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Handbuch des Dschihadismus : Kein Ungläubiger soll sich mehr sicher fühlen

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Aber auch die muslimischen Massen werden durch die Logik des Massakers, ob sie es wollen oder nicht, in die Schlacht hineingezogen. Gewalt ist segensreich, schreibt Naji und verweist auf die Strategien der zwei ersten Kalifen und Gefährten des Propheten Mohammeds, als es darum ging, das entstehende muslimische Reich zu sichern. „Sie verbrannten Leute bei lebendigem Leibe, obwohl dies abscheulich ist. Aber sie wussten um die Wirkung von roher Brutalität in Zeiten der Not.“

Der grausame Inhalt der Schrift steht im Gegensatz zum belehrenden, abwägend parlierenden Stil, in dem sie verfasst wurde. Der offensichtlich gebildete Autor Naji kann auf 1400 Jahre islamisches Herrschaftswissen zurückgreifen, auf eine imperiale Tradition der Landnahme und Kunst der Unterwerfung ganzer Völkerschaften. Er beruft sich unter anderem auf Ibn Taimiya, einen arabischen Theologen und Ur-Salafisten aus dem 13. Jahrhundert - im Westen ein vollkommen Unbekannter, im Weltbild aller frommen Dschihad-Soldaten hingegen eine verehrte Figur.

Ein islamistisches Propagandabild zeigt Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ in der libyschen Stadt Sirte.

Aber Naji hat auch abendländische Denker wie den Yale-Historiker Paul Kennedy aufmerksam gelesen, der mit seiner 1987 veröffentlichten Studie „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ und seinem Begriff der „imperialen Überdehnung“ für Diskussionen über den Niedergang Amerikas gesorgt hatte, unter den Eliten in Paris und Berlin ebenso wie in New York. Zudem verweist Naji auf westliche Ethnologenberichte über das Verhalten von Stämmen oder auf Erkenntnisse aus der Verwaltungswissenschaft.

Die besonnene Gedankenführung und die rational anmutende Argumentation könnten jedoch darüber hinwegtäuschen, dass Naji in der „Verwaltung der Barbarei“ ein irrationales, apokalyptisches Projekt entwirft. Dessen Ideologie und Praxis sind mit den üblichen Erklärungswerkzeugen des aufgeklärten Westens nicht zu verstehen. Ökonomie, Soziologie, Politologie, Psychologie, alle gehen davon aus, dass menschliches Verhalten letztlich rationalen Kriterien gehorcht, dem Kampf um Ressourcen, um politische Macht, um kulturelle Würde, Selbstbestimmung, ein besseres Leben.

Die Achillesferse des Westens ist das Mentale

An den Äußerungen Najis und anderer Kalifatsutopisten fällt aber auf, dass sie keinen Gedanken daran verschwenden, wie sie nach einer Machtübernahme Wirtschaft und Handel organisieren, die Arbeitslosigkeit bekämpfen, das Gesundheitswesen einrichten wollen. Sie liefern nicht mal den Hauch eines Konzepts, wie sie ihre Bevölkerung vor Armut, Hungersnöten, Krankheiten bewahren wollen. Das reale, praktische Leben interessiert sie nicht. Sie interessiert nur der Dschihad, der Krieg, die ewige Schlacht für das erträumte Kalifat.

Der Dschihadismus ist ein Todeskult. Sein zentrales Ritual ist das Menschenopfer. Aufnahme im Blutorden findet derjenige, der einen lebenden Ungläubigen eigenhändig enthauptet. Zur düsteren Ikonographie des IS gehört jenes Bild, auf dem ein australischer Muslim zusammen mit seinem ungefähr achtjährigen Sohn zu sehen ist. Der hübsche Junge streckt schüchtern lächelnd einen frisch abgeschnittenen Männerkopf in die Kamera. Hinter ihm steht der Vater, strahlend, stolz. Die Gotteskrieger sind auch jederzeit bereit, das eigene Leben zu opfern, wenn sie mit diesem Akt nur möglichst viele Ungläubige in den Abgrund reißen können. Je gewaltiger das Gemetzel, desto näher fühlen sie sich der Erfüllung. Der Untergang der Welt bedeutet in der islamischen Mythologie die Geburt einer neuen, religiös gereinigten Welt.

Militärisch hat der Westen von den salafistischen Kriegern nichts zu befürchten, seine Armeen und Waffen sind unvergleichlich stärker. Seine Achillesferse, dies erkannte Abu Bakr Naji richtig, liegt im mentalen Bereich. Auf Grausamkeit, Boshaftigkeit und Horror reagiert das verzärtelte westliche Gemüt mit Verleugnung, Kopflosigkeit und Unterwerfungsreflexen. Und mit diesem „schwachen Magen“ der dekadenten Ungläubigen rechnen auch Najis Nachfolger. Ob zu Recht, ist noch längst nicht entschieden.

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