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Nahost-Konflikt : Bei lebendigem Leibe

Palästinenser feuern Raketen auf jüdische Siedlungen ab. Bild: AFP

Die israelische Stadt Sderot ist einem dauerhaften Raketenhagel aus dem Gaza-Streifen ausgesetzt. Neue Details über den Mord an einem Jungen schüren die Wut der Palästinenser. Doch wohin wird sie führen?

          Manche schnallen sich im Auto gar nicht mehr an. Nach dem schrillen Klang der Sirenen bleiben den Einwohnern von Sderot nur 15 Sekunden, um in einen Schutzraum zu fliehen. Dann schlagen die Raketen ein. Die südisraelische Stadt liegt knapp vier Kilometer vom Gazastreifen entfernt – zu nahe für das Abwehrsystem „Eiserne Kuppel“. Bürgermeister Alon Davidi, der gerade von einer Sitzung in der tief unter der Erde angelegten Einsatzzentrale der Stadtverwaltung kommt, sagt, er vertraue Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. „Wer uns töten will, den müssen wir zerstören“, fordert er.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Seit Mitte Juni sind fast 200 Raketen aus Gaza abgefeuert worden. In der vergangenen Woche wäre um ein Haar in Sderot ein Geschoss in einer Kindertagesstätte explodiert. In letzter Minute konnte die israelische Abwehr am Samstagabend die Rakete unschädlich machen, die auf die Großstadt Beerscheva abgefeuert worden war. Am Sonntag geht der Beschuss weiter und macht auch die Sicherheitsleute des israelischen Staatspräsidenten nervös: Schimon Peres hatte darauf bestanden, Sderot am Morgen einen Solidaritätsbesuch abzustatten. Erst als seine Wagenkolonne außerhalb der Reichweite der Raketen ist, wird die Nachrichtensperre aufgehoben: Man fürchtete Angriffe aus Gaza, wenn man dort gewusst hätte, dass das israelische Staatsoberhaupt in der Stadt ist.

          „Ich glaube nicht, dass der Frieden zusammenbricht“

          „Das sind harte Tage, die uns als Demokratie und als Volk auf die Probe stellen“, sagt Peres im Gemeindezentrum „Beit Kanada“. Aber im Umgang mit den Gewalttätern werde man niemanden schonen, weder Israelis noch Araber, verspricht der Präsident. Er wirkt müde, hat aber seinen Optimismus nicht verloren. „Ich glaube nicht, dass der Frieden zusammenbricht“, versichert Peres. Nicht nur der Raketenhagel stellt die israelische Führung vor eine Belastungsprobe, auch die angespannte Lage in Israel, die die Regierung nicht weiter verschärfen will – besonders seit der Eilmeldung vom Sonntagnachmittag: Der Inlandsgeheimdienst bestätigt, dass im Zusammenhang mit dem Mord an Muhammad Abu Khdeir mehrere jüdische Tatverdächtige festgenommen worden sind. Es gebe deutliche Hinweise auf einen „nationalistischen“ Hintergrund, sagt ein Polizeisprecher.

          Im Ostjerusalemer Stadtteil Schuafat, wo der 16 Jahre alte Palästinenser lebte, reagieren die Menschen erleichtert auf die Meldung. „Für uns ist das keine Überraschung. Wir wussten das von Anfang an, dass das radikale Juden waren“, meint ein Mann, der beobachtet, wie Bagger auf der von Steinbrocken und den Resten verbrannter Reifen übersäten Hauptstraße umgestürzte Müllcontainer beiseiteschieben. Hier hatten sich während der vergangenen vier Tage Demonstranten verschanzt. Nur im Slalom können sich bis zum Morgen Autos einen Weg in die Mitte des Viertels bahnen. „Die Nachricht könnte helfen, die Dinge zu beruhigen. Wichtig ist, dass sie auch vor Gericht gestellt werden“, sagt der Mitarbeiter eines Autoverleihs.

          Spuren von Rauch in der Luftröhre

          Am Samstag hatten die Menschen in Schuafat noch eine weitere Schreckensnachricht zu verkraften. In Luftröhre und Lunge des getöteten Sechzehnjährigen seien Spuren von Rauch entdeckt worden, teilte die palästinensische Generalstaatsanwaltschaft unter Berufung auf den vorläufigen Obduktionsbericht mit. Das würde bedeuten, dass Muhammad Abu Khdeir bei lebendigem Leib verbrannt ist. Von israelischer Seite gab es für den Bericht keine Bestätigung.

          Zusätzliche Empörung hatten in Schuafat Aufnahmen von einem Cousin des Mordopfers hervorgerufen. Nach Angaben seiner Familie und palästinensischer Menschenrechtler wurde der 15 Jahre alte Tarek Abu Khdeir am Donnerstagabend von israelischen Grenzpolizisten bei seiner Festnahme zusammengeschlagen. Seine Familie stammt aus Schuafat, lebt aber in Florida; der Junge ist amerikanischer Staatsangehöriger. Deshalb hat sich das Außenministerium in Washington eingeschaltet, das den „exzessiven Einsatz von Gewalt“ verurteilte. Zwei im Internet verbreitete Videofilme zeigen angeblich, wie israelische Grenzpolizisten mit ihren auf den Kopf des am Boden liegenden Jungen treten, bei dem es sich um Tarek Abu Khdeir handeln soll, der bei Verwandten in Jerusalem seine Sommerferien verbringt. Die Polizei rechtfertigt sich damit, dass er sich seiner Festnahme widersetzt und eine Steinschleuder besessen habe. Das hat die israelische Justizministerin Zipi Livni nicht überzeugt, die von einem „gravierenden“ Vorfall sprach und eine Untersuchung angeordnet hat. Die Proteste dauerten angesichts dieser Berichte an. Sie erfassten auch Orte im Norden des Landes, in denen mehrheitlich arabische Israelis leben. In Nazareth demonstrierten am Samstagabend etwa tausend Menschen. In anderen arabischen Orten wurden Autos in Brand gesetzt und Straßen blockiert.

          „Wenn es noch einen ,Märtyrer‘ gibt, ist die dritte Intifada da“, sagt ein Autohändler am Sonntag in Schuafat. Seine Furcht vor neuen Ausschreitungen scheint aber nicht allzu groß zu sein. Seine frischgeputzten Gebrauchtwagen bietet er am Rand der Straße zum Verkauf an, auf der nächtelang Steine flogen.

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