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Geburtskirche Jesu : Rückkehr nach Bethlehem

Gerechtigkeit zu Weihnachten: Nahe der Geburtskirche in Bethlehem ist eine politische Botschaft zu lesen. Bild: AFP

In der Geburtskirche Jesu wartet man zu Weihnachten auf den großen Ansturm. Ansonsten hat Pilgertourismus in die Palästinensergebiete unter dem Gaza-Krieg zu leiden – und unter israelischen Restriktionen.

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          Die Kugeln am großen Christbaum vor der Geburtskirche haben drei Farben. Sie sind rot, grün und weiß – wie die palästinensische Nationalflagge. Auf dem Krippenplatz und in den Straßen der Stadt hat die palästinensische Regierung ihren Wunschzettel plakatiert: „Alles, was ich mir zu Weihnachten wünsche, ist Gerechtigkeit.“ Bis zu 15.000 Besucher werden an den Feiertagen in Bethlehem erwartet. Um des Ansturms Herr zu werden, müssen für die Geburtskirche Platzkarten ausgegeben werden, Messen werden während der Heiligen Nacht im Stundentakt gefeiert. In der Kirche ist noch weniger Platz als sonst. Die vor einem Jahr begonnenen Restaurierungsarbeiten kommen nur langsam voran. Das Kirchenschiff gleicht mit seinen Gerüsten seit mehr als einem Jahr einer Großbaustelle.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Doch die Menschen in Bethlehem sind froh, dass es an Weihnachten wieder eng wird. „Alle 48 Hotels der Stadt sind ausgebucht“, sagt die palästinensische Tourismusministerin Rula Maaja zufrieden. Und sie glaubt, dass die Zahl der Unterkünfte noch zunehmen wird. „Die Anerkennung des Staates Palästina durch immer mehr europäische Parlamente ist sehr wichtig und stimmt uns hoffnungsvoll“, sagt die Ministerin. Nach ihrer Ansicht wird mehr Anerkennung auch mehr Besucher bringen. Der ungelöste Nahostkonflikt wirft seinen langen Schatten auf die Geburtsstadt Jesu, in der auch kleine Gesten große Wirkung entfalten können.

          So wenig Touristen wie lange nicht mehr

          Das erlebte im Mai Papst Franziskus. Auf dem Weg zum Krippenplatz ließ er an der israelischen Sperranlage überraschend sein Fahrzeug anhalten. Er stieg aus, berührte mit der Hand und der Stirn den kalten Beton. Sein stilles Gebet verstanden viele Palästinenser als einen deutlichen Protest gegen das Bauwerk, das Bethlehem und seine Umgebung immer stärker einschnürt und den Weg nach Jerusalem blockiert. Mittlerweile folgen Pilger dem Beispiel des Papstes und legen an der Mauer mit ihrem massiven Metalltor einen Zwischenstopp ein.

          In Bethlehem hatte man gehofft, dass nach dem Papst noch mehr Christen in die Stadt kämen. Stattdessen reisten im Sommer so wenige Gäste an wie lange nicht mehr. Nachdem im Juli der Krieg im Gazastreifen begonnen hatte, stornierten mehr als 60 Prozent der Besucher ihre Buchungen. Auf 30 Millionen Dollar werden die Verluste geschätzt. Die Anschläge und Ausschreitungen im benachbarten Jerusalem trugen dazu bei, dass Ausländer im Herbst erst langsam wieder Vertrauen fassten und ins Heilige Land kamen.

          Besatzung zieht den Tourismus runter

          Dieser Rückgang traf Bethlehem hart, denn mit 26 Prozent hat die Stadt die zweithöchste Arbeitslosenquote nach dem Gazastreifen in den Palästinensergebieten. 21 Prozent der Einwohner des Bezirks leben unterhalb der Armutsgrenze. Nur weil in der ersten Jahreshälfte so viele Ausländer wie noch nie nach Bethlehem und die Palästinensergebiete gereist waren, fällt die Jahresbilanz nicht so schlimm aus wie befürchtet: Statt 2,6 Millionen Besuchern würden es in den palästinensischen Autonomiegebieten in diesem Jahr nur 2,5 Millionen sein, erwartet man im Tourismusministerium. Die meisten von ihnen kommen nach Bethlehem.

          „Im Vergleich zu europäischen Pilgerorten wie Lourdes mit jährlich sechs Millionen Besuchern, ist das wenig, wenn man bedenkt, dass bei uns alles anfing“, sagt Bethlehems Bürgermeisterin Vera Baboun. Zum Leidwesen der Hoteliers und Holzschnitzer bleiben die meisten jedoch nicht über Nacht, sondern halten sich weniger als zwei Stunden in der Stadt auf. Meistens reisen sie zudem in israelischen Bussen und mit israelischen Reiseleitern an, so dass sie kaum Geld ausgeben.

          Nach Informationen der örtlichen Handelskammer haben 150 israelische Reiseführer die Genehmigung der israelischen Behörden, in Bethlehem zu arbeiten, aber nur 43 Palästinenser dürfen Gruppen in Israel führen. Ausländische Fachleute schätzen, dass die palästinensische Tourismusbranche ohne die Einschränkungen durch die israelische Besatzung dreimal so viele Mitarbeiter beschäftigen und dreimal so viel verdienen könnte. Derzeit sind es im Jahr knapp 400 Millionen Dollar.

          Exodus der Christen hält an

          In Sichtweite von Bethlehem liegt zum Beispiel das Herodion, Palast und Grabstätte des Königs, der herrschte, als Jesus geboren wurde. „Wie die Höhlen von Qumran am Toten Meer ist die Ausgrabungsstätte vollständig unter israelischer Kontrolle, obwohl sie auf palästinensischem Gebiet liegen. Die israelische Nationalparkbehörde verwaltet das Herodion mit eigenen Leuten und behält die Einnahmen“, sagt Fadi Kattan, ein Berater des palästinensischen Tourismusministeriums. Nur dreizehn Prozent des Bezirks von Bethlehem sind nach Angaben der PLO unter palästinensischer Kontrolle. In den 21 Siedlungen östlich der Grünen Linie leben demnach mehr als 100.000 Israelis neben etwa doppelt so vielen Palästinensern.

          „Der Ausbau der israelischen Sperranlage schnürt uns immer weiter ab und trennt die Geburtskirche von der Grabes- und Auferstehungskirche in Jerusalem“, sagt Bethlehems Bürgermeisterin Vera Baboun, die am Ersten Advent wieder im Obersten Gericht in Jerusalem war. Dort fand nach einem Rechtsstreit die letzte Anhörung zum Verlauf der Sperranlage durch das Cremisan-Tal am Rand der Nachbarstadt Beit Jala statt. Jederzeit kann jetzt das Urteil ergehen. Es könnte bedeuten, dass die beiden Salesianerklöster in dem fruchtbaren Tal voneinander getrennt und der Zugang der Bauern zu ihren Feldern und Weinbergen erschwert wird. In Beit Jala und Bethlehem wurde schon vielen Christen das Leben zu beschwerlich. Seit Jahren dauert dieser Exodus an, dem sich längst auch Muslime angeschlossen haben. „Ich war schockiert zu hören, dass in den vergangenen Monaten wieder 40 Familien Bethlehem verlassen haben“, sagt Bürgermeisterin Baboun. Vor mehr als 60 Jahren hätten Christen in der Geburtsstadt Jesu noch 82 Prozent der Einwohner ausgemacht, heute seien es nur noch gut ein Fünftel.

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