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Gewalt in der islamischen Welt : Hassmaschine

Ein bizarres Filmchen reichte dem Mob, um westliche Botschaften in zahlreichen islamischen Ländern anzugreifen. Sie Angriffe und Proteste zeugen davon, dass eine verlässliche Schar von extremistischen Muslimen jederzeit zum Proteststurm bereitsteht.

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          Wieder schaut der Westen mit Empörung auf die arabische und islamische Welt. Eine neue Gewaltlawine rollt herab, wieder hat es Tote gegeben. Dieses Mal ist es besonders niederschmetternd, weil ein bizarres Kulturkampffilmchen dem Mob als Anlass genügte, westliche Botschaften in Kairo, Khartum, Sanaa und Tunis anzugreifen. Islamische Eiferer können sich auf ein Machwerk berufen, das offenbar gezielt zur Provokation verbreitet wurde. Die Hassmaschine springt schnell an, und wenn sie läuft, dann stoppt sie so leicht niemand mehr.

          Die Empfindlichkeiten in der islamischen Welt sind groß, was den Propheten Mohammed und den Koran betrifft. Es ist bekannt, dass die religiöse Toleranz dort engere Grenzen hat als bei uns. Mohammed ist für Muslime nicht nur der Überbringer von Gottes Wort, er ist eine Heldenfigur, die für eine ruhmreiche Vergangenheit und eine bessere Zukunft steht.

          Der Westen wird für die Probleme der Gegenwart verantwortlich gemacht

          Für die Probleme der Gegenwart wird nicht zuletzt der Westen verantwortlich gemacht. Es haben sich über Jahrzehnte Ressentiments festgesetzt, vor allem gegenüber Amerika und Israel. Jahrzehnte der Diktatur, der Abgeschottetheit und der Propaganda haben tiefe Spuren hinterlassen. Wahrscheinlich fiele es vielen aufgebrachten Ägyptern oder Jemeniten schwer zu glauben, dass es ein amerikanisches Staatsfernsehen, das den besagten Film (den wahrscheinlich kaum ein Demonstrant selbst gesehen hat) als eine politische Botschaft ausgestrahlt hätte, gar nicht gibt.

          Es werden viele Jahre vergehen, bis der wütende Demonstrant und der erschrockene Beobachter im Westen nicht mehr in völlig verschiedenen Vorstellungswelten leben. Es wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass die kulturellen Unterschiede dazu genutzt werden, neue Gewalt zu schüren.

          In den Umsturzländern steht viel auf dem Spiel

          Doch die Angriffe und Proteste zeugen nicht nur davon, dass es eine verlässliche Schar von extremistischen Muslimen gibt, die zum Proteststurm bereitstehen. Sie zeigen auch, wie schwer die Region nach den arabischen Revolten zu handhaben ist. In den Umsturzländern steht besonders viel auf dem Spiel. In Tunesien ist die Aufbruchstimmung abgeklungen. Frauen ringen um die Gleichberechtigung, Salafisten greifen nicht nur die amerikanische Botschaft an, sondern auch Bars. Dschihadisten profitieren im noch immer waffenstarrenden Libyen von den immensen Sicherheitsproblemen, die angesichts der demokratischen Fortschritte nach dem Sturz Gaddafis für eine Weile übersehen wurden. Jetzt kommen die Extremisten aus der Deckung.

          In Ägypten können die straßenkampferprobten Ultras im Windschatten islamistischer Einpeitscher ihre Fehde mit der verhassten Bereitschaftspolizei weiterführen. So kommt es, dass radikale Fußballfanatiker unter dem Banner radikaler Islamisten randalieren. Es waren nicht bloß bärtige Salafisten vor der Botschaft, es waren junge Leute in Jeans und Turnschuhen dabei. Der Volkszorn ist diffus und vielschichtig, der Mob hat viele Gesichter.

          Präsident Obama ist besonders frustriert

          Mubarak oder Salih hatten nichts gegen den Hass auf Israel und Amerika unternommen, obwohl beide von der Unterstützung Washingtons profitierten. Sie argumentierten nicht oder rückten gerade, sie legten ihren Bürgern einfach Fesseln an. Die neuen, nachrevolutionären Gesellschaften sind weitaus zerbrechlicher als die über lange Zeit selbstverständlichen Haltungen in der Bevölkerung.

          Wie schwierig es ist, dem entfesselten Volkszorn zu begegnen, zeigt das Zaudern und Lavieren von Mubaraks Nachfolger Muhammad Mursi. Präsident Obama ist über die Entwicklungen in Kairo offenbar besonders frustriert - auch wenn es teils dem Wahlkampf geschuldet sein mag, dass er sagte, Ägypten sei kein Verbündeter Amerikas. Der aus der islamistischen Muslimbruderschaft stammende Mursi konnte den obskuren Mohammed-Film aus politischen Gründen nicht einfach als billige Provokation abtun und gelassen ignorieren. Er wollte es auch nicht, denn er empfindet ihn wohl - wie viele seiner Landsleute - als Beleidigung.

          Zugleich darf Mursi nicht die Interessen seiner Regierung aus den Augen verlieren, schließlich erhofft sich Kairo von Washington Milliarden Dollar an finanzieller Unterstützung. Ohne Amerika (und Europa) geht es auch für den neuen ägyptischen Staatschef nicht, selbst wenn die Muslimbrüder und große Teile der ägyptischen Bevölkerung die Regierung in Washington missbilligen mögen. Die Wirtschaftshilfen und Investitionen sind für ihr politisches Überleben einfach zu wichtig.

          Das Ägypten nach der Revolution ist undurchsichtig und durchmischt. So wie die Gruppe Jugendlicher, die am Abend des 11. September 2001 auf der Straße eines Mittelschichtviertels von Kairo zusammenstanden. Auf den Fernsehschirmen flimmerten die Schreckensbilder aus New York. Feixend stellten die Jungs mit ihren Händen nach, wie die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers krachten. Dann gingen sie essen - in ein Hamburgerrestaurant.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

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