https://www.faz.net/-gq5-731zx

Hassan Nasrallah : Der Verteidiger aller Muslime

  • -Aktualisiert am

In Kairo, Ramallah und Damaskus jubelten die Massen Nasrallah zu. Der Chef der mehrere tausend Kämpfer starken, mit zwei Ministern im Kabinett von Ministerpräsident Nadschib Miqatis vertretenen Parteimiliz war auf dem Höhepunkt seiner Macht. An die Spitze der Schiitenmiliz gelangt war er bereits mit 32 Jahren - nach der Tötung seines Vorgängers bei einem israelischen Luftangriff im Februar 1992. Schon als Jugendlicher widmete sich das älteste von zehn Kindern intensiv dem Studium des Korans. Dank einer Empfehlung wurde er nach Nadschaf entsandt, der heiligen Stadt der Schiiten im Süden des Iraks wo er bei Ajatollah Mohammed Baqir al Sadr studierte. Gemeinsam mit anderen Gaststudenten verwies ihn das säkulare Baath-Regime 1978 des Landes.

Zurück im Libanon trat Nasrallah zunächst der aus der „Bewegung der Entrechteten“ Imam Musa Sadrs hervorgegangenen schiitischen Amal-Bewegung bei, ehe er sich der 1982 im Entstehen begriffenen Hizbullah anschloss - einer Sammelbewegung schiitischer Kleriker und Kämpfer, die von den iranischen Revolutionsgarden aufgebaut wurde und bald mit Attacken auf israelische Patrouillen, Anschlägen gegen amerikanische und französische Einrichtungen und der Entführung von Ausländern von sich reden machte.

Nasrallah wurde geistlicher Mentor des militärischen Ausbildungslagers in der Bekaa-Ebene, Leiter der Ideologieabteilung und schließlich 1992 vom zwölf Mitglieder umfassenden Höchsten Rat der Partei zum Generalsekretär gewählt - auf Weisung des iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei. Der Einfluss Teherans auf die Organisation hält bis heute an: Die Hizbullah folgt dem von Chamenei entworfenen Grundsatz der einzig legitimen Herrschaft des Obersten Religionsgelehrten Welajat-e faqih und unterwirft sich damit den Anweisungen des religiösen Führers, Ajatollah Ali Chameneis.

Der neue Held der arabischen Straße

Der im Abzug israelischer Truppen im Frühjahr 2000 gipfelnde Guerrillakrieg gegen den südlichen Nachbarn, aber auch die vom Bundesnachrichtendienst vermittelten Gefangenenaustausche 2004 und 2008 gelten als größte Erfolge Nasrallahs - und der Krieg gegen Israel im Sommer 2006. Anders als die abgehalfterten Staatschefs sunnitisch geprägter Länder wie Ägypten, Jordanien oder Saudi-Arabien, die immer eng an der Seite der Vereinigten Staaten standen, galt der Generalsekretär des „islamischen Widerstands“ als neuer Held der arabischen Straße.

Diesen Ruf wiederherzustellen dazu dient seine Kampagne gegen den Film „Unschuld der Muslime“. Ob er mit seiner realpolitischen Wende Erfolg haben wird, ist fraglich. Denn auch innenpolitisch steht Nasrallah unter Druck: Schiitische Clans aus der von der Hizbullah kontrollierten Südbeiruter Vorstadt Dahijeh entführten im August türkische und syrische Staatsbürger; die Kriminalität in den Gebieten, die der stets auf ihre hohen moralischen Werte pochenden Organisation unterstehen, hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Erst ein Einsatz der Armee beendete Mitte September das Geiseldrama - vor Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien wäre ein Einsatz staatlicher Einheiten in den Hizbullah-Vierteln undenkbar gewesen.

Doch auch Nasrallah beginnt sich auf die Zeit nach Assad einzustellen. Die jüngsten Angriffe auf den Propheten Mohammed seien „größer und ernster“ als die Lage in Syrien, sagte er vergangene Woche und verband sein Schicksal persönlich mit der Kampagne gegen den Film: Erst zum vierten Mal seit Ende des Krieges zeigte er sich bei der Kundgebung in der Öffentlichkeit - aus Angst vor Anschlägen werden seine Reden sonst auf großen Videoleinwänden übertragen.

Topmeldungen

Unser Autor: Martin Benninghoff

F.A.Z.-Newsletter : Kampf um CDU-Vorsitz: Sechs Fäuste und eine AKK

Im Konrad-Adenauer-Haus wird heute um den CDU-Vorsitz gestritten, Bonn und Aachen werden künftig grün regiert und die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll dauert an. Alles Wichtige im F.A.Z.-Newsletter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.