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Geiselaustausch mit IS : Poker um Selbstmordattentäterin

Die verurteilte Terroristin Sadschida al Ridschawi soll gegen den von IS gefangenen jordanischen Kampfpiloten Mutah Kasasbeh ausgetauscht werden. Bild: dpa

In Jordanien hält sich die Hoffnung, dass ein junger Kampfpilot im Austausch mit einer Terroristin lebend aus der Geiselhaft der Terrormiliz IS wiederkehrt. Die Dschihadisten zeigten sich überraschend verhandlungsbereit. Wer ist Sadschida al Ridschawi, die IS so wichtig ist?

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          „Wir sind alle Moaz Kasasbeh“ lautete der Aufruf auf einer jordanischen Internetseite. Daneben war der junge Pilot neben einem Kampfflugzeug des Typs F-16 zu sehen. Jordanien bangt um sein Leben, seit seine Maschine am 24. Dezember im Nordwesten Syriens abgeschossen worden war und die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ihn als Geisel genommen hatte.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Am Mittwoch war im haschemitischen Königreich die Hoffnung auf seine baldige Heimkehr gewachsen, am Donnerstag wuchsen wieder die Sorgen: Die Terrororganisation reagierte bisher nicht auf das Angebot der jordanischen Regierung, Kasasbeh und möglicherweise auch die japanische Geisel Kenji Goto  im Austausch für die in Jordanien zum Tode verurteilte Terroristin Sadschida al Ridschawi freizulassen. Am Mittwochnachmittag verstrich eine erste von der IS gesetzte Frist. Erst wenige Tage zuvor hatten die Dschihadisten den im August in Syrien verschleppten Japaner Haruna Yukawa getötet.

          Ein jordanischer Regierungssprecher sagte am Donnerstag, man warte immer noch auf den Beweis dafür, dass der Pilot am Leben sei. Erst dann könne er gegen die Terroristin ausgetauscht werden, meldete die Zeitung „Jordan Times“. Ob dann auch die japanische Geisel freikommen wird, ließ der Sprecher – wie schon am Mittwoch – offen. Die japanische Regierung nahm zu dem jordanischen Angebot nicht Stellung. Die Bereitschaft Jordaniens, sich auf die Forderung der Dschihadisten einzulassen wird in Amman auch damit erklärt, dass Kasasbeh einem einflussreichen Stamm angehört, der im jordanischen Königreich und in den Streitkräften eine wichtige Rolle spielt.

          In Jordanien war man jedoch überrascht, dass IS ausgerechnet die Freilassung der 46 Jahre alten Gefangenen forderte, die in den vergangenen Jahren fast in Vergessenheit geraten war – für die beiden Japaner hatte die Terrormiliz noch kurz zuvor ein Lösegeld von 200 Millionen Dollar verlangt.

          Sadschida al Ridschawi gehörte zu den vier Terroristen, die im November 2005 versuchten, den Selbstmordterror aus dem Irak ins Nachbarland Jordanien zu tragen. Treibende Kraft dahinter war der aus Jordanien stammende Führer von Al Qaida im Irak, Abu Musab al Zarqawi.

          Sie verübten fast gleichzeitig Selbstmordanschläge in drei Hotels in der jordanischen Hauptstadt; 57 Menschen kamen damals ums Leben. Besonders perfide war der Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft im Radisson-Hotel: Gemeinsam mit ihrem Ehemann betrat Sadschida al Ridschawi den Saal und sie zündeten ihre Sprengstoffgürtel.

          Ihr Mann wurde getötet, bei ihr blieb die Explosion aus. Nach Informationen der Zeitung „New York Times“ sind in Jordanien etwa 60 Islamisten inhaftiert, die Verbindungen zum „Islamischen Staat“ und „Al Qaida“ haben soll. Unter ihnen sind demnach wesentlich wichtigere Mitglieder als Sadschida al Ridschawi.

          Deshalb rätselt man in Amman darüber, warum die Terrormiliz ihre Freilassung verlangte. Als ein möglicher Grund wird genannt, dass sie zu den ersten Selbstmordattentäterinnen in der Terrorkampagne von Al Qaida gehörte.

          Sadschida al Ridschawi stammte aus der irakischen Anbar-Provinz, unter deren sunnitischen Einwohnern sich zunächst Al Qaida und später IS festsetzten.

          Der Tod ihres ersten Ehemanns und zweier ihrer Brüder, die im Kampf gegen die amerikanischen Truppen im Irak umgekommen waren, habe sie radikalisiert, so dass sie sich schließlich als Selbstmordattentäterin rekrutieren ließ, berichtete die „New York Times“.

          In Amman befürwortet mittlerweile selbst der Bräutigam, dessen Braut und Vater bei dem Attentat im Radisson-Hotel umkamen, ihren Austausch.

          Sie sei ein „Niemand“, wurde er in der Presse zitiert. Wenn für sie der jordanische Pilot freikomme, habe die Familie nichts dagegen, Sadschida al Ridschawi auf freien Fuß zu setzen, selbst wenn sie danach wieder zur Terroristin werden sollte.

          Das scheinen viele Jordanier ähnlich zu sehen. Ihnen ist das Leben von Mutah Kasasbeh wichtiger als eine harte Linie gegenüber den Dschihadisten vom „Islamischen Staat“.

          Vor dem Büro des jordanischen Ministerpräsidenten demonstrierten am Mittwoch mehrere hundert Angehörige und Freunde des Piloten für den Austausch. Viele Jordanier halten ohnehin wenig von der Beteiligung ihres Landes an der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz.

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