https://www.faz.net/-gq5-7sm43

Gazakrieg : „Massaker an der Wirtschaft“

Tausende Gebäude sind in Gaza zerstört worden - darunter auch viele Unternehmen Bild: AP

Die palästinensische Autonomiebehörde und die Vereinten Nationen erwarten, dass es Milliarden Dollar kosten wird, um Gaza wieder aufzubauen. 12.000 Wohnungen und das einzige Kraftwerk haben schweren Schaden genommen.

          Mohammed al Telbani kann immer noch nicht verstehen, warum die israelischen Panzer sein Unternehmen angegriffen haben. Die Schokoladenkekse und Waffeln von „Al Awda“ kennt in Gaza jedes Kind. Nun steht ihre Produktion vor dem Aus. Die israelische Armee teilt lediglich mit, dass sie keine Fabriken angreife, sondern nur Gebäude, in denen Raketen hergestellt oder aus denen Raketen abgefeuert wurden. „Meine 450 Angestellten produzierten nur Süßigkeiten, in unseren Lagern befanden sich nur Zucker, Mehl und Margarine“, sagt Telbani. Und Medikamente: Telbani sagt, er habe einer Hilfsorganisation erlaubt, seine Kühlräume zu nutzen, die ebenfalls zerstört wurden.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Sieben Jahre Blockade und zwei Kriege hat Telbanis Fabrik in Deir al Balah überlebt. Jetzt steht der 61 Jahre alte Palästinenser vor den Trümmern seines Lebenswerks. „Seit 1977 habe ich immer nur auf- und ausgebaut. Ich werde auch jetzt weitermachen“, sagt Fabrikbesitzer Telbani, der schätzt, dass der Schaden für ihn durch den Krieg mindestens 30 Millionen Dollar beträgt.

          Mehrere Milliarden Dollar wären für den Wiederaufbau nötig

          Seit dem Beginn einer neuen Feuerpause in der Nacht zum Montag schweigen in Gaza die Waffen. Sie soll fürs erste drei Tage dauern. Es wird aber Jahre dauern, bis die Folgen des Krieges beseitigt sind, der auch die Unternehmer schwer getroffen hat. Die palästinensische Autonomiebehörde und die Vereinten Nationen erwarten, dass es zwischen viereinhalb und sechs Milliarden Dollar kosten wird, um Gaza wieder aufzubauen. Nicht nur 12.000 Wohnungen und das einzige Kraftwerk liegen in Trümmern. In der Handelskammer von Gaza klagt man über ein „Massaker an der Wirtschaft“: Rund 500 Unternehmen hätten bei den israelischen Angriffen Schaden genommen, unter ihnen auch die größte Ziegelbrennerei. Im Osten Gazas ist unweit der israelischen Grenze kein einziges intaktes Fabrik- oder Werkstattgebäude mehr zu sehen.

          Zwischen viereinhalb und sechs Milliarden Dollar könnte es den Vereinten Nationen zufolge dauern, Gaza wieder aufzubauen

          Mit den Maschinen und Gebäuden gingen auch Tausende Arbeitsplätze verloren. Rechnet man die Zulieferer ein, betrifft dies allein in der Keksfabrik in Deir al Balah 600 Stellen. In der Handelskammer von Gaza spricht man von insgesamt 5000 vernichteten Arbeitsplätzen. Andere Fachleute befürchten, dass es ein Vielfaches davon sein könnte. Schon vor dem Krieg war die Arbeitslosenrate im Gazastreifen auf mehr als 45 Prozent gestiegen. Ein wichtiger Grund dafür war, dass Israel kaum noch Baumaterial über die Grenze ließ und Ägypten die meisten Schmugglertunnel zerstörte. Auf den Baustellen verloren mehr als 70.000 Arbeiter ihre Stellen – nur in den Tunneln, die die Hamas für ihre Angriffe graben ließ, gab es offenbar Arbeit und ausreichend Zement. Grundsätzlich gelangen genug Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff über den israelischen Warenübergang in Kerem Schalom, um die gesamte Bevölkerung in Gaza versorgen zu können. Nur fehlt vielen Familien das Geld, um davon mehr als das Nötigste einzukaufen. Das spüren auch die Ladenbesitzer, deren Geschäfte in den Kriegswochen meistens geschlossen blieben. Viele mussten Personal entlassen.

          Unerreichbare Märkte

          Noch vor wenigen Jahren sah es in Gaza ganz anders aus. Das Gebiet habe ein „enormes Potential“, sagt der für die Palästinensergebiete zuständige UN-Nothilfekoordinator James Rawley: „Die Menschen sind sehr geschäftstüchtig und gut ausgebildet. Sie können Märkte in Israel und im Westjordanland beliefern. Die Blockade muss aufgehoben werden, damit der Gazastreifen aufblühen kann.“ Rawley spielt damit auf die Zeit vor 2007 an, als Israel nach der gewaltsamen Machtergreifung der Hamas Gaza abriegelte. Statt Hilfsgüter und Schmuggelware zu importieren, verließen jeden Tag 70 Lastwagen Gaza. Bauern exportierten Erdbeeren, Tomaten und Schnittblumen bis nach Europa. Die Keksfabrik und andere Firmen hatten Kunden im Westjordanland und in Jordanien. Die Möbel- und Textilindustrie boomte. Heute sind mehr als neunzig Prozent der Fabriken geschlossen, weil ihre Märkte außerhalb des Gazastreifens unerreichbar geworden sind.

          Seit 2012 ließ Israel nur noch rund 50 Lastwagen über die Grenze, wie die Menschrechtsorganisation Gisha berichtet. Wie groß die Kreativität der Einwohner Gazas selbst unter solch schwierigen Bedingungen ist, bewies die Hamas: Die israelische Armee fand heraus, dass der größte Teil ihrer Raketen in Gaza hergestellt wurden. Zum ersten Mal setzte die Hamas unbemannte Drohnen aus örtlicher Produktion ein. Auch ihr kilometerlanges Tunnelnetz hatte das israelische Militär unterschätzt.

          Kommt der Wiederaufbau bald wirklich in Gang, wird er neue Arbeitsplätze schaffen. Aber dafür müssten Israel und Ägypten ihre Grenzen viel weiter öffnen, als sie in den vergangenen sieben Jahren bereit waren. Als kleines Hoffnungszeichen empfanden es die Menschen, dass die ägyptische Regierung am Montag mehr Reisende und Hilfsgüter den Übergang in Rafah überqueren ließ, als in den Wochen zuvor. Israel will aber nur dann mehr Zement und anderes Baumaterial durchlassen, wenn sicher ist, dass es nur für Wohnungen und Fabriken verwendet wird und nicht für den Bau neuer Tunnel der Hamas. „Seit die Ägypter die Schmuggeltunnel blockiert haben, ist eine strikte Kontrolle möglich“, sagte Israels Justizministerin Zipi Livni am Montag. Zusätzlich könne Israel bei der Überwachung jetzt auch auf internationale Unterstützung bauen. Ginge es nach Livni, sollte man damit am besten „schon morgen früh“ beginnen.

          Topmeldungen

          „Haltet uns nicht länger hin“ fordern Demonstranten vor der Sitzung des Klimakabinetts in Berlin.

          Klimakabinett : Warmlaufen für den Tag der Entscheidung

          Weil erst in zwei Monaten feststehen soll, wie Deutschland seine Klimaziele einhalten will, vertagt die Regierung Beschlüsse. Bei einem Thema sperrt sich der Wirtschaftsminister besonders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.