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Gewalt gegen Frauen : Schatten über dem Neubeginn in Ägypten

  • -Aktualisiert am

Notdürftiger Schutz: Am Tahrir-Platz in Kairo trennen freiwillige Helfer Frauen von Männern, um Überfälle am Rande der Demonstrationen zu verhindern. Bild: AP

Mit systematischer sexueller Gewalt versuchen offenbar bestellte Banden in Ägypten, Frauen vom Demonstrieren abzuhalten und zu demoralisieren. Eine Deutsche in Kairo entkam nur knapp einer Gruppe Vergewaltiger am Tahrir-Platz.

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          Den zweiten Umsturz in Ägypten binnen kurzer Zeit hat Tanja Göbel verpasst. In der vergangenen Woche, in der Muhammad Mursi vom Militär gestürzt wurde, hielt sie sich fern vom Tahrir-Platz. Zu groß war ihre Angst, wieder ins dichte Gedränge auf dem Platz zu geraten, zu groß die Furcht, dass noch einmal passieren würde, was ihr dort im Januar widerfuhr. Damals wollte sie eigentlich mit Tausenden anderen den zweiten Jahrestag des Sturzes Husni Mubaraks feiern. Daraus wurde nichts. Schon am Eingang scharten sich Dutzende Männer um die junge Deutsche, trennten sie gewaltsam von einer Freundin und deren Mann. Enger und enger schloss sich der Kreis, ehe die Kerle zupackten. Sie rissen ihr die Hose runter, den Pullover hoch, den Büstenhalter vom Leib.

          Von vorne, von hinten, immer wieder befingerten die Männer sie, zerrten und zogen an ihr herum. Völlig zerfetzt war ihre Unterhose, als sie sich nach Minuten endlich befreien konnte. Aber das merkte sie erst viel später. Ein großer Mann kam ihr zur Hilfe. Mit aller Kraft klammerte sie sich an seinen Rücken, um aus der Menge der Vergewaltiger hinauszukommen. Noch auf der Flucht über den Platz liefen ihre Peiniger hinter ihr her, zerrten weiter an ihrer Hose. Als sie endlich draußen war, in der Obhut einer Hilfsorganisation für Opfer sexueller Übergriffe, konnte sie nicht aufhören zu weinen.

          Immer wieder Blutungen

          Ein halbes Jahr später hat Göbel die Demütigungen noch immer nicht ganz überwunden. Monatelang war sie völlig durcheinander, alle zwei Wochen bekam sie Blutungen. Waden und Oberschenkel waren von Prellungen und Schürfwunden übersät. Heute sitzt sie in einem Café auf der anderen Seite des Nils, im Fernsehen laufen die Bilder von den neuen Massenprotesten auf dem Tahrir-Platz.

          Revolution, Teil zwei: Nach Mubarak ist nun auch Muhammad Mursi gestürzt, der zweite Präsident in dreißig Monaten. Doch wie über dem stolzen 25. Januar 2011 liegt auch über den neuen ägyptischen Jubeltagen im Juni und Juli ein Schatten: Mehr als hundert Frauen wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen in den vier Tagen des Aufstands - bis zum Mittwoch dieser Woche, an dem Mursi abgesetzt wurde - vergewaltigt. Anfang des Jahres, als die Bande über Göbel herfiel, waren es 19 Opfer allein in einer Nacht.

          „Dieses Gefühl, völlig ausgeliefert und hilflos zu sein, trifft jede Frau in ihrer Ehre“, sagt die blonde Frau, die seit Jahren in der ägyptischen Hauptstadt lebt, fließend Arabisch spricht, und sich immer furchtlos und frei bewegte in der hektischen Millionenstadt.

          Verängstigt und gedemütigt

          Diese Freiheit hat sie verloren. Nur die paar Schritte von ihrer Wohnung hinüber ins Büro sei sie vorige Woche gelaufen, erzählt Göbel. Ihr Viertel habe sie nicht verlassen, schon die Bilder von den Menschenmassen auf dem Tahrir-Platz machten ihr Angst. Nach den Jubelfeiern von Mittwochnacht und Donnerstag brachen am Wochenende Kämpfe zwischen Anhängern und Gegnern Mursis rund um Kairos Heldenplatz aus. Auf dem Rückzug kamen sie auch durch ihr Viertel. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

          Schon Anfang 2011 erlitt der Ruf des Platzes als Symbol friedlichen Protests erste Schrammen: In den letzten Stunden des Mubarak-Regimes wurde die amerikanische Journalistin Lara Logan von Männern „mit den Händen“ vergewaltigt, wie sie später zu Protokoll gab. Seitdem ist das Bewusstsein vieler Aktivisten geschärft: Auf dem Bildschirm in dem lauten Wasserpfeifencafé, in dem Tanja Göbel ihre Geschichte erzählt, sieht man einen schwarzen Ring vor der Bühne des Tahrir-Platzes. Die Organisatoren haben mit Seilen einen Bereich für Frauen abgesperrt - es ist der Versuch, ein Mindestmaß an Schutz zu gewähren.

          Geholfen hat das vielen trotzdem nicht. Zu groß ist der Platz, zu unübersichtlich sind die kleinen Seitenstraßen, in denen viele der Übergriffe stattfanden. Im Schutz der Menge fänden sich immer schnell ein paar Gelegenheitstäter, die eher mitmachten, statt einzugreifen, sagt Göbel. Freunde, mit denen sie sich täglich politisch austauscht, lehnten es ab, sie zu den Protesten zu begleiten. Keiner wollte die Verantwortung übernehmen, falls sie wieder gewaltsam von ihren Begleitern getrennt werden sollte wie im Januar.

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