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Hamed Abdel-Samad im Gespräch : Hier demonstriert keine islamische Sekte

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Hamed Abdel-Samad veröffentlichte 2010 das Buch „Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose” Bild: picture alliance / dpa

Der in Ägypten geborene Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hat schon als Jugendlicher gegen das dortige Regime demonstriert. Als die Unruhen ausbrachen, flog er sofort nach Kairo. Er spricht über eine Generation, die anders leben will.

          Herr Abdel-Samad, seit wann sind Sie in Kairo, und wie geht es Ihnen?

          Ich bin am Donnerstagmittag angekommen und habe am Freitag an den Großdemonstrationen teilgenommen. In den Nebenstraßen, die zum Tahrir-Platz führen, wo die Demonstration stattfinden sollte, waren wir stundenlang eingekesselt zwischen Polizeieinheiten, die uns ununterbrochen mit Tränengas beschossen haben. Auch Schlägerbanden und Polizisten in Zivil waren unterwegs. Im Getümmel wurde mir ein Finger gebrochen, und wie viele habe auch ich eine Rauchvergiftung erlitten, aber es geht schon wieder. Schließlich haben wir es geschafft, doch zum Tahrir-Platz zu gelangen. Plötzlich, am frühen Freitagabend, verschwand die Polizei ohne Ankündigung, der Platz gehörte uns sozusagen allein.

          Was war da geschehen?

          Manche spekulieren, die Menschen hätten keine Emotionen, keine Energie zum Demonstrieren mehr gehabt. Aber es war ein Befehl von oben: Präsident Mubarak, der den ägyptischen Streitkräften befohlen hat, für Sicherheit und Ordnung im Land zu sorgen, eine Ausgangsperre zu verhängen. Aber gerade als es darum ging, die Sicherheit von Bevölkerung und Einrichtungen zu gewährleisten, war die Polizei plötzlich nicht mehr da. Sie verschwand, als wäre sie nur da gewesen, um die Demonstranten in Schach zu halten. Von dem Moment an, als die Polizei sich zurückzog, traten im ganzen Land schwerbewaffnete Räuberbanden auf den Plan, die Geschäfte überfallen und Banken ausgeraubt haben, das Land in Brand steckten. Offenbar will Mubarak dem Westen auf diese Weise zu verstehen geben, dass die Demonstranten nichts als Räuberbanden waren, mit denen man kurzen Prozess machen muss. Es ist der faule Versuch, die Demonstranten zu diskreditieren. Man muss scharf trennen zwischen den Demonstranten und den organisierten Räuberbanden. Auf diese Weise will die Nationalpartei der Welt suggerieren, dass die Demonstrationen unrechtmäßig sind und dass sie die einzige Kraft ist, die für Sicherheit und Ordnung im Land sorgen kann.

          „Keine islamischen Rufe!” - Es geht nicht im Fundamentalismus, sondern um Freiheit

          Mubarak will sich also der Unterstützung des Westens versichern und zugleich die Bevölkerung einschüchtern?

          Ja. Dieser Präsident nimmt sein Volk als Geisel. Was hier in Ägypten seit Tagen geschieht – die Abschaltung von Internet und Facebook, von Telefonverbindungen, das Kappen der ausländischen Nachrichtensender –, das zeigt, dass Mubarak das, was er tat, tun wollte, ohne dass die Welt davon etwas mitbekommt, und dass nur seine Sicht der Ereignisse nach außen dringen sollte. Umso deutlicher wird: Hier ist eine Regierung, ein System am Werk, das keinerlei Respekt für sein Volk hat. Mubarak raubt sein Volk seit dreißig Jahren aus und verkauft dem Westen die Illusion, er sei ein Garant der Stabilität. Ich sage: Mubarak ist heute kein Garant mehr für Stabilität, sondern er ist eine Gefahr für Ägypten, für die gesamte Region. Wenn der Westen tatsächlich Frieden und Stabilität in der Region will, dann muss man ihm die Unterstützung entziehen. Überall sollte man die ägyptischen Botschafter einberufen und sie fragen, warum jetzt in Ägypten nirgendwo Sicherheit gewährleistet wird, warum überall Räuberbanden unterwegs sind, warum die Gefängnisse geöffnet und Verbrecher freigelassen wurden. Ich kann Ihnen die Antwort geben: Das ist alles systematisch angeordnet worden, um die Bevölkerung Ägyptens mit sich selbst zu beschäftigen, so dass die Menschen nicht mehr auf die Straße gehen und Angst haben, ihre Häuser zu verlassen, weil diese sonst geplündert werden. Und damit der Westen denkt: Ach, unser Mann Mubarak ist der beste Garant für Stabilität, halten wir an ihm fest.

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