch der Kleinkrieg gegen das vom Westen unterstützte „14. März“-Bündnis hat Nasrallah viel Kredit gekostet. Sein Versuch, sich nun an die Spitze der Bewegung gegen den Schmähfilm zu stellen, lässt sich unter anderem darauf zurückführen. Einen Tag nach Benedikts Abreise forderte er bei einer Großkundgebung im Süden Beiruts Angehörige aller Konfessionen noch einmal auf, sich gegen die Beleidigung „heiliger Religionen und der großen Propheten Gottes, Abraham, Moses, Jesus und Mohammed“, zu wehren. Und wieder erstaunte die Wahl seiner Mittel: Internationale Abkommen und nationale Gesetzen müssten regeln, wie Vergehen gegen die Würde des Propheten und den Koran künftig geahndet werden.

          Ein Zeichen der Stärke freilich sind die Äußerungen Nasrallahs nicht. Sie wirken eher wie ein Verzweiflungsschrei: Anderthalb Jahre nach Beginn der Revolution gegen Syriens Präsident Baschar al Assad hat sich sein Festhalten an der Allianz mit dem alawitischen Herrscher nicht ausgezahlt. Die rhetorischen Wendungen, mit denen er den Krieg gegen die syrische Bevölkerung immer wieder rechtfertigte, haben ihn um das Ansehen gebracht, das er selbst in den Augen vieler Sunniten im Sommer 2006 erlangte: Den Krieg gegen Israel feierte der Propagandaapparat seiner Organisation als „Sieg Gottes“ - ein Sprachspiel mit dem Namen ihres Führers; „Nasr“ heißt auf Arabisch Sieg, „Allah“ Gott.

          In Kairo, Ramallah und Damaskus jubelten die Massen Nasrallah zu. Der Chef der mehrere tausend Kämpfer starken, mit zwei Ministern im Kabinett von Ministerpräsident Nadschib Miqatis vertretenen Parteimiliz war auf dem Höhepunkt seiner Macht. An die Spitze der Schiitenmiliz gelangt war er bereits mit 32 Jahren - nach der Tötung seines Vorgängers bei einem israelischen Luftangriff im Februar 1992. Schon als Jugendlicher widmete sich das älteste von zehn Kindern intensiv dem Studium des Korans. Dank einer Empfehlung wurde er nach Nadschaf entsandt, der heiligen Stadt der Schiiten im Süden des Iraks wo er bei Ajatollah Mohammed Baqir al Sadr studierte. Gemeinsam mit anderen Gaststudenten verwies ihn das säkulare Baath-Regime 1978 des Landes.

          Zurück im Libanon trat Nasrallah zunächst der aus der „Bewegung der Entrechteten“ Imam Musa Sadrs hervorgegangenen schiitischen Amal-Bewegung bei, ehe er sich der 1982 im Entstehen begriffenen Hizbullah anschloss - einer Sammelbewegung schiitischer Kleriker und Kämpfer, die von den iranischen Revolutionsgarden aufgebaut wurde und bald mit Attacken auf israelische Patrouillen, Anschlägen gegen amerikanische und französische Einrichtungen und der Entführung von Ausländern von sich reden machte.

          Nasrallah wurde geistlicher Mentor des militärischen Ausbildungslagers in der Bekaa-Ebene, Leiter der Ideologieabteilung und schließlich 1992 vom zwölf Mitglieder umfassenden Höchsten Rat der Partei zum Generalsekretär gewählt - auf Weisung des iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei. Der Einfluss Teherans auf die Organisation hält bis heute an: Die Hizbullah folgt dem von Chamenei entworfenen Grundsatz der einzig legitimen Herrschaft des Obersten Religionsgelehrten Welajat-e faqih und unterwirft sich damit den Anweisungen des religiösen Führers, Ajatollah Ali Chameneis.

          Der neue Held der arabischen Straße

          Der im Abzug israelischer Truppen im Frühjahr 2000 gipfelnde Guerrillakrieg gegen den südlichen Nachbarn, aber auch die vom Bundesnachrichtendienst vermittelten Gefangenenaustausche 2004 und 2008 gelten als größte Erfolge Nasrallahs - und der Krieg gegen Israel im Sommer 2006. Anders als die abgehalfterten Staatschefs sunnitisch geprägter Länder wie Ägypten, Jordanien oder Saudi-Arabien, die immer eng an der Seite der Vereinigten Staaten standen, galt der Generalsekretär des „islamischen Widerstands“ als neuer Held der arabischen Straße.

          Diesen Ruf wiederherzustellen dazu dient seine Kampagne gegen den Film „Unschuld der Muslime“. Ob er mit seiner realpolitischen Wende Erfolg haben wird, ist fraglich. Denn auch innenpolitisch steht Nasrallah unter Druck: Schiitische Clans aus der von der Hizbullah kontrollierten Südbeiruter Vorstadt Dahijeh entführten im August türkische und syrische Staatsbürger; die Kriminalität in den Gebieten, die der stets auf ihre hohen moralischen Werte pochenden Organisation unterstehen, hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Erst ein Einsatz der Armee beendete Mitte September das Geiseldrama - vor Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien wäre ein Einsatz staatlicher Einheiten in den Hizbullah-Vierteln undenkbar gewesen.

          Doch auch Nasrallah beginnt sich auf die Zeit nach Assad einzustellen. Die jüngsten Angriffe auf den Propheten Mohammed seien „größer und ernster“ als die Lage in Syrien, sagte er vergangene Woche und verband sein Schicksal persönlich mit der Kampagne gegen den Film: Erst zum vierten Mal seit Ende des Krieges zeigte er sich bei der Kundgebung in der Öffentlichkeit - aus Angst vor Anschlägen werden seine Reden sonst auf großen Videoleinwänden übertragen.

          Topmeldungen

          Susanna Ceccardi, wird von Salvini „la leonessa“, die Löwin genannt. Sie geht in der Toskana als Lega-Kandidatin ins Rennen.

          Regionalwahlen in Italien : Fällt die rote Toskana?

          Im Frühjahr war Italiens Rechte noch an einer sozialdemokratischen Bastion gescheitert. In der Toskana könnte sie triumphieren. Der ehemalige Ministerpräsident Matteo Renzi warnt: „Die roten Festungen gibt es nicht mehr.“
          In jungen Jahren legen Kinder ihr Taschengeld gerne in Eis an. Später ist Eis für Erwachsene immer noch eine Verführung, spielt aber eher eine Nebenrolle in der Geldanlage.

          Wirtschaftsbildung an Schulen : Altersvorsorge? Ganz weit weg!

          Die Rente ist ganz und gar nicht mehr sicher. Deswegen raten alle zur privaten Vorsorge über die lange Strecke. Wenn Kinder und Jugendliche aber nicht an dieses Thema herangeführt werden, dann wird das nichts.
          Sorgt für Meinungsverschiedenheiten: Fußballprofi Neymar

          Fußballstar sorgt für Aufsehen : Neymars gefährliche Nähe zum Rechtspopulismus

          Viele seiner brasilianischen Landsleute fremdeln mit Neymar. Das hat längst nicht nur sportliche Gründe, sondern auch mit Präsident Jair Bolsonaro zu tun. Aktuell erhält er Unterstützung von einer erzkonservativen Abtreibungsgegnerin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.