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Eichmanns Gnadengesuch : Nur ein „Instrument der Führung“

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Das Gnadengesuch Adolf Eichmanns war lange verschollen. Bild: dpa

Mehr als 40 Jahre nach seiner Hinrichtung ist nun das Gnadengesuch des NS-Verbrechers Eichmann an den israelischen Präsidenten gefunden worden. Wie schon im Prozess in Jerusalem spielt er seine Rolle im Holocaust herunter.

          Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lag ein Gnadengesuch des deutschen NS-Verbrechers Adolf Eichmann in den Archiven des israelischen Präsidialamtes in Jerusalem. Juristische Experten seien nun im Zuge einer Digitalisierung von Archivmaterial überraschend auf das wichtige Zeitdokument gestoßen, sagte ein Sprecher des Staatspräsidenten Reuven Rivlin. Zum internationalen Holocaust-Gedenktag wurden das handschriftliche Dokument sowie eine Kopie in Schreibmaschinenschrift erstmals öffentlich vorgestellt.

          In dem auf den 29. Mai 1962 datierten Schreiben an den damaligen Präsidenten Ben Zvi spielt Eichmann, der als einer der Hauptorganisatoren des Holocaust gilt, seine Verantwortung herunter. Er sei „lediglich Instrument der Führung“ gewesen, heißt es unter anderem in dem Brief. Es sei zwar bekannt gewesen, dass Eichmann schriftlich um seine Begnadigung gebeten habe, sagte Rivlins Sprecher. „Es wusste nur lange niemand, wo der Brief aufbewahrt wurde.“ Es handele sich bei der handschriftlichen Version um das einzige Original.

          Bei einer Gedenkveranstaltung 55 Jahre nach dem aufsehenerregenden Prozess gegen Eichmann waren auch die Tochter des israelischen Chefanklägers Gideon Hausner und Rafael Eitan zugegen. Letzterer war 1960 als Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad an der Entführung Eichmanns aus Argentinien beteiligt. Israel hatte Eichmann Ende 1961 zum Tode verurteilt.

          Rafi Eitan half bei der Ergreifung Eichmanns.

          „Das Böse in Eichmann war offensichtlich“, sagte Rivlin nach Angaben seines Büros. Er sei für den Mord an ganzen Familien verantwortlich. Der historische Prozess gegen Eichmann in Israel habe einen „Bann des Schweigens gebrochen“.

          Auch ein Telegramm von Eichmanns Frau Vera, in dem sie um Gnade für den ehemaligen SS-Obersturmbannführer bat, wurde veröffentlicht. Sie schrieb dem Präsidenten, das Schicksal ihres Mannes liege in seiner Hand. „Als Frau und Mutter von vier Kindern bitte ich euer Excellenz um das Leben meines Mannes.“

          Adolf Eichmann am ersten Prozesstag in Jerusalem

          Der damalige israelische Präsident antwortete Eichmann nicht direkt, sondern schrieb auf Hebräisch an den israelischen Justizminister. In dem Brief vom 31. Mai 1962 hieß es, er habe Gnadengesuche Eichmanns geprüft und erwogen. „Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass es keinerlei Berechtigung zu einer Begnadigung oder Milderung der Strafe Adolf Eichmanns gibt“, schrieb Ben Zvi. Noch in der Nacht wurde Eichmann hingerichtet – es war das erste und letzte Mal, dass Israel die Todesstrafe vollstreckte.

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