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Genozid an Armeniern : Es war einmal ein gutes Osmanisches Reich

Der detailreichen Schilderung osmanischer Fürsorgemaßnahmen steht die kryptische und nicht nur für Zehntklässler kaum greifbare Darstellung über „das Ende des Armenierproblems“ gegenüber. Demnach ist der gesamte Zwischenfall letztlich durch einen Verwaltungsakt beendet worden. In einem Kasten zum Auswendiglernen heißt es dazu: „Wichtig:... Im Ersten Weltkrieg und danach waren die Armenier nicht untätig und wurden von einigen Staaten gegen die türkische Nation aufgewiegelt. Während des Befreiungskrieges hat das türkische Parlament die Armenier besiegt und mit ihnen am 3. Dezember 1920 das Gümrü-Abkommen unterzeichnet, und somit ist das Armenierproblem verschwunden.“ Klingt wie: „Eines Tages legte Wilhelm Tell seinem Sohn einen Apfel auf den Kopf, und schon gab es die Schweiz“ – steht aber tatsächlich so in einem türkischen Schulbuch.

Armeniens angeblicher Plan der vier Ts

Das „Armenierproblem“ war da, und dann ist es an einem Dezembertag im Jahr 1920 „verschwunden“. Jedenfalls fast, denn: „Unsere Nachbarn und Europäer, die nicht wollen, dass die Türkei eine große Macht in der Region wird, haben 1965 die armenische Sache wieder auf die Tagesordnung gebracht. In Frankreich und den USA haben einige Organisationen der armenischen Diaspora begonnen, Propaganda zu machen.“ Die Armenier hätten einen „Plan der vier Ts“ verfolgt, nämlich „Bekanntmachung, Anerkennung, Entschädigung, Land“ (auf Türkisch Tanitim, Taninma, Tazminat, Toprak) und dazu am 20. Januar 1975 die Terrororganisation „Asala“ gegründet. Deren Ziel sei es gewesen, Teile Ostanatoliens an Armenien anzuschließen. Eine armenische Terrorgruppe namens Asala gab es tatsächlich. Ihre Angehörigen verübten zahlreiche Attentate auf türkische Diplomaten. So ermordeten armenische Terroristen am 9. März 1983 in Belgrad den türkischen Botschafter in Jugoslawien. Durch die nahtlose Verbindung des armenischen Terrorismus mit dem „Armenierproblem“ von 1915 soll der staatsterroristische osmanische Völkermord an den Armeniern vor einem Jahrhundert gleichsam als Antiterrormaßnahme dargestellt werden. Von einem Völkermord sprechen nach dieser Lesart dagegen nur Armenier und böswillige Ausländer. Die Türkei habe daher im Jahr 2001 „gegen die Behauptungen der Armenier den ,Koordinationsrat für die Bekämpfung der haltlosen Völkermordsbehauptungen‘“ gegründet.

Das ist alles, was türkische Kinder aus ihrem Geschichtsbuch über den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts erfahren. Regierungschef Ahmet Davutoglu wird es besser wissen, doch auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat aus solchen (und schlimmeren) Schulbüchern sein Geschichtsbild gezogen.

Im aktuellen Geschichtsbuch – das gegenüber den Ausgaben früherer Jahre schon deutlich entschärft wurde – ist auf Seite 317 abschließend ein Foto mit einem Leichenberg abgedruckt. „Massenhaft getötete Türken“ lautet die Bildzeile darunter. Wer diese Menschen wo und wann tötete, geht aus der Unterschrift nicht hervor, aber nach all dem Gelesenen werden die Schüler gewiss den von den Verfassern gewollten Schluss ziehen, dass die Täter Armenier waren – wer sonst? So wird, im Jahr 2015, Schulkindern in der Türkei die Geschichte ihres Landes vermittelt. Wiederum mit Leopold von Ranke ließe sich sagen, dass die glücklichen Zeiten der Menschheit die leeren Blätter im Buch der Geschichte sind. Der April 1915 aber war kein leeres Blatt in der Geschichte des Omanischen Reiches.

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