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Hamas-Führer in Gaza-Stadt : Die dritte Geburt des Khaled Meschal

Siegesposen: Die Hamas-Führer Khaled Meschal und Ismail Hanija am Grenzübergang Rafah im Gazastreifen Bild: REUTERS

Iran, Qatar, Ägypten, Israel - auf die Palästinenser wirken viele Interessen ein. Mit der Rückkehr Khaled Meschals nach Gaza werden die Karten neu gemischt. Der 56 Jahre alte Hamas-Führer erlebt nach Jahrzehnten im Exil eine politische Wiedergeburt.

          Die Hamas bereitete Khaled Meschal einen Empfang, wie er einem Staatsoberhaupt gebührt. Ministerpräsident Ismail Hanija begrüßte den Politbürochef am ägyptischen Grenzübergang in Rafah, bewaffnete Mitglieder der Qassam-Brigaden säumten seinen Weg nach Gaza-Stadt. An Häusern hingen Plakate mit dem bärtigen Gesicht des Hamas-Führers, der am Freitag zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten wieder palästinensischen Boden betrat; seine Familie war 1967 aus der Westjordanland geflohen, als er elf Jahre alt war.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Rückkehr sei seine „dritte Geburt“, sagte Meschal nach seiner Ankunft und spielte auf den Mordversuch des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad im Jahr 1997 in Amman an, den er nur knapp überlebte. „Ich hoffe, unsere vierte Geburt wird die Befreiung Palästinas sein. Heute sind wir in Gaza. Dann geht es weiter nach Jerusalem, Haifa und Jaffa, so Gott will“, sagte der Physiker.

          Der Politbürochef der Hamas kniete bei seinem Eintreffen nieder und küsste nach Jahrzehnten im Exil den Boden Bilderstrecke

          Der 56 Jahre alte Meschal selbst erlebt in diesen Tagen so etwas wie seine eigene politische Wiedergeburt. Noch vor wenigen Monaten zeigte er sich amtsmüde und wollte nicht mehr für die Leitung des Exil-Politbüros der islamistischen Organisation kandidieren. Es schien, als habe ihn auch der Machtkampf innerhalb der Hamas zermürbt. Die Hamas-Führung in Gaza unter Ismail Hanija war seit dem Gefangenenaustausch für den entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit im Oktober 2011 selbstbewusster geworden. Hanija wurde nachgesagt, er wolle Meschal politisch beerben. Zwischen den Hamas-Politikern in Gaza und der Politbüro im Exil war es besonders zum Streit über die Versöhnung mit der Fatah-Organisation von Präsident Mahmud Abbas gekommen. Meschal hatte mit Abbas zwei Abkommen geschlossen. In Gaza ging Meschals Kompromissbereitschaft vielen zu weit und der Bruderkrieg ging weiter.

          Spätestens das Ende des jüngsten militärischen Konflikts mit Israel hat jedoch nicht nur der Aussöhnung mit der Fatah neuen Schub verliehen. Auch die Hamas-Führer zeigen sich auf einmal versöhnlich. In Gaza wurde der Ausgang der Runde der Gewalt als „Sieg“ gefeiert, auf den eine Woche später noch ein weiterer Erfolg folgte, als die UN-Vollversammlung Palästina zu einem Beobachterstaat aufwertete.

          „Eine neue Atmosphäre, uns zu versöhnen“

          Das Hamas-Jubiläum ist als eine Siegesfeier geplant - an einem Platz in Gaza, in dessen Mitte die Nachbildung einer „M-75“-Rakete steht, mit der vor drei Wochen Jerusalem beschossen wurde. An der Feier werden auch wieder Fatah-Vertreter teilnehmen, die noch vor kurzem in Gaza von der Hamas drangsaliert wurden. „Es gibt eine neue Atmosphäre, die uns erlauben wird, uns zu versöhnen“, sagte Meschal der Nachrichtenagentur Reuters.

          Dafür hat er auch neue Unterstützer gefunden. Früher hielt Meschal den Kontakt zu Iran und Syrien aufrecht. Als er wegen der syrischen Unruhen samt dem Politbüro Damaskus verlies, kam es zum Zerwürfnis mit der Regierung in Teheran. Meschal verlor zeitweise an Einfluss. Mittlerweile ist Meschal nach Qatar umgezogen und hat dort einen neuen Sponsor gefunden: Während eines Besuchs in Gaza sagte Emir Hamad Bin Chalifa Al Thani im Oktober rund 400 Millionen Dollar für den Wiederaufbau Gazas zu. Der Herrscher soll zudem signalisiert haben, dass er lieber Meschal als Hanija an der Spitze des Politbüros sehen würde. Zuletzt bewährten sich zudem die guten Kontakte Meschals zum neuen ägyptischen Präsidenten Muhammad Mursi. Meschal spielte eine Hauptrolle bei der Vermittlung der Waffenruhe mit Israel - von der er jetzt selbst profitierte: Ohne stillschweigende Billigung Israels hätte er nicht in den Gazastreifen reisen können. Dem Anführer des Islamischen Dschihad, Ramadan Schallah, der ebenfalls nach Gaza kommen wollte, war von Ägypten bedeutet worden, dass er dort ein gezielter israelischer Angriff auf ihn nicht auszuschließen sei.

          Ambitionen auf das Präsidentenamt?

          Meschal hat seine eigenen politischen Pläne noch nicht bekannt gemacht. Manche Hamas-Mitglieder könnten sich vorstellen, dass er für das Amt des palästinensischen Präsidenten kandidiert. Die mit der Fatah geschlossenen Abkommen sehen eine gemeinsame Regierung und baldige Wahlen vor. Meschal könnte aber auch eine führende Rolle in der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO spielen.

          Seit einem Jahr wird schon über einen Beitritt der Hamas zu der Organisation verhandelt, die bisher Abbas’ Fatah-Organisation dominiert. Die von Abbas geführte PLO ist formell der Verhandlungspartner Israels. Die Hamas erkennt jedoch Israel bisher nicht an. Eine gemeinsame Regierung mit der Fatah würden auch die westlichen Unterstützer der palästinensischen Autonomiebehörde vor Schwierigkeiten stellen. Sie boykottieren die als Terrororganisation eingestufte Hamas und verlangen, dass sie der Gewalt abschwört und Israel anerkennt.

          Meschal ist zumindest bereit, sich mit einem palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 zu begnügen, wenn Jerusalem die Hauptstadt ist und die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren können. Derzeit streiten Hamas und Fatah - jedoch nicht über einen Frieden mit Israel, sondern darüber, wie sie ihren eigenen Konflikt beilegen können. Politiker beider Gruppen verfolgen dabei besorgt die innenpolitischen Entwicklungen in Kairo, die den Vermittlern von Präsident Mursi wenig Zeit lassen, die Palästinenser zu versöhnen. In Gaza wird daher nicht damit gerechnet, dass Präsident Abbas bald wie Meschal in das Gebiet reist, das er seit der gewaltsamen Machtübernahme der Islamisten im Jahr 2007 nicht mehr besucht hat.

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