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Genozid an Armeniern : Es war einmal ein gutes Osmanisches Reich

Gerettet: Armenische Flüchtlinge 1915 auf einem französischen Schiff vor der osmanischen Küste nördlich von Latakia.

Es waren demnach die Schwierigkeiten des Osmanischen Reiches auf dem unruhigen Balkan, die zum Berliner Kongress von 1878 führten und auch die Armenier anstachelten. Als die damaligen Großmächte in Berlin unter Vermittlung Bismarcks ihre Einflusssphären auf dem Balkan neu zuschnitten, sei in der osmanischen Geschichte zum ersten Mal „das Armenierproblem“ („Ermeni sorunu“) aufgetaucht. Die Armenier hätten Vereinigungen und Verbände gegründet, um Aufstände zu organisieren. Warum und wogegen die Armenier aber rebelliert haben könnten, erfahren die Schüler nicht. Auch eine Proklamation oder zeitgenössische Aussagen aus armenischer Perspektive fehlen gänzlich. Stattdessen wird resümiert: „Merke: Das Armenierproblem ist zum ersten Mal mit dem... Berliner Abkommen aufgetreten.“ Die Armenier hätten nämlich einen Bericht an die Delegationen des Berliner Kongresses geschickt, laut dem in Erzurum, Van sowie in Diyarbakir mehr als 1,3 Millionen Armenier, aber nur 729000 Türken lebten, und deshalb „dort die Gründung eines armenischen Staates“ gefordert. Doch habe der britische Außenminister Salisbury diese „gefälschten Dokumente der Lüge überführt“. Doch wenn die Dokumente gefälscht waren, wie war die Zusammensetzung der Bevölkerung in der Region dann tatsächlich? Wie sahen Armenier selbst ihre Lage? Darauf finden die Lernenden in ihrem Schulstoff keine Antwort.

Blutiger Fehlbetrag von fast einer Million Menschen

Nach dieser Vorbereitung steuert das Kapitel unter der Überschrift „Die armenischen Ereignisse“ auf seinen Höhepunkt zu. Die Russen hätten im Ersten Weltkrieg an der Kaukasus-Front „auch die Armenier aufgewiegelt, und viele Zivilisten haben ihr Leben verloren“. Deswegen habe der osmanische Staat 1915 ein „Deportationsgesetz“ verabschiedet und beschlossen, „etwa 700000 armenische Staatsbürger in ein kriegsfreies Gebiet nach Syrien umzusiedeln. Während bei dieser Umsiedlung ein Teil der Armenier sein Leben verlor, hat die europäische Öffentlichkeit begonnen, dies als Völkermord an die Welt zu lancieren. Aber so einen Völkermord gibt es eigentlich nicht“. Wie die Beschuldigungen der europäischen Öffentlichkeit lauten und warum es einen Genozid „eigentlich“ nicht gegeben habe, obwohl „ein Teil“ der Armenier sein Leben verlor, erfahren die Schüler nicht. In einem Kasten heißt es stattdessen: „Merke: Nach der Volkszählung von 1912 gab es auf osmanischem Territorium 1,3 Millionen Armenier. Umgesiedelt wurden 702900. Die Deportation wurde am 24. Oktober 1916 gestoppt.“ Es gibt eine andere Zahl aus türkischen Quellen, die das Buch den Schülern verschweigt: Demnach waren im Osmanischen Reich vor dem Jahr 1915 mehr als 1250000 Armenier registriert, während es zwei Jahre später, wiederum laut osmanischen Quellen, nur noch 284000 waren. Was geschah mit den anderen? Das ist eine Frage, die sich türkische Schüler nicht stellen können, weil ihnen der blutige Fehlbetrag von fast einer Million Menschen vorenthalten wird. Sie sollen es nicht wissen. Sie sollen nicht fragen. Dass der Istanbuler Historiker Halil Berktay schon im Jahr 2000 mit soliden Belegen von „Todesschwadronen“ und kriminellen Freischärlereinheiten berichtete, die den Armeniern 1915 auf den Hals gehetzt wurden, ist nie in die Schulbücher vorgedrungen.

Stattdessen werden, gleichsam als erläuternde Vorgeschichte zu den Deportationen, ein Dutzend Aufstände und blutige Übergriffe armenischer Terroristen (die es tatsächlich gab) aufgelistet: die Rebellionen in Erzurum und Adana im Jahr 1890 oder eine Erhebung in Merzifon drei Jahre später, als „25 unserer Soldaten zu Märtyrern wurden“, wie es in dem säuberlich zwischen „uns“ und „denen“ unterscheidenden Buch heißt. Es folgten der Angriff auf die Osmanische Bank in Istanbul 1896 und ein Bombenanschlag auf Sultan Abdülhamit II. 1905. Doch all die Zahlenkolonnen marschieren nackt durch das Schulbuch.

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